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02-04-09

Barbara Dahlgren: Midlife-Melancholie

Die gute Nachricht lautet: Gemäß den Centers for Disease Control and Prevention (CDC: US-Behörde zum Schutz der öffentlichen Gesundheit) stieg die Selbstmordrate in den USA unter Jugendlichen lediglich um 2 Prozent an; bei den über 65-Jährigen fiel sie sogar. Die schlechte Nachricht aber lautet: In der Gruppe der 45 bis 54 Jahre alten Männer stieg die Selbstmordrate um nahezu 20 Prozent an, unter den gleichaltrigen Frauen sogar um 31 Prozent. Damit erhält der Begriff „Midlife-Crisis“ eine ganz neue Bedeutung.


Experten stehen vor einem Rätsel. Wir besitzen von allem immer mehr, sind aber immer unzufriedener. Manche tendieren dazu, im Missbrauch verschreibungspflichtiger Medikamente den möglichen Grund für die gestiegene Selbstmordrate zu sehen; die CDC berichtet in diesem Zusammenhang, dass mittlerweile mehr Amerikaner durch den Missbrauch verschreibungspflichtiger Medikamente – u.a. Antidepressiva, Schmerz- und Schlafmittel – sterben als durch den Konsum von Heroin und Kokain.

In einer stark auf Selbstmedikation setzenden Gesellschaft scheint gegen jede Stimmung bzw. Verstimmung ein Kraut gewachsen zu sein. So gibt es Tabletten, die uns wach halten, ebenso wie solche, die uns den Schlaf bringen. Wir haben Mittel gegen Schmerzen oder auch nur gegen leichtes Unwohlsein. Selbst Traurigkeit wird als mentale Verstimmung behandelt. Gemäß dem von
Psychotherapeuten verwendeten offiziellen Diagnostik-Handbuch werden mehr als zwei aufeinander folgende Wochen anhaltende Niedergeschlagenheit, verminderte Lebenslust bzw. Schlaf- oder Essstörungen als Depression bezeichnet. Dabei ist es unerheblich, ob vielleicht ein Grund für die Traurigkeit vorliegt, wie etwa der Tod eines geliebten Menschen, der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine lebensbedrohliche Krankheit. Wenn Sie nicht in der Lage sind, innerhalb von maximal zwei Wochen einen schweren Rückschlag wegzustecken, werden Sie als depressiv bezeichnet, und es wird Ihnen eine Medikation angeboten.

Mit dieser eher notdürftig abgesicherten Diagnose leisten die Psychologen in ihrem Bestreben, den wirklich depressiven Menschen, die tatsächlich Medikamente brauchen, zu helfen, einen schlechten Dienst. Ist es da noch ein Wunder, dass wir meinen, irgendetwas sei mit uns nicht in Ordnung, wenn wir nicht stets und ständig glücklich sind? Kommt dazu noch eine Medienberichterstattung, derzufolge wir nicht schlank, hübsch, reich, clever, talentiert oder jung genug sind, erstaunt es kaum, dass Menschen mittleren Alters unzufrieden sind.

Die Jahre in der Lebensmitte waren immer schon eine Zeit der Rückbesinnung. Wenn wir meinen, die Hälfte unseres Lebens hinter uns gelassen zu haben, versuchen wir, neu einzuordnen, wer wir sind und was wir mit der uns verbleibenden Lebenszeit anfangen wollen. Kommen dazu noch der Angstfaktor des Älterwerdens sowie Vergleiche mit anderen oder unerreichbare Standards, wie sie von der Werbung vorgegeben werden, ist es leicht verständlich, wenn aus dieser so genannten „Übergangszeit“ die „Midlife-Crisis“ (ein 1965 vom Psychoanalytiker und Sozialwissenschaftler Elliot Jaques geprägter Begriff) wird. Wie gehen wir nun mit dieser „Midlife-Melancholie“ um, ohne gleich suizidanfällig zu werden?

Die Wurzeln dieser Gefühle liegen tiefer als bei einer emotionalen Lebensunzufriedenheit. Wir alle wollen uns irgendwie bedeutend fühlen – in der Gesellschaft und in unserem unmittelbaren Umfeld einen positiven Eindruck hinterlassen. Wenn wir nun die Lebensmitte erreichen, erkennen wir, dass viele unserer Jugendträume sich nie verwirklichen werden. Das kann schon sehr enttäuschend sein.

Und selbst wenn jene Träume tatsächlich Wirklichkeit wurden, können wir darüber ohne echte Erfüllung bleiben und immer mehr wollen. Wir sind unzufrieden. Wie auch immer, angesichts dessen verheißt fast jeder Weg, besser zu sein als der von uns eingeschlagene.

So versuchen denn Menschen mittleren Alters an all den falschen Orten, die durch die verlorene Jugend, unerfüllte Träume oder auch Unzufriedenheit entstandene Lücke zu schließen. Manche gehen eine außereheliche Beziehung ein, unterziehen sich Schönheitsoperationen, kaufen ein neues Cabrio oder wechseln häufig ihren Arbeitsplatz und erkennen darüber zu spät, dass diese Äußerlichkeiten die innere Leere nicht zu verscheuchen vermögen. Vielleicht sind dies jene Momente, in denen ein Selbstmord verlockend erscheint. Die Gesellschaft hilft uns da leicht aus der Klemme. Nur eine Handvoll Pillen, ein endloser Schlaf, und alle Unzulänglichkeitsgefühle haben ein Ende. Aber ist Selbstmord in der Lebensmitte tatsächlich eine Lösung oder vielmehr ein Symptom unserer modernen Gesellschaft? Diese lässt uns wissen, dass wir allzeit glücklich zu sein haben. Sie tut dies jedoch auf so subtile Weise, dass wir die von ihr gesetzte Messlatte nie erreichen. Wir sind nicht jung, hübsch, schlank, reich, clever genug. Selbst die Religion gibt uns oft das Gefühl, nicht gut genug zu sein oder nicht genügend zu tun. Dieses „Nicht-genug“-Syndrom bewirkt bei den Menschen ein Gefühl der Hilf- und Hoffnungslosigkeit und lässt ihre innere Leere noch größer erscheinen.

Aber Gefühl und Wahrheit sind nicht dasselbe. Die Wahrheit ist, dass unser Leben tat- sächlich von großem Wert ist – und dass wir nie allein sind. Gott ist immer bei uns. Selbst wenn wir uns von ihm abwenden und uns seiner Gegenwart verschließen, liebt und hält er uns und lässt uns nie ohne Beistand. Unser himmlischer Vater ist kein weit von uns entfernt weilender Gott, der sich von uns
fernhält, bis wir uns seiner Gegenwart würdig erweisen. Er ist hier! Und wir brauchen nichts zu tun, um uns seine Zustimmung, Achtung oder Liebe zu verdienen. Christus starb für uns, als wir noch Sünder waren (Röm 5,8). Im Epheserbrief 2,4–5 erläutert der Apostel Paulus dies näher: „Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden ...“

Gott hat uns immer geliebt und wird uns auch stets lieben – unabhängig davon, wie unser äußeres Erscheinungsbild aussieht, wie viel Geld wir besitzen, wie viel Erfolg wir haben, welchen Fahrzeugtyp wir fahren, wie viel wir tun, wie gut oder schlecht wir sind – seien wir nun jung, alt oder mittleren Alters. Alles, was wir zu tun haben, ist, unsere Augen angesichts dieser Tatsache zu öffnen, indem wir an Jesus Christus glauben. Und indem wir ihn bereitwillig annehmen, werden wir uns bewusst, dass auch er uns angenommen hat – und zwar schon vonjeher und für immer.

Die Gesellschaft gibt uns ein Gefühl der Wertlosigkeit, um uns dann scheinbar leicht zu gehende Wege für unser Ableben aufzuzeigen. Gott hat uns nie ein Leben ohne Leid versprochen. Es liegt weder in seiner Absicht, uns vor allem Schmerz oder vor dem Altern zu bewahren noch uns reich und schön zu machen. Er will uns durch Jesus Christus in eine ewige, von Liebe getragene Gemeinschaft mit ihm führen (Eph 1,4-5). Ob wir uns nun dessen bewusst sind oder nicht, Gott geht mit uns durch jede Krise, die wir zu meistern haben – auch in der Mitte unseres Lebens. Seine Gegenwart in unserem Leben hat uns von dem Moment an, da wir unseren ersten Atemzug taten, bedeutend und wertvoll gemacht; denn er ist jenes „Genug“, dessen wir bedürfen (2Kor 12,9).

Die Gesellschaft sorgt dafür, dass unseren Augen verschlossen bleibt, wer wir tatsächlich in Jesus Christus sind. Wenn wir uns aber Gott zuwenden, öffnen sich unsere Augen angesichts seines Lichtes, und wir sehen die Dinge, wie sie wirklich sind.

Wir stehen nie allein da; Jesus ist im Vater, wir sind in Jesus, und Jesus ist in uns (Joh 14,20). Unser Leben besaß immer schon Wert und Bedeutung; Gott wirkt beständig in uns und durch uns, ohne dass wir uns dessen vielleicht bewusst sind. Wir sind seine geliebten Kinder, und er wird nie die Hand von uns nehmen.Wenn wir erkennen, wie sehr uns Gott liebt, können die mittleren Jahre unseres Lebens eine Zeit sein, der wir voller Erwartung entgegensehen können, ohne mit Bedauern
zurückzublicken.

 

Barbara Dahlgren arbeitete früher als Zeitungskolumnistin und ist gegenwärtig als Humoristin und freischaffende Autorin tätig. Seit 39 Jahren ist sie mit einem Pastor verheiratet. Sie lebt in San Jose, Kalifornien.

 

 

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Ein Artikel von www.glaube.de
Autor: Barbara Dahlgren
Textbearbeitung: Jürgen Motzkus, Redakteur bei www.glaube.de
Veröffentlichungen bedürfen der vorherigen Genehmigung der Autoren.
Ein WKG Artikel mit freundlicher Genehmigung:
Stiftung Weltweite Kirche Gottes in Deutschland
Foto: www.sxc.hu
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