Beten oder Beruhigungspillen?

Carol* blickte mich an, mit Augen, die um Antwort bettelten.
Als beratender Therapeut war ich Klagen dieser Art von Patienten, die in meine Praxis überwiesen wurden, gewöhnt. Aber ich merkte, Carol trug darüber hinaus noch eine weitere Bürde; eine, bei der extra Hilfe und Verständnis vonnöten waren, sollte die Therapie Erfolg haben.
Carol fing an zu weinen. Hin und wieder hielt sie die Tränen zurück und erzählte mir von all den zusätzlichen Problemen, die ihre schwierige Lebenslage noch schwieriger machten: Schuldgefühle; Glaubensschwäche; ein schlechtes Gebetsleben. Denn, sehen Sie, Carol war Christin - eine Christin, die an klinischer Depression litt.
Seelische "Tiefs", die einen Tag bleiben und dann wieder weggehen, machen wir alle durch. Als "klinisch" gilt eine Depression wie diejenige Carols erst dann, wenn bestimmte Symptome länger als zwei Wochen andauern. Dabei handelt es sich unter anderem um:
* Gefühle des Unglücklichseins
* nachlassendes Interesse am Leben
* Konzentrationsmangel
* Entscheidungsschwäche
* mangelndes sexuelles Verlangen
* Schlafstörungen
* Reizbarkeit und Ruhelosigkeit
* niedrige Selbstachtung
* Appetitstörungen (Zunahme oder Abnahme)
* und im schlimmsten Fall: Selbstmordneigung
Nach Herzkrankheit, Krebs und Verkehrsunfällen ist Depression weltweit die derzeit vierthäufigste Ursache für Leiden und Invalidität. So rasch breiten sich depressive Störungen aus, dass sie nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2020 auf den zweiten Platz vorrücken werden.
Auch Kinder sind nicht gegen Depression gefeit, und Statistiken zeigen, dass gerade hier besonderer Grund zur Besorgnis besteht, so stark war die Zunahme im letzten Jahrzehnt. Zwei Prozent aller Kinder unter zwölf leiden an Depression; bei Teens steigt die Zahl auf fünf Prozent, viele von ihnen versuchen sich das Leben zu nehmen. Neue Studien zeigen ferner, dass in Familien mit einem erwachsenen Depressiven die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass ein oder mehrere Familienmitglieder die Depression "erben".
Fakten, die einen beim Lesen schon fast selbst in die Depression treiben können. Wie navigieren Christen nun in diesem Meer des Leidens? Man sollte meinen, dass die biblischen Tugenden Freude, Friede, Glück - so oft beschworen in Predigten, Pamphleten, enthusiastischen Bekenntnissen - bei konsequenter Anwendung doch alle Traurigkeit verbannen könnten. Oft wird das Christenleben als Zustand pausenloser Seligkeit hingestellt, mit dem Gebet als Patentmedizin für alle Leiden, körperliche wie seelische.
Eine hübsche Vorstellung. Leider sprechen die Fakten eine andere Sprache. Christen sind nicht immun gegen Krankheit und stehen nicht außerhalb der Depressionsstatistik. Untersuchungen deuten darauf, dass jeweils bis zu fünf Prozent einer typischen Kirchengemeinde an Depression leiden.
Christen müssen nicht nur die gleichen Seelenqualen wie Nichtchristen erdulden; Schuldgefühle, das Empfinden, Gott enttäuscht zu haben, sogar das Gefühl, von Gott verworfen worden zu sein, können die Depression sogar zusätzlich noch vertiefen. Der christliche Ansatz, da wieder herauszufinden, beschränkt sich häufig auf den Versuch, mehr zu beten (obwohl die Depression das häufig gerade verhindert) und sich "zusammenzureißen"; nicht, therapeutische Hilfe zu suchen, die auch medikamentöse Behandlung umfassen kann.
Medikamente? Etwa Depressionshemmer? Soll etwa empfohlen werden, dass der Christ Antidepressiva nimmt, wenn sie ihm verschrieben werden? Ist das nicht ein Eingeständnis von Glaubensmangel? Sind diese Pillen nicht "Teufelszeug", geeignet, einen von Gott abspenstig zu machen, und reine Profitmacher für die bösen Pharma-Konzerne?
Traurig, dass manche fanatische Christen diese extremen und völlig irrationalen Meinungen über depressionshemmende Medikamente vertreten. Leider ist meist einer dieser wohlmeinenden, aber irregeführten Leute bei der Hand, den Depressiven noch depressiver zu machen - wenn das überhaupt noch geht.
Es ist kein religiöses Problem
Wenn ein Christ an Depression leidet, kann das viele verschiedene Wurzeln haben. Beim einen ist's die biologische Anlage (obwohl es ein "Depressions-Gen" nicht gibt); beim anderen mögen Stress und traumatische Umstände der Auslöser gewesen sein. Der Dritte ist mit den Veränderungen in der heutigen Gesellschaft nicht fertig geworden - eine Depressionsursache, die zunimmt. Welche Wurzel die Depression eines Christen auch hat, eines ist klar: Sie hat nichts zu tun mit dem religiösen Leben, mit dem Heil oder einer Strafe Gottes. Depression ist eine Frage der Psyche, nicht der Religion. Den mentalen und den religiösen Status des Christen als ein und dasselbe zu betrachten, ist nicht nur unbiblisch, sondern stempelt fachliche Behandlung auch noch als etwas Gottloses ab.
Bei Depression fachliche Hilfe zu suchen, spricht nicht für Kleingläubigkeit. Niemand würde es als Glaubensmangel deuten, dass ein Christ mit gebrochenem Bein ins Krankenhaus geht und sich den Bruch richten lässt. Oder dass er bei Zuckerkrankheit Insulin nimmt. Dass wir es hier mit dem Gehirn statt mit dem Bein oder der Bauchspeicheldrüse zu tun haben, ist kein Grund, Gott zuzutrauen, dass er hierin ein besonderes Indiz für Glaubensschwäche sieht.
Wenn ein Mensch an klinischer Depression leidet, ändert sich die Gehirnchemie. Wir wissen nicht, ob die Depression die Veränderung bewirkt oder ob die gesunkenen Spiegel bestimmter Chemikalien die Depression bewirken. Wir wissen aber, dass ein Schlüsselfaktor zur Heilung unter anderem darin liegt, diese Spiegel wieder auf Normalstand zu bringen. Moderne Antidepressiva können diese chemischen Ungleichgewichte sehr wirkungsvoll wieder zurechtrücken und haben nur geringe Nebenwirkungen. Im Gegensatz zu vielen kursierenden Irrmeinungen führen Antidepressiva nicht zur Gewöhnung und nicht zur Sucht.
Was können Sie tun?
Welche Einstellung sollte der Christ zum Thema "Behandlung" haben? Kehren wir zu Carol zurück und sehen wir, wie ihre Depression sich hob. Zunächst einmal erklärte ich ihr das Wesen der Depression und betonte, zwar sei Depression weitverbreitet, andererseits habe aber auch die typische Behandlungsweise, die Psychotherapie mit Medikation verbindet, eine sehr hohe Erfolgsquote. Dann bat ich Carol, zu ihrem Hausarzt zu gehen, und gab ihr ein Schreiben mit. Darin bat ich den Arzt, Carol körperlich zu untersuchen, um etwaige hormonelle oder sonstige körperliche Ursachen der Depression auszuschließen. Ich bat den Doktor auch, zur Unterstützung der Behandlung, die ich bei Carol einleiten wollte, geeignete Antidepressiva vorzuschlagen. Der Arzt gab nach der Untersuchung "grünes Licht" für Carol und stimmte zu, dass Antidepressiva hilfreich sein würden.
Wir begannen unsere Therapie mit einer Art Bestandsaufnahme zur Depression und zu der Schadwirkung, die sie auf Carols religiöses Leben ausübte. Im Lauf der Therapie stellte ich fest, dass Carol vor ein paar Monaten ihre Mutter verloren hatte. Hinzu kam, dass ihre Kinder flügge geworden und aus dem Haus gegangen waren und sie sich allein fühlte. Ihr Mann suchte Hilfestellung zu geben, verstand aber nicht, warum sie sich derart depressiv fühlte. Zusätzlich schwierig wurde Carols Lage dadurch, dass ihre Kirchengemeinde eine Reihe von Veränderungen durchmachte und einen neuen Pastor bekam. (Religiöse "Wurzeln" hat Carols Depression also in keiner Weise.)
Wir begannen Wege für Carol zu entdecken, ihre Lebensumstände in etwas anderem Licht zu sehen. Wir sondierten ihre Ansichten über ihre christlichen Überzeugungen und ihr Leben. Viele Male hinterfragte ich bestimmte Standpunkte, die Carol hegte, und wir erwogen alternative Möglichkeiten, mit Situationen und Ereignissen umzugehen. Für die Zeit zwischen den Sitzungen stellte ich Carol "Hausaufgaben", anhand derer sie diese neuen Möglichkeiten testen konnte.
Ein neuer Mensch
Nach ein paar Monaten Therapie in Verbindung mit Antidepressiva-Behandlung war Carol ein neuer Mensch. Ihre Depression hatte sich gehoben. Sie war aufgelebt, voll neuer Kraft, ein Vorbild für ihre ganze Gemeinde. Der Pastor hatte Carols Enthusiasmus bemerkt und sie für gemeindliche und gottesdienstliche Aufgaben eingespannt. Carol war nicht einfach "wieder die alte", sie war daheim und in der Gemeinde ein verwandelter Mensch. Sie pries Gott und dankte ihm, dass er sie dazu gebracht hatte, sich mit ihren Problemen in fachkundige Behandlung zu begeben.
Das Leben wirft uns alle möglichen Schwierigkeiten in den Weg, auch depressive Störungen. Auch große biblische Gestalten - Elia und der Apostel Paulus - litten an Depression. Das änderte aber nichts an Gottes bedingungsloser Liebe zu ihnen. Warum sollte es? Ändert eine Erkältung oder Grippe das Bild, das Gott von uns hat? Warum sollte es dann Depression tun? Bei Depression die richtige Hilfe zu suchen, ist geradezu Christenpflicht. Und im Zuge der dann folgenden Behandlung sollten Medikamentengaben - falls erforderlich - sowie die notwendige Psychotherapie kein Anlass zu Schuldgefühlen oder Angst sein.
Nein, das Dilemma "Beten oder Beruhigungspillen" sollte gar nicht bestehen. Sie können sich nicht aus Depression "heraus-spiritualisieren". Wenn Sie aber fachliche Behandlung suchen, werden Sie bald imstande sein, verlorenes Terrain gutzumachen, beim Studium, beim Gottesdienst - und beim Gebet.
* Name der Patientin aus Vertraulichkeitsgründen geändert.
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Ein Artikel von www.glaube.de
Veröffentlichungen bedürfen der vorherigen Genehmigung der Autoren.
Quelle: Weltweite Kirche Gottes mit freundlicher Genehmigung:
Stiftung Weltweite Kirche Gottes in Deutschland
Foto: SXC.hu
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