D. Bauer: Der Kinofilm "Die Passion Christi"

Der Film bricht alle Rekorde: In 13 Tagen spielte er in den USA 219 Millionen Dollar ein. Und das, obwohl es eigentlich gegen alle Regeln eines verkaufsträchtigen Kinoknüllers spricht - unbekannte Schauspieler, Dialoge in Latein und Aramäisch, Untertitel in Landessprache - und auch das eigentliche Drehbuch ist schon über 2000 Jahre alt. In den USA hat der Film schon jetzt fast die großen Kinoschlager wie "Herr der Ringe" überboten - obwohl er sich gegen viele Vorwürfe wehren musste: er sei antisemitisch, verherrliche Gewalt und zuletzt hieß es auch noch unter Christen, er betreibe Marienkult.
Was hat es mit dem Film auf sich, der die Gemüter so heiß diskutieren lässt?
Als ich den Film selbst sah, konnte ich weder judenfeindliche Tendenzen, noch speziellen römisch-katholischen Mystizismus entdecken. Auch die Verherrlichung von Gewalt konnte ich nicht ausmachen. Es stimmt, dieser Film beinhaltet viel Gewalt. Aber verherrlicht wird eher die Liebe, die dennoch triumphierte, über allen Hass und alle Gewalt. Eine Liebe die stärker ist als menschliche Grenzen. Welch eine Botschaft in Zeiten von Terror, Gewalt und Selbstbezogenheit!
Zu dem Vorwurf, der Film sei viel zu brutal, äußerte sich Gibson: "Wir wissen, dass Jesus gegeißelt wurde, dass er sein Kreuz getragen hat, dass er Nägel durch Hände und Füße ertrug, doch selten denken wir darüber nach, was das bedeutet." Der volle Horror über das, was Jesus für die Menschheit erlitt, habe ihn früher nie richtig getroffen. "Jetzt, da ich begreife, was er menschlich durchgemacht hat, fühle ich nicht nur Mitleid...." Eine unfassbare Geschichte, wie die Evangelien sie beschreiben. Jesus selbst sagte: "Wer hat größere Liebe, als der, der sein Leben für seine Freunde lässt."
Direkte judenfeindliche Tendenzen haben weder die Evangelische Kirche (EKD) noch die Katholische Bischofskonferenz ausmachen können. Auch von einem angeblichen Marienkult habe ich persönlich nichts gesehen. Da stellt sich die Frage, ob jene Kritiker auch in dem richtigen Film waren. Oder ob, wie so oft, die Kritiker sich eher in Leidenschaft der Kritik widmeten anstatt dem Film. Denn dass in einem Film, der historisch in Israel spielt, hauptsächlich Juden vorkommen und nun mal keine Holländer oder Österreicher durchs Bild laufen, liegt wohl auf der Hand. Und das Maria als Mutter qualvoll leidet und ihren Sohn zu trösten sucht - ist wohl eher eine allzu menschliche Reaktion als eine mystische Glorifizierung.
Mich hat der Film tief beeindruckt und persönlich berührt. Ohne Zweifel, es ist ein Film, der ins Herz geht, kein Auge trocken lässt und nachhaltig den Intellekt in Wallungen bringt. Vielleicht sogar soweit, dass auch unreligiöse Menschen sich zwangsläufig neu die Frage stellen nach dem Woher und Wohin im Leben. Haben wir in unserer Gesellschaft es nicht generell nötig neu unsere Werte zu überdenken in Sachen Nächstenliebe?
Ich finde, Mel Gibson ist mit dem Kinoepos "Die Passion Christi" ein Meisterwerk der Filmkunst gelungen. Erfahrung und Regiekunst, gute Kameraeinstellung und Spezialeffekte holen die alten überlieferten Schriften authentisch in die Gegenwart zurück. Alte Monumentalfilme wirken dagegen wie Märchen aus vergangenen Zeiten.
Der Vollmond bricht durch den blauen Nebel auf dem Ölberg. Waffen klirren. Man ist mitten drin in der Kühle der Nacht. Die Wachen nehmen Jesus gefangen. Plötzlich schreckt seine Mutter irgendwo in ihrem Haus, in den Gassen des alten Jerusalems aus dem Schlaf. Schlaftrunken stottert sie in aramäisch "Warum ist diese Nacht anders, als alle anderen Nächte?". Es ist eine Frühjahrsnacht des Jahres 30 oder 33, doch jetzt im Jahr 2004 sehe ich mit meinen eigenen Augen das Geschehen. Es ist kalt im Kino, leises Atmen durchdringt die Stille im Saal. Überfallen von schockierendem Realismus und Gewalt fühlt man sich aufgeschreckt angesichts der realistischen virtuellen Welt.
Vor Tagen noch sah ich explodierende Züge in Madrid, brennende Busse in Tel Aviv und blutige Passanten in Bagdad. Doch mitten in der Routine der täglichen Nachrichten treffen mich die Fausthiebe, die seinen Körper blutig schlugen unvorbereitet ins Gesicht. Als sie nach der Geißelung seinen fast leblosen Körper über die Steine schleifen, kippt sein Kopf nach hinten über - und mit ihm die ganze Perspektive. Die Welt steht auf dem Kopf. Im Wasser der Schale des Pilatus spiegelt sich das Wasser, mit denen Jesus seinen Jüngern die Füße wusch. Allgegenwärtig der Versucher. Satan der ständig versucht Zweifel in seiner Seele zu säen.
Der Film ist brutal. Überall leises Schluchzen im Kino. Aber so war eine Kreuzigung. Streckenweise scheint es in der Seele unerträglich. Dennoch ein heilsames Leiden, das der Kinobesucher da ertragen muss. Leiden, dass Jesus gemäß der Schrift unschuldig für Menschen erlitten hat. Ein Leiden, das zum Nachdenken anregt. Ich habe, nachdem ich diesen Film gesehen habe, mehr denn je eine Hochachtung davor, was Jesus für mich am Kreuz erlitten hat. Der Film vermittelt auch eine Vorstellung von dem, was die Bibel sagt, dass er ganz Mensch war und in allem versucht wurde, wie jeder Mensch. Besonders beeindruckend fand ich, wie Jesus trotz der Qualen und Misshandlungen und selbst von Freunden verleugnet und verraten - dennoch die Entscheidung traf zu lieben, zu vergeben und sich selbst für sie zu opfern. Das hat mich sehr beeindruckt.
Ich glaube, dass Mel Gibson dem Anspruch gerecht wurde, den Film so authentisch wie möglich darzustellen. Dabei wurde eben nichts beschönigt, sondern Augen und Gemüter eher überstrapaziert. Aber ist dies einer Gesellschaft nicht zumutbar - einer historischen, authentischen Geschichte gegenüber zu stehen und fast wie ein Augenzeuge in schockierender Hyperrealität zu sehen? Eine Geschichte, welche die Geburtsstunde der Christenheit darstellt und die Menschheit in unserem christlichen Abendland für immer prägte. Ist ein so schockierendes Leiden für die Gemüter einer Generation zumutbar, wo täglich Terrorsendungen die Nachrichten füllen, Realityshows mit hohen Einschaltquoten gekrönt werden. Einer Gesellschaft in der nicht nur Horrorfilme ein festes Genre im abendlichen Programmplatz einnehmen, sondern auch bei Jugendlichen Computerspiele und Games von Gewaltszenen leben? Einer Gesellschaft, in der schockierende Botschaften zum Werbeerfolg gehören und tote Körper preisgekrönt durch Museen touren, soll eine authentische Verfilmung einer Kreuzigung zu viel an Zumutung sein? Das klingt fast selbstbezogen in Anbetracht der Geschichte. Ich denke, es tut uns gut zu diesem Kreuz aufzuschauen und von ihm zu lernen, und die Nägel, die wir gegen unsere Mitmenschen gerichtet haben, fallen zu lassen und zu begreifen, welches Werk Christus wirklich tat.
Es ist ein Film über "Die Passion Christi", übersetzt "Leiden" oder auch "Leidenschaft" Christi und darum geht es in dem Film. Dieser Film zeigt nicht nur erbarmungslos die Grausamkeit der Menschheit. Wie Mel Gibson sagte: "Wir alle haben ihn ans Kreuz gebracht." Er zeigt uns auch die Leidenschaft Jesu, die alles überwunden hat, allem standgehalten hat, jedem Haß, jeder Verleumdung, jeder Verbitterung. Eine Leidenschaft für eine verlorene Welt. Eine Leidenschaft für Freunde, die ihn verrieten und verleugneten. Eine Leidenschaft für Menschen, die ihn ablehnten und sich nicht für ihn interessierten. Vielleicht birgt dieser Film auch eine Entscheidung, wie viel man von dieser Liebe und Leidenschaft Jesu Christi in sein Herz lassen will, trotz einer ungerechten Welt?
Ich denke es kommt darauf an, was man selbst für Erwartungen an den Film stellt. Klar kann der Film nicht alle Erwartungen treffen. Und deshalb treffen sich da wohl auch viele Kritiker. Das Leben Jesus und sein Wirken kommen natürlich in einem Film, der sich auf die letzten 12 Stunden konzentriert, zu kurz und so ist es für Nichtchristen, aufgrund der fehlenden Bibelkenntnisse, etwas schwer den tieferen Zusammenhang zu verstehen. Das, was Jesus für die Menschheit getan hat, sein Leben und Wirken war mehr als der Film fassen und beschreiben könnte. So wäre ein bisschen Hausaufgaben in Sachen Bibelkunde auch gut angebracht. Der Titel des Filmes begrenzt den Inhalt des Films genau. Es ist eben kein Auferstehungsfilm und auch kein Film über sein Wirken, sondern ein Film über die Kreuzigung und die Leiden und den Kampf Jesus, den die letzten 12 Stunden beinhalteten.
Mein Fazit: Wenn man die Erwartung an den Film stellt, die Kreuzigung Jesu zu sehen, dann erhält man einen realistischen und authentischen Film, der niemanden unberührt lässt, nicht spurlos an einem vorüber geht und zum Nachdenken anregt.
Nicht mehr und nicht weniger aus dem Leben Jesu. Die Frage ist, welche Erwartung man selbst an diesen Film stellt. Erwartet man einen netten Kinoabend, oder einen authentischen Film der letzten 12 Stunden Jesu? Letztendlich ist es auch ein Film der aufräumt mit kitschigen Klischees über das Leiden Christi. Die schön verpackten Vorstellungen über Sinn und Symbolik der lieblichen Kruzifixe, die so nett an Kirchemauern prangen und so lieblich den grünen Wanderwegrand zieren. "Ich glaube, wir haben uns zu sehr an hübsche Kruzifixe an der Wand gewöhnt und haben vergessen, was wirklich passiert ist", so Mel Gibson.
Selbst der Papst soll gesagt haben: "Es ist, wie es war!" Der Satz wurde bald dementiert, weil ein Papst so etwas nicht sagen darf. Dennoch, die Spezialeffekte und die filmkünstlerische Umsetzung geben dem Zuschauer nicht zuletzt auch durch den Originalton in aramäischer Sprache, das Gefühl selbst Augenzeuge des Ereignisses zu sein. "Mel Gibson hat es mit diesem Film geschafft eine historische Figur in die Gegenwart für uns alle zurück zu holen. Und die Zuschauer zu direkten Augenzeugen des Geschehens vor über 2000 Jahren zu machen." So habe ich den Film empfunden.
Aus dieser Perspektive erscheinen auch alle wohlgemeinten Kritiken etwas lächerlich. Wie hätte man wohl geurteilt, wenn man tatsächlich selbst Augenzeuge gewesen wäre? Wie kann man dann noch sagen: "Die Geschichte hat mir nicht gefallen. Ich fand, das Maria zu oft Jesus tröstete - das ist zu katholisch....? Zuviel Blut überall? Es war nicht schön anzusehen?"
Ein Film, dessen Realität ins Herz trifft und betroffen macht.
Mel Gibson hat mit diesem Film Millionen von Menschen selbst zu Augenzeugen dessen gemacht, was Jesus für sie getan hat. Wer wird dann noch beim bevor stehenden Osterfest sagen können: "Ich habe noch nie davon gehört. Wer soll dieser Jesus sein?"
Seit der Film angelaufen ist, wird auf der ganzen Welt gestritten und heftig kritisiert. Aber genauso viel diskutiert - über Jesus.
***********************************************************
Ein Artikel von www.glaube.de
Autorin: D. Bauer / Leiterin Glaube.de / 18.03.2004
***********************************************************






