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08-11-03

G. J. Matthia: Gott ist kein Einbrecher

"Wenn Gott wollte, dass ich Geistesgaben hätte, könnte er mir ja welche geben", sagte mir kürzlich jemand im Gespräch. Meine Gegenfrage war: "Hast du ihn denn um Gaben des Heiligen Geistes gebeten?" "Nein, ich komme auch so gut zurecht."


Es gibt eine Haltung, die weit verbreitet ist. "Wenn Gott wollte, dass dies oder jenes geschieht in meinem Leben, könnte er das ja veranlassen."
Mit dieser Einstellung schaden wir uns selbst am meisten. Wir berauben uns. So viel Gutes geht uns verloren. So viel Vollmacht und Freude erleben wir nicht.

Natürlich kommen wir zurecht - aber ist das wirklich alles, was wir von unserem Christsein erwarten?

Gott ist kein Einbrecher. Er steht nicht vor der Tür mit einem Brecheisen in der geballten Faust, um in unser Leben gewaltsam einzudringen. Er steht vor der Tür und klopft an. Und wartet. Und wartet. Und wartet.

Zum Abschied sagte Jesus seinen Jüngern (Luk. 24, 44 ff): "Dies sind meine Worte, die ich zu euch redete, als ich noch bei euch war, daß alles erfüllt werden muß, was über mich geschrieben steht in dem Gesetz Moses und in den Propheten und Psalmen. Dann öffnete er ihnen das Verständnis, damit sie die Schriften verständen, und sprach zu ihnen: So steht geschrieben, und so mußte der Christus leiden und am dritten Tag auferstehen aus den Toten und in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden gepredigt werden allen Nationen, anfangend von Jerusalem. Ihr seid Zeugen hiervon; und siehe, ich sende die Verheißung meines Vaters auf euch. Ihr aber, bleibt in der Stadt, bis ihr bekleidet werdet mit Kraft aus der Höhe!"

Die Gemeinde, die etwa 120 Menschen umfaßte, war voller Erwartung. Jesus hatte sie aufgefordert, auf etwas zu warten, was sie kaum verstehen konnte. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie das vor sich gehen würde, aber sie warteten auf jene Kraft aus der Höhe. Die Gemeinde war kraftlos, Petrus selbst hatte kurz zuvor einer einfachen Dienerin gegenüber nicht zugeben wollen, diesen Jesus überhaupt zu kennen. Wenn diese 120 Menschen losgegangen werden, um allen Nationen Buße zur Vergebung der Sünden zu predigen, wären sie kläglich gescheitert. Sie wußten um ihre Unzulänglichkeit und erwarteten deshalb etwas von Gott.
Als dann die Kraft aus der Höhe kam, waren diese Menschen nicht wiederzuerkennen. Weder Gefängnis noch Prügel noch Tod oder Verbannung konnte sie davon zurückhalten, das zu verkünden, was Petrus auf die Frage der Menschen "Was sollen wir tun?" antwortete (Apg. 2, 37ff): "Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden! Und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern und allen, die in der Ferne sind, so viele der Herr, unser Gott, hinzurufen wird."

Vielleicht geht es uns viel zu gut?

Wir werden in kein Gefängnis gesteckt, nicht verprügelt und nicht getötet, weil wir Christen sind. Wir erleiden keine Nachteile und Verfolgungen, wenn wir uns in unseren Kirchen und Gemeinden versammeln. Wir sind zufrieden und zucken schon zusammen, wenn jemand eine spöttische Bemerkung über das Christsein macht. Unsere Schulfreunde und Kollegen erkennen an unserem Lebenswandel und unseren Äußerungen in der Regel kaum, dass wir einem anderen Herrn dienen als sie.

Was wir alles verpassen und versäumen, bemerken wir oft nicht einmal. Vielleicht sind wir ein bisschen neidisch, wenn im Leben anderer Christen mächtige Dinge geschehen, wenn ihr Dienst durch Zeichen und Wunder bestätigt wird. Aber wir sitzen da und sagen: "Wenn der Herr wollte, dass durch mich Menschen errettet und geheilt werden, dann könnte er das ja tun."

Ich verrate dir hier kein Geheimnis, denn es steht in deiner Bibel, seit du sie gekauft oder geschenkt bekommen hast: Es liegt in deiner Hand, die Tür aufzumachen oder geschlossen zu lassen.

Wenn Gott uns quasi überrumpeln, als Marionetten an Fäden spazierenführen würde, dann wären die vielen Aufforderungen in der Bibel, aktiv zu werden, völlig überflüssig. Paulus zum Beispiel (1. Kor. 14, 1): "Strebt nach der Liebe; eifert aber nach den geistlichen Gaben, besonders aber, daß ihr weissagt!" Nach etwas eifern ist etwas anderes, als zu sagen: "Wenn Gott wollte, könnte er..." Nach etwas eifern, bedeutet, dass es mir wichtig ist, dass ich etwas dafür einsetze und mich darum bemühe, es zu bekommen.

Es geht nicht um die Gaben, es geht um die Kraft.

Die Gaben des Heiligen Geistes sind eine übernatürliche, mit dem menschlichen Verstand nicht zu begreifende Erscheinung. Sie sind nicht das Ziel. Das Ziel ist, die Kraft aus der Höhe zu haben, die uns überhaupt erst in die Lage versetzt, Gottes Zeugen zu sein. Die Gaben dienen dazu, diese Kraft aus der Höhe deutlich und wirksam werden zu lassen.

Natürlich wirst du dich erschreckt in die nächste Ecke zurückziehen, wenn du aus eigener Kraft versuchst, Zeuge zu sein - und unweigerlich auf Widerstand stößt. Jesus forderte seine Jünger ausdrücklich auf, in der Stadt zu warten, bis diese Kraft aus der Höhe sie bekleidet hatte. Wenn diese Kraft des Heiligen Geistes nicht notwendig wäre, und zwar für jeden einzelnen Christen, der den Missionsbefehl ernst nimmt, würde die Bibel darüber eine ganz andere Sprache sprechen.

Unbestritten kannst Du errettet sein, ohne mit der Kraft des Heiligen Geistes bekleidet zu sein. Wenn du aber ein Leben führen willst, in dem die Kraft Gottes sichtbar wird, ein Leben, in dem sogar Schwierigkeiten, echte Verfolgung (nicht der Spott des Kollegen oder Mitschülers) und Leiden um Christi willen zur Freude und zum Sieg werden, dann musst du über das "Wenn Gott will, dann kann er..." hinaus gehen. Dann musst du aktiv werden und sagen: "Ich will mich für den Dienst ausrüsten lassen."

Ich glaube, dass hier der Schlüssel zum Verständnis des Gleichnisses mit den anvertrauten Talenten (Matthäus 25) liegt. Nicht umsonst erzählt Jesus dieses Gleichnis übrigens im Zusammenhang mit der Endzeit. Wir können das uns Anvertraute verbuddeln oder wir können aktiv werden uns es einsetzen. Wenn wir es einsetzen, wird es nicht ohne Erfolg bleiben. Beim einen zweifach, beim anderen zehnfach.

Ich habe in letzter Zeit vermehrt Berichte von Menschen gehört, die völlig unabhängig von der Tradition und Prägung ihrer Kirche beziehungsweise Gemeinde die Bibel beim Wort genommen und angefangen haben, aktiv zu werden. Einer dieser Menschen erzählte mir, dass er beim täglichen Bibelstudium plötzlich über das "eifert aber nach den geistlichen Gaben", das er schon unzählige Male vorher gelesen hatte, gestolpert ist und gebetet hat: "Herr, das habe ich ja bis heute nicht gesehen, was da steht. Wie kann ich denn danach eifern? Wenn Dein Wort sagt, dass geistliche Gaben wichtig sind, dann will ich nicht mehr ohne weiterleben!" Dieser Mann hat in seiner Kirche nie eine Predigt über Gaben des Geistes in unserer heutigen Zeit gehört, weil dies der "Prägung" der Denomination nicht entspricht. Dem Herrn war die "Prägung" dagegen egal und er hat das Gebet erhört. Dieser Mann tut jetzt Dinge für den Herrn, die er selbst nicht für möglich gehalten hatte und erlebt, dass Gott zu seinem Wort steht.

Ich bin überzeugt, dass wir die Kraft aus der Höhe bekleidet werden, egal aus welcher Tradition und aus welchem Frömmigkeitsstil wir kommen, wenn wir den Herrn der Gemeinde darum bitten, weil wir die Notwendigkeit erkennen, Menschen zu Jüngern zu machen. Noch einmal: Es geht nicht um die Gaben, es geht um die Kraft. Die Gaben sind die Begleiterscheinung, die Kraft ist unverzichtbar für den Dienst.

Du musst nicht perfekt sein, bevor Gott dich mit dieser Kraft bekleidet. Du wirst nicht perfekt sein, nachdem du die Gaben empfangen hast.

Es gibt keine Voraussetzungen außer der, dass du Christ bist. Wie Petrus sagte: "Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden! Und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern und allen, die in der Ferne sind, so viele der Herr, unser Gott, hinzurufen wird."

An der Gemeinde in Korinth hatte Paulus noch viel zu korrigieren. Diese Menschen waren alles andere als perfekte Christen. Aber die Gaben des Heiligen Geistes hatte Gott ihnen bereits anvertraut, trotz aller Fehler. Du wirst auch durch die Gaben nicht zu einem besseren oder gar perfekten Menschen. Sie helfen dir dabei, voran zu kommen, aber sie sind kein magisches Mittel zur plötzlichen Heiligung. Sie sind die Ausrüstung, die dir zusteht, nicht mehr und nicht weniger.

Du kannst die Tür aufmachen oder nicht. Der Herr wird sie nicht mit dem Brecheisen aufstemmen. Du hast eine Bibel und kannst nachlesen, was dort über den Heiligen Geist und die Vollmacht für das Christenleben steht. Du kannst das als Geschichten aus grauer Vorzeit beiseite legen oder sagen: "Wenn das stimmt, denn will ich das selbst erleben. Ich will danach eifern, in Zungen zu reden, prophetisch zu reden, Kranke zu heilen, in Vollmacht zu predigen, Zeichen und Wunder zu erwarten. Wenn das stimmt, was in der Bibel steht, dann bekleide mich bitte mit dieser Kraft Gottes, Herr. Dann will ich nicht mehr ohne sie leben."

Günter J. Matthia, Redaktionsmitarbeiter Glaube.de

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