"A cereo paschali" begann einmal das neue Jahr

Den Jahresbeginn am 1. Januar haben bereits die Römer 153 vor Christus eingerichtet. Bis dahin war der 1. März Beginn des Jahres. Als Cäsar 46 vor Christus den - erst später so genannten - Julianischen Kalender einführte, hielt er den formellen Jahresbeginn am 1. Januar bei. Der Jahreslauf addierte am 1. Januar zur jeweiligen Jahreszahl eine Einheit. Dieses bürgerliche Jahr oder Geschäftsjahr war zwar offizieller Jahresauftakt und führte im Mittelalter für den 1. Januar zu der Bezeichnung "Neujarstag"; aber neben diesem offiziellen Buchhaltertermin, Circumcisionsstil genannt, gab es sechs verschiedene abweichende andere Jahresanfänge, die statt des 1. Januar wirklich beachtet wurden:
Im klassischen Rom selbst wurde meist am 1. März der vorcäsarische Jahresanfang gefeiert. Noch die fränkischen Königskanzleien richteten sich nach diesem Datum, Rußland bis in das 13. Jahrhundert. Unsere Monatsnamen "September" und "Dezember" zeigen an, dass sie ursprünglich siebter beziehungsweise zehnter Monat waren, das Jahr also am 1. März begann.
In der christlichen Zeit bürgerte sich der 25. März (Mariä Verkündigung) als Jahresbeginn ein. Diesen Annuciationsstil (Marienjahr) befolgten zeitweise die Kaiserliche Kanzlei, die Bistümer Trier und Metz, etliche französische Bistümer und seit der Mitte des elften Jahrhunderts ganz England (mos Angelicanus). Hier blieb dieser Jahresanfang bis zum 1. Januar 1752 erhalten. Auch der besonders Maria verehrende Zisterzienserorden richtete sich jahrhundertelang am 25. März aus.
In anderen Teilen des christlichen Abendlandes oder in einzelnen Phasen der Entwicklung begann das Jahr zu Ostern: Meist begann es am Karsonnabend nach der Weihe der Osterkerze (a cereo paschali). Seit dem 13. Jahrhundert richteten sich weite Teile Frankreichs nach diesem Termin, Burgund, Flandern, Brabant, Hennegau, Seeland und die Grafschaft Holland ebenfalls. In den Niederlanden scheint der Ostertermin allerdings mit Karfreitag verbunden gewesen zu sein.
Der 1. September gilt als der byzantinische Jahresanfang. Er wurde im byzantinischen Einflussbereich eingehalten, aber auch bis in das 16. Jahrhundert in Süditalien, das unter griechischem Einfluss stand.
Seit der Karolingerzeit galt in der Kaiserlichen Kanzlei und in den meisten Bistümern und Ländern sowie beim Deutschen Orden der 25. Dezember als Jahresbeginn (Weihnachtsanfang). Mit diesem Jahresbeginn lag das theologische Schwergewicht auf der Menschwerdung Gottes. Die schon lange nicht mehr in Endzeiterwartung stehende Christenheit sah in der Inkarnation Gottes das Vorbild für den eigenen Lebensweg auf Erden. Seit Papst Johannes I. (523-526) den Todestag Jesu und damit das Osterfest neu hatte berechnen lassen, stand die Geburt Christi als Wendemarke der Zeit im Mittelpunkt.
Nicht nur das jeweilige neue Jahr begann am 25. Dezember; der Geburtstermin Jesu markierte - und das ist einmalig in der Kultur- und Religionsgeschichte - die Zeitenwende schlechthin. Ab dieser Zeit gliederte sich die Zeit in die Zeit vor Christi Geburt und in die Zeit nach Christi Geburt. Römische Kaiserregierungszeiten, Amtszeiten regionaler römischer Beamten, 753 vor Christus als legendärer Zeitpunkt der Gründung Roms, ja, auch die jüdische Jahresangabe für das Bestehen der Welt seit der Schöpfung verloren an Bedeutung.
Das Kirchenjahr dagegen begann und beginnt seit dem sechsten Jahrhundert mit dem ersten Advent.
Derjenige, der dafür Sorge getragen hat, dass wieder am Kalendertag 31. Dezember auch nach dem Sonnenjahr wirklich der 31. Dezember ist, der Kalender also wieder mit der Sonnenumrundung durch die Erde übereinstimmte, war Papst Gregor XIII. (1572-1585). Seine kultur-historisch bedeutsame Tat ist die nach ihm benannte Gregorianische Kalenderreform. Mit der Bulle "Inter gravissimas" vom 24. Februar 1582 setzte er den reformierten Kalender in Kraft. Um die überzähligen Tage zu eliminieren, folgte auf Donnerstag, den 4. Oktober unmittelbar Freitag, der 15. Oktober.
Was fasziniert die Menschen an den Wendemarken des Jahres? Erahnen sie vielleicht, dass ein Jahresende das eigene Lebensende und den Beginn eines neuen, ewigen Lebens symbolisiert, und dass sich Ende und Anfang letztlich doch nicht in edlem Champagner ersäufen und durch erkünstelte Lustigkeit verdrängen lassen? Auch wenn an keiner Uhr mehr das "Memento mori" durch den Hinweis "Una ex his tua erit" (Eine von diesen Stunden wird die deine sein) zu finden ist: Selbst unter der geschäftigen Fröhlichkeit zu Jahreswechseln verbirgt sich die Frage nach Sinn und Ziel. - Die Osternacht verweist nicht nur auf das durch Christus wieder erlangte ewige Leben, sondern auch auf den Fortgang der Zeit mit ihren Wendemarken.
Ende und Anfang haben mit der menschlichen Suche nach Orientierung zu tun, mit der Bestimmung des je eigenen Standortes. Jahresanfang und Zeitberechnung sind Mittel zur Orientierung in der Zeit. Ob es den Menschen noch bewusst ist, dass "Orientierung" die Ausrichtung nach dem Orient, dem Geburts-, Sterbe- und Auferstehungsort Jesu, meint, weil "ex oriente lux", nämlich nicht nur die Sonne, sondern vor allem Jesus Christus, kommt?
© Dr. Manfred Becker-Huberti, www.erzbistum-koeln.de
PEK (020221)
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Ein Artikel von www.glaube.de
Textbearbeitung: D. Bauer / Redaktionsleitung Glaube.de
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Mit freundlicher Genehmigung vom Herausgeber/Autor:
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URL: ebkdev.framfab.de/opencms/opencms/erzbistum/thema/osterzeit/kalenderjahr.html
Titel: Kalenderjahr
Beschreibung: Früher begann an Ostern das Kalenderjahr
Autor:Carsten Horn
Adresse: Erzbischöfliches Generalvikariat, Marzellenstraße 32, 50668 Köln ***********************************************************






