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25-10-06

Winfried Hahn: Ankommen bei Gott mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Warum sind negative Botschaften oft so hartnäckig in unsere Herzen eingeprägt? Viele negative Verhaltensweisen entstehen aus diesem inneren "Neinsager". Wenn es Dir schwerfällt, die Liebe Gottes zuzulassen, musst Du dein Leistungsdenken loslassen, deine Schwachheit und Bedürftigkeit eingestehen und aufhören, Dir ständig etwas beweisen zu müssen.


Gott möchte uns begegnen, berühren und freisetzen. Er möchte uns eine Orientierung geben, die uns hilft über Belastendes und Bedrückendes hinwegzukommen. Gott möchte, dass wir zu Ihm kommen mit unserer Freude, mit unserem Leid und mit unserer Scham. Gott wartet mit ausgebreiteten Armen auf uns und möchte Anteil haben an unseren Nöten und Bedürfnissen. Das Gleichnis von der Heimkehr des verlorenen Sohnes in der Bibel veranschaulicht dies in besonderer Weise.
Der Vater wartete mit Sorge und Sehnsucht auf die Rückkehr seines Sohnes. Als er die heruntergekommene Gestalt seines Sohnes erblickte und auf sich zukommen sah, wurde er mit Freude und Erbarmen erfüllt. Gott möchte, dass wir uns bei Ihm zuhause fühlen und nicht nur das Gefühl haben, geduldet zu sein. Gott möchte, dass wir wissen und erfahren, dass Er uns von ganzem Herzen bejaht und annimmt. Gott ekelt sich nicht vor unsren dunklen Seiten und möchte, dass wir sie nicht vor Ihm verbergen, sondern dass wir sie Ihm anvertrauen. Nur so können wir heil werden. Heil werden bedeutet, wieder ganz werden, was zerbrochen ist soll wieder ganz werden. Wenn wir Dinge vor Ihm verbergen, können wir nicht heil werden. Gott möchte uns ganz haben und sehnt sich danach, dass wir uns Ihm ganz anvertrauen. Oftmals fällt es uns schwer zu glauben, dass Gott uns in dieser Weise begegnen will. Warum fällt es uns so schwer, uns in dieser Weise für Gott zu öffnen?
Dazu wollen wir uns die beiden Söhne aus genanntem Gleichnis anschauen. Der eine, der Stolz seines Vaters, dem er den Familienbetrieb anvertrauen wollte und der andere, der auf die schiefe Bahn geriet. Wir wollen uns anschauen, weshalb er auf die schiefe Bahn geriet. Vielleicht hatte er von klein auf die Botschaft empfangen: "Dein Bruder ist begabter und fleißiger als du". Wir alle haben Erfahrungen gemacht, wo wir mit anderen verglichen wurden.
Unsere Pädagogik ist auf Vergleich und Wettbewerb ausgerichtet. Wir werden immer wieder damit konfrontiert, dass es Menschen gibt, die erfolgreicher sind als wir. Auch in den Familien werden die Geschwister miteinander verglichen. Es wird gesagt: "Nimm dir ein Beispiel an deinen Geschwistern".
In unserem Beispiel sehen wir, dass der Jüngere keine Chance hatte es dem Älteren gleichzutun. Der ältere Sohn war der Erbe; der Jüngere konnte sich anstrengen wie er wollte - auf dem Älteren ruhten die Hoffnungen der Familie. Wahrscheinlich hatte er das Empfinden, nicht so wichtig und weniger geliebt zu sein. Auch wenn er sich noch so anstrengte, es genügte nicht.

Ich möchte euch eine kleine Begebenheit erzählen, die meine Frau erlebt hat. Sie hat mir ihre Erlaubnis gegeben darüber zu sprechen. Meine Frau heißt Ulrike. Ulrike war die mittlere von drei Schwestern. In ihr festigte sich die Botschaft: "Das kannst Du nicht, laß es lieber deine ältere Schwester machen." Diese Erfahrungen prägten sich in ihrer Kindheit ein. Zum einen bewirkten diese Erfahrungen in ihr eine geringes Selbstwertgefühl, zum anderen wurde sie rebellisch. Die ganze Familie war ratlos, wie sie mit ihr umgehen sollte, denn sie wollten es recht machen. Sie galt als "schwer erziehbar." Das wirkte sich auch negativ auf ihre schulischen Leistungen aus, obwohl sie eigentlich begabt war. Schließlich kam sie zu ihrer Tante, die es mit Ulrike versuchen wollte. So kam es zu einer positiven Veränderung in ihrer Entwicklung.
Als ihr Mann bin ich sehr dankbar dafür. Gemeinsam leiten wir heute ein Therapiezentrum für psychisch labile Menschen mit ca. 30 Plätzen, das De´ Ignis Wohnheim. Als wir neulich ein Gesellschaftsspiel mit den Bewohnern machten, sollte jeder dem anderen einen Text auf den Rücken schreiben, der dann erraten werden sollte. Auf meinem Rücken stand: "Ohne deine Frau wärest Du nicht das, was Du bist".
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen solche Prägungen erfahren. Vielen Menschen, die die Botschaft von Gottes Liebe hören, fällt es schwer diese Liebe anzunehmen. Sie meinen, dass diese Botschaft nur für die anderen gilt und können sie für sich nicht annehmen. Sie berührt ihr Herz nicht. Wenn jemand das Gute, das ihm zugesprochen wird, nicht annehmen kann oder will, nennen wir das den "Neinsager". In seinem Inneren versucht ihm jemand einzureden: "das gilt nur für die Anderen aber nicht für Dich". So erreicht die Liebesbotschaft Gottes die Herzen dieser Menschen nicht. Sie sehen nur auf ihre Fehler und ihr Versagen und schließen daraus, dass Gott sie deshalb nicht annehmen kann. Sie fühlen sich minderwertig, abgelehnt und ungeliebt. Sie meinen, sich ein Angenommen- und Geliebtsein verdienen zu müssen. Sie haben Angst davor zu versagen und Fehler zu machen.
Wer eine solche innere Ablehnung gegen Gottes Liebe und Annahme in sich trägt, kann diese Liebe nicht zulassen. Solch ein Mensch errichtet eine Schutzmauer um sein Herz und erstarrt innerlich.
Dieser innere Neinsager hat auch noch eine zweite Botschaft: Er lehnt die guten Gebote Gottes ab, die für den alten Menschen Verzicht bedeuten, mit der Begründung, dass er sie nicht halten kann. Dieser Neinsager kann sehr rebellisch sein. Er gibt der Gleichgültigkeit Raum. Weil er sich minderwertig fühlt, gibt er sich mit dem zufrieden, was er hat. Weil er in seiner Würde verletzt ist kümmert er sich nicht mehr um seine Würde. Dieses Symptom stellen wir oft bei Menschen fest, die eine Form von Missbrauch erlebt haben. Sie fühlen sich in ihrer Würde tief verletzt und leiden unter Minderwertigkeitsgefühlen.

Dieser innere Neinsager hat also mehrere Botschaften. Er sagt: "Du bist nicht geliebt, Du bist nicht wertvoll. Gib Dir keine Mühe, Du schaffst es ja sowieso nicht". Damit versucht er den Menschen in einen Zustand der Resignation, Rebellion oder Depression zu bringen.
Als Seelsorger stellen wir häufig fest, wie sehr das Negative in einem Menschen verwurzelt sein kann. Deshalb kann die Botschaft von Gottes Liebe und Annahme diese Menschen so schwer erreichen. Wir müssen uns fragen, weshalb diese negativen Botschaften so tief in einen Menschen eingedrungen sind: Botschaften, die einem Menschen vermittelt werden und mit einem starken Gefühl einhergehen, dringen sehr tief in den Menschen ein und prägen ihn. Das wurde auch durch die Hirnforschung bestätigt. Es wurde festgestellt, dass dabei sehr starke Verschaltungen im Gehirn auftreten. Diese Verschaltungen rasten sehr tief ein, wenn ein Erlebnis mit einem starken Gefühl einhergeht.
Unser Gehirn verschaltet sich ständig neu. Bei starken emotionalen Erfahrungen spricht man deshalb von Prägungen. Ein Beispiel: Ein Kind bekommt vom Lehrer einen Aufsatz mit einer schlechten Note zurück. Der Lehrer tadelt das Kind und stellt es vor der ganzen Klasse bloß und das Kind wird von der ganzen Klasse ausgelacht. Die Botschaft, dass die Leistung des Kindes mangelhaft ist und das Ausgelachtwerden bewirkt in dem Kind ein Gefühl der Scham und der Minderwertigkeit, das sich ihm tief einprägt.
Auch ich trage solche Botschaften in mir, die mich bis heute prägen. Im Sport hatte ich immer schlechte Noten. Das machte mir Not. Der Schulsport ist nicht auf Gymnastik und Gesundheit orientiert sondern auf Wettbewerb. Ich war nicht gut im Fußballspielen und wurde deshalb oft als Letzter in eine Mannschaft gewählt. Das bewirkte in mir eine tiefe Abneigung gegen Sport im allgemeinen. Allein das Anziehen eines Turnschuhes kostet mich Überwindung. Ich kann mit Churchill mitfühlen, der sagte: "Sport ist Mord." Jetzt als über Fünfzigjähriger stelle ich mit Genugtuung fest, dass viele meiner gleichaltrigen Pastorenkollegen, die früher Sport getrieben haben, gesundheitlich schlechter dran sind als ich. Ich bin jedoch mit zunehmendem Alter dabei, mehr auf meine Gesundheit zu achten. Im Alter von siebzehn Jahren begann ich, mich vor dieser Art von Sport zu schützen. Ich erschien zum Sportunterricht im Wintermantel und brachte so mein Desinteresse und meine Rebellion zum Ausdruck. Damals war die Hippiezeit und man konnte sich ein solches Auftreten erlauben. Inzwischen hat meine Abneigung gegen Fußball abgenommen und ich schaue mir gelegentlich Spiele im Fernsehen an.

In unsere Seele können sich also negative Erfahrungen tief einprägen, die in uns ein Gefühl der Scham, der Angst, der Ablehnung oder der Minderwertigkeit bewirken. Jeder von uns trägt solche negativen Erfahrungen in seiner Seele, die meist gravierender als bei meinem Beispiel sind. Vielleicht trägst Du tief in Dir die Botschaft: "Ich bin nicht geliebt". Vielleicht kannst Du es gar nicht annehmen, dass Gott Dich liebt. Kann ich mir selbst gegenüber Wertschätzung zum Ausdruck bringen, wenn ich mich im Spiegel anschaue und sagen:" Herr ich danke Dir, dass ich auf eine wunderbare Weise gemacht bin?" oder sagst Du zu Dir, wie es jemand ausgedrückt hat: "Ich mag Dich zwar nicht, aber ich wasche Dich trotzdem"?
Manche Menschen können sich selbst nicht annehmen, weil sie negative Erfahrungen gemacht haben und darauf mit Trotz, Rebellion oder Verweigerung reagiert haben. Der Vater wartet auf uns und möchte uns wie den verlorenen Sohn in seinem erbärmlichen Zustand in seine Arme schließen. Der Vater kommt ihm entgegen und sagt: "Komm zu mir mit deinem Elend und deiner Not, ich nehme dich an". Er schließt ihn in seine Arme und steckt einen Ring an seine Hand. Damals war ein Ring meist ein Siegelring. Damit verlieh der Vater seinem Sohn wieder die Vollmacht, sein Sohn zu sein. Gott möchte die negativen Erfahrungen aus unserer Vergangenheit, die uns so tief geprägt haben, heilen und möchte uns neues Leben schenken. Gott möchte unser Leben wiederherstellen und zum Segen für andere gebrauchen.

Ich bin so dankbar dafür, dass ich aus der Beziehung zu Ihm heraus leben darf, dass er mein Leben heil macht und ich Ihm vertrauen darf. Ich darf zu Ihm kommen mit meinen Schwächen und Fehlern und brauche sie nicht zu verdrängen. Gott wendet sich deswegen nicht von mir ab. Ich bekomme durch die Beziehung zu Ihm Entspannung und Gelassenheit. Durch diese Erfahrung des Angenommen- und Geliebtseins werde ich von dem Druck, etwas leisten zu müssen, um meine Minderwertigkeitsgefühle zu bewältigen, befreit. Ich muß nicht ständig durch Leistung mein Selbstwertgefühl aufbauen.
In diesem Zusammenhang möchte ich Euch ein Buch empfehlen. Der Titel lautet: "Leben in der Liebe des Vaters". Der Autor, Manfred Lanz, nimmt uns darin mit auf eine Entdeckungsreise zur Liebe des Vaters. Er stammt aus einer sehr leistungsorientierten Familie. Er hatte einen Bruder, der den Érwartungen der Familie gerecht wurde und der das Familienunternehmen übernehmen sollte. Er selbst sollte auch einen Teil dieses Unternehmens übernehmen. Doch er geriet auf die schiefe Bahn. Er bekam Probleme in der Schule und litt unter dem Erwartungsdruck, den sein Vater auf ihn ausübte. So entwickelte sich bei Ihm das Gefühl, ein Versager zu sein und er begann, gegen seinen Vater zu rebellieren und sich von Ihm zu distanzieren. Dann kam er zum Glauben. Doch unbewusst setzte er sich unter Druck, ein guter und erfolgreicher Pastor sein zu müssen. Immer wieder versuchte er sich das zu beweisen. Das führte schließlich dazu, dass er völlig zusammenbrach. In dieser Zeit führte ich einige Gespräche mit ihm. Ich war mit ihm freundschaftlich verbunden und machte mir ernsthafte Sorgen, ob er sich davon jemals wieder erholen würde. Doch diese Krise führte dazu, dass er sich loslassen konnte und wie ein Kind in die Arme des Vaters fallen lassen konnte. So wurde er von diesem inneren Getriebensein, erfolgreich und stark sein zu müssen befreit.
Gott muß starke Männer und Frauen zu Fall bringen, damit wir erkennen, dass nur Er uns wirkliche Sicherheit und Geborgenheit geben kann. Wenn es dir schwer fällt, die Liebe Gottes zuzulassen, musst Du dein Leistungsdenken loslassen. Nur so findest Du den Frieden Gottes. Wenn es Dir gelingt, Dir deine Schwachheit und Bedürftigkeit einzugestehen, kann Gott dir in deiner Not begegnen. Du kannst damit aufhören, Dir ständig etwas beweisen zu müssen und Dich ständig zu überfordern.
Der Vater wartet auf Dich. "Danke Herr, dass Du uns rufst in deine Gegenwart, in deine Nähe. Danke, dass Du uns beschenkst mit deinem Frieden, der da anfängt, wo wir unsere Knie beugen und sagen: "Ich bin überfordert. Ich will aufhören die Maske von Stärke zu tragen, ich will aufhören, mir und meiner Umgebung etwas vorzumachen. Danke, Herr, dass Du kommst und zu mir sagst: "Du bist wertvoll, Du bist geliebt".

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Ein Artikel von Glaube.de.
Autor: Winfried Hahn/ Leiter des De´Ignis Wohnheimes für psychisch kranke Menschen
Mit freundlicher Genehmigung für Glaube.de
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