Dr. Joseph Tkach: Der barmherzige Samariter

„Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinab zog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!“
Die Antwort auf Jesu Frage war offensichtlich. Aber ich möchte Ihnen zeigen, dass Jesus viel mehr als eine einfache Lektion über soziale Verantwortung vermittelt hat. Betrachten wir den Kontext. Jesus antwortete einem Schriftgelehrten, der die Frage gestellt hatte: „Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe (V. 25)?
Dieser Mann war ein religiöser Schriftgelehrter, der sich des Verständnisses aller 613 Punkte der Thora rühmte. Die religiösen Führer zur Zeit Jesu waren die Erben eines Systems, das Gehorsam gegenüber Gott in einen Hindernislauf verwandelt hatte. Dieser Weg war so mit pingeligen Geboten und Verboten gepflastert, dass es den Durchschnittsmenschen mit permanenten Schuldgefühlen zurückließ.
Dieser Ansatz stand mit den Lehren Jesu in Widerspruch, und so kam es unvermeidlich zur Konfrontation. Die Schriftgelehrten, zusammen mit den Pharisäern, Sadduzäern und anderen religiösen Führern, versuchten ständig, Jesus zu diskreditieren. Es gab ein Motiv hinter der scheinbar unschuldigen Frage des Schriftgelehrten.
So antwortete Jesus weise: „Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du (V. 26)?
Der Schriftgelehrte wusste die Antwort darauf: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst (V. 27).
„Du hast recht geantwortet“ erwiderte Jesus. „Tu das, so wirst du leben“ (V. 28).
Es war an sich eine gute Antwort. Aber Sie wissen, wie Schriftgelehrte sind. Sie sind geschult, um nach einem mildernden Umstand zu suchen, der in einer bestimmten Weise den Umfang des Gesetzes begrenzen würde. Der Schriftgelehrte wusste, dass das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ schwierig, in der Tat, unmöglich zu erfüllen war. So dachte er, dass er eine Gesetzeslücke gefunden hatte.
„Wer ist denn mein Nächster?“ fragte Jesus. Daraufhin erzählte Jesus dieses berühmte Gleichnis.
Rollenbesetzung und Ort
Jesus platzierte seine Geschichte auf der Straße von Jerusalem nach Jericho, ein Entfernung von ca. 27 Kilometern. Jerusalem war der Ort, wo der Tempel stand, das Zentrum der levitischen Priesterschaft. Die Priester waren die höchste Klasse der Leviten. Sie wurden von Tausenden anderer Leviten unterstützt, die Aufgaben auf einer niedrigen Ebene wahrnahmen, wie beispielsweise das Feuer auf dem Altar am Brennen zu halten, Weihrauch anzünden, im Tempelchor singen und das Spielen von Musikinstrumenten.
Wenn sie keinen Dienst hatten, lebten viele dieser Priester und Tempeldiener in Jericho, das zu einer „Schlafzimmer-Gemeinde“ von Jerusalem geworden war. Sie verkehrten oft auf dieser Straße zwischen Jerusalem und Jericho
Zu jener Zeit konnte reisen gefährlich sein. Ein Abschnitt der Straße nach Jericho war als „Blutweg“ bekannt, weil dort so viele Menschen ausgeraubt und ermordet wurden. Genau dort legte Jesus den Ort der Handlung für sein Gleichnis fest. Die Menschen wussten genau, wovon er redete.
In Jesu Geschichte ist der erste, der das Opfer sieht, ein Priester, aber statt sich einzulassen, geht er auf der anderen Seite der Straße vorbei. Es folgt ihm ein Levit, ein Tempeldiener. Der Levit tut dasselbe – er geht vorbei. Dann kommt ein Samariter des Weges. Ein was? Jesus würde mit diesem Wort Aufsehen erregt haben. Die Juden hörten zur damaligen Zeit hörten die Worte „gut“ und „Samariter“ im gleichen Satz nicht oft.
Die Samariter waren eine Mischung aus Juden und Heiden und die Juden mochten sie nicht. Sie hatten für die Samariter Namen wie „Mischlinge“ und „heidnische Hunde“, und betrachteten sie als geistlich unrein. Aber in Jesu Geschichte ist es dieser Ausgestoßene, der anhält, um zu helfen.
Dieser Samariter hilft nicht nur, sondern er geht weit darüber hinaus, was die meisten Menschen tun. Er reinigt die Wunden des Opfers mit Öl und Wein. Dann verbindet er sie. Reisende trugen damals keinen Erste-Hilfe-Kasten bei sich. Er musste wahrscheinlich einige seiner eigenen Kleider zerreißen, um einen Verband anzufertigen. Als nächstes setzt er den verletzten Mann auf seinen Esel und bringt ihn zu einer Herberge. Er nimmt zwei Silbergroschen – ein beträchtlicher Betrag zu dieser Zeit –, und verspricht dem Wirt, ihn für irgendwelche weitere Auslagen zu entschädigen.
Dies ist ein außergewöhnlicher Grad von Beistand, besonders wenn das Opfer ein vollkommen Fremder ist, der angeblich ein gesellschaftlicher Feind sein soll. Aber der Samariter ließ sich dadurch nicht abhalten.
Mit dieser trügerisch kurzen kleinen Geschichte, spießt Jesus den Schriftgelehrten mit seinem eigenen Hacken auf. Er fragt ihn: „Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war (V. 36)?
Was kann der Gesetzesexperte anderes sagen als: „Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen“ (V. 37).
Erinnern wir uns, dass dieser Gesetzeslehrer einer Klasse von Menschen angehörte, die stolz darauf war, wie sorgfältig sie dem Gesetz gehorchten. Sie sprachen beispielsweise nicht einmal den Namen Gottes aus, weil sie ihn für zu heilig hielten, um ihn über die Lippen gehen zu lassen. Sie nahmen ein rituelles Bad, um Reinheit zu garantieren, bevor sie Gottes Namen schrieben. Zusammen mit den Pharisäern waren sie penibel darauf aus, das Gesetz in allen Details zu befolgen.
Der Schriftgelehrte hatte gefragt, was er tun musste, um ewiges Leben zu ererben. Jesu Antwort war eigentlich: „Du musst das Unmögliche tun.“
Wie konnte man von irgendjemand erwarten, dem Maßstab des Samariters in dieser Geschichte gerecht zu werden? Wenn es das ist, was Gott erwartet, war sogar der pedantische Schriftgelehrte dem Untergang geweiht. Aber Jesus hatte seine Worte sorgfältig gewählt. Er zeigte, dass Menschen die perfekten Anforderungen des Gesetzes nicht erfüllen können. Sogar diejenigen, die sich ihm voll hingeben, verfehlen das Ziel. Jesus ist der Einzige, der das Gesetz in seiner tiefsten Absicht erfüllen kann. Jesus allein ist der barmherzige Samariter.
Die Räuber entsprechen in diesem Gleichnis der Sünde und den Mächten des Bösen, dem Teufel und seiner Herrschaft. Der Mann, der geschlagen und ausgeraubt wurde, repräsentiert die ganze Menschheit, hilflos, hoffnungslos und dem Tode überlassen.
Der Priester und der Levit stellen vielleicht die Gesetze und die Opfer des Alten Bundes dar. Der barmherzige Samariter ist der Einzige, der helfen kann. Der Wein und das Öl entsprechen dem Blut Jesu, das für uns vergossen wurde, und dem Heiligen Geist, der in uns wohnt.
Die Herberge könnte sodann die Kirche repräsentieren, wo Gott sein Volk hineinstellt, um geistlich ernährt zu werden, bis er zu ihnen zurückkommt. Vielleicht steht der Wirt für die Ältesten der Kirche.
Jesus benutzte die Frage des Schriftgelehrten um zu zeigen, wie unzulänglich sogar die besten menschlichen Bemühungen für die Erlangung des Heils sind und wie wunderbar und sicher sein Erlösungswerk für die Menschheit ist. Jesus, und nur Jesus, kann uns vom „Blutweg“ erretten. Und er tat es durch sein Blut
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Ein Artikel von www.glaube.de
Veröffentlichungen bedürfen der vorherigen Genehmigung der Autoren.
Autor: Dr. Joseph Tkach, mit freundlicher Genehmigung:
Stiftung Weltweite Kirche Gottes in Deutschland
Foto: www.sxc.hu
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