Gerd Ballon: Die Hölle und der liebende Gott

Die Leugnung der Hölle
Unter der Überschrift "Zeugen, die aus der Hölle kommen" veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung einen Beitrag über den Prozess gegen David Irving. Dieser Mann leugnet beharrlich den Holocaust.
Zwei Zeitzeugen, Josef Sackar und Schaul Chasan, sind zutiefst empört über die Aussagen, die Irving vor einem britischen Gericht machte. Sie haben die Hölle Auschwitz erlebt. Keiner von uns ist damals dabei gewesen. Wir können uns jedoch auf Dokumentationen der Hölle von Auschwitz verlassen. Durch Leugnen wird nichts ungeschehen gemacht.
Die Bibel spricht von einer Hölle. Dieses Thema wird jedoch in weiten Teilen der Christenheit vermieden. Warum spricht man so ungern diese Frage an? Die Hölle gilt in unserer Zeit als zutiefst unappetitliches Relikt aus dem finsteren Mittelalter. Die alten Gemälde haben unser Bild von der Hölle geprägt: ein flammendes Inferno mit gräßlichen Dämonengestalten, die Menschen quälen und ins Feuer stürzen.
So etwas paßt natürlich nicht in unsere Zeit. Zwar können selbst Kinder in Horrorfilmen viel schrecklichere Szenen anschauen, als die mittelalterlichen Künstler sie entworfen haben, das Gräßliche an sich ist für unsere Gesellschaft kein Problem. Nur darf es nicht hinein in unsere Realität. Es hat sich auf Filme, Literatur und Spiele zu beschränken. Keinesfalls darf es unser Leben berühren.
Die Bibel beschreibt die Hölle als Gegensatz zum Himmel. Damit fordert der Gedanke an die Hölle eine absolute Entscheidung: entweder Himmel oder Hölle. Die moderne Toleranz jedoch hält nichts von absoluten Werten. Toleranz heißt heute: Die verschiedenen Wahrheiten stehen gleichwertig nebeneinander. Eine absolute Wahrheit gibt es nicht. Unsere Gesellschaft hält auch nichts von einem Gott, der Menschen in diese schreckliche Hölle schickt. "Ist das denn ein Gott der Liebe?" wird sofort gefragt. "Wie kann man an einen Gott glauben, der so etwas tut? Der so absolut ist und von der Lebensentscheidung eines Menschen den Aufenthaltsort für die Ewigkeit abhängig macht?"
Viele Menschen, auch im kirchlichen Bereich, leugnen die Hölle. Und sie lächeln mitleidig, wenn jemand darüber spricht. Die Hölle ist jedoch keine Erfindung von Mönchen, die damit ein Druckmittel schaffen wollten, um Menschen an die Kirche zu binden. Hölle ist Teil der biblischen Botschaft.
Der biblische Befund
Was sagt Jesus Christus über die Hölle? So nüchtern Seine Aussagen zum Ende der Welt sind, so nüchtern sind sie auch zum Thema Hölle. Jesus malt nicht aus, läßt keine Dämonen tanzen. Aber er macht unmißverständlich klar: Wenn Dich Dein Auge zur Sünde verführt, dann reiß es heraus. Es ist viel besser, einäugig in Gottes Reich zu gelangen, als mit zwei gesunden Augen schließlich ins Feuer der Hölle geworfen zu werden. Dort wird die Qual nicht enden und das Feuer nicht verlöschen. (Markus 9, 47)
Wie das Unkraut vom Weizen getrennt und verbrannt wird, so wird es auch beim Gericht Gottes über die Welt sein: Der Menschensohn wird seine Engel senden. Sie werden aus dem Gottesreich alle Verführer und alle, die Unrecht tun, aussondern, sie in den Feuerofen werfen und verbrennen. Dort wird viel vergebliches Heulen und ohnmächtiges Jammern zu hören sein. So wird es auch am Ende der Welt sein; die Engel werden kommen und die Bösen von den Gerechten trennen, um sie in das höllische Feuer zu werfen. Dort werden sie weinen und jammern, aber niemand kann ihnen helfen. (Matthäus 13, 40-51)
Und sie werden der ewigen Strafe ausgeliefert sein. Aber die den Willen Gottes getan haben, erwartet unvergängliches Leben. (Matthäus 25, 46)
Zu denen auf seiner Linken aber wird er sagen: Geht mir aus den Augen, ihr Verfluchten, ins ewige Feuer, das für den Teufel und seine Helfer bestimmt ist. (Matthäus 25, 41)
Ähnlich deutlich wird auch Johannes, wenn er das Thema in Offenbarung 19, 20 anspricht: Bei lebendigem Leib wurden beide - das Tier und der Lügenprophet - in einen See voller Feuer geworfen, in dem Schwefel brannte.
Der Teufel, der sie verführt hatte, wurde nun auch in den See von Feuer und Schwefel geworfen zu dem Tier und dem Lügenpropheten. Immer und ewig müssen sie dort Tag und Nacht schreckliche Qualen erleiden.
Man kann Argumente gegen die Hölle sammeln. Aber es ist einfach nicht wahr, dass sie in der Bibel nicht ausreichend bezeugt wäre. Die Hölle ist der von Gott geschaffene Gegenort zum Himmel, an den die Menschen kommen, die ganz bewußt ohne Gott auf dieser Erde gelebt haben.
Dies hat nichts zu tun mit dem Hades, der Gehenna, der Scheol - Begriffe, die im Alten Testament gebraucht werden. Hades, Gehenna oder Scheol sind Begriffe, die nicht den endgültigen Strafort meinen, sondern Totenreich oder Unterwelt. Manchmal scheint Scheol auch nur das Grab zu bezeichnen. Dort warten Gerechte und Gottlose auf ihr abschließendes Urteil, die einen bereits im qualvollen Angesicht ihrer Fehlentscheidung gegen Gott, die anderen getröstet durch die Gewißheit ihrer Errettung durch Christus.
Am Ende der Tage wird in der Auferstehung aller Menschen dieses Totenreich geleert werden und das Gericht Gottes, von dem Jesus in den oben zitierten Versen spricht, stattfinden.
Es gehört eine ganze Portion theologischer Willkür dazu, die im gesamten Neuen Testament anzutreffenden Aussagen von der Scheidung der Geretteten von den Verlorenen beiseite zu schieben und allen Menschen ein gutes, versöhnliches Ende in Aussicht zu stellen.
Andererseits muß deutlich gesagt werden: Wir haben den Menschen nicht die Hölle heiß zu machen, um sie mit der drohenden Verdammnis in den Himmel zu hetzen. Auch das wäre theologisch unseriös und seelsorgerlich sehr bedenklich. Wir haben aber die Menschen nüchtern daran zu erinnern, dass sie Gott als ihren Schöpfer Rechenschaft schuldig sind. Und wir haben ihnen eine Antwort zu geben auf die Frage, wie sie in jenem letzten Gericht vor Gott bestehen können.
Unser Bild von der Hölle - und was es aussagen will
Das Bild von dem brennenden Pfuhl in der Offenbarung ist ein Bild, das die schrecklichste Qual beschreiben soll, die vorstellbar ist: bei lebendigem Leibe und ohne Ende zu brennen. Seit Urzeiten graut Menschen davor, in Feuersbrünste zu geraten. Mein Verständnis ist, dass die Bibel deshalb das Bild vom nie verlöschenden Feuer wählt, um Hölle überhaupt annähernd zu beschreiben.
Die Bibel macht deutlich: Es geht um entsetzliche Qual. Es ist der Ort der Abwesenheit Gottes. Dies ist das wirklich Schreckliche, das Schrecklichste der Hölle.
Nirgendwo in der Bibel wird der Teufel als der Beherrscher der Hölle genannt. Es wird keine Hölle mit peinigenden Dämonen geben. Alle, Satan eingeschlossen, werden die Qual der Hölle erleiden. Vielleicht korrigiert das einen Teil unseres mittelalterlich gefärbten Höllenbildes schon etwas.
Hölle bedeutet totale Trennung von Gott und allem Göttlichen. So wie im Himmel keine Schmerzen, kein Leid, keine Tränen, keine Trauer, kein Tod mehr da sein wird - so wie also der Himmel als Abwesenheit all dessen beschrieben werden darf, das mit Leiden und Sünde und Bösem zu tun hat - so gilt für die Hölle: nichts mehr wird da sein von Gottes Barmherzigkeit, die selbst den schlimmsten Sünder zu retten bereit ist. Nichts mehr wird da sein von Hoffnung, von Vertrauen, von Liebenswertem. Hölle ist das häßlichste, das grausamste, was man sich vorstellen kann, denn es fehlt Gottes Einfluß. Kein Ruf um Erbarmen wird mehr Gehör finden; es gibt einfach keinerlei Hoffnung mehr. Das ist Hölle.
Man kann auf den feurigen Pfuhl als antikes Bild verzichten; aber jeder wird begreifen, warum er da niemals hingelangen möchte und darf, und warum es die Hauptaufgabe der christlichen Gemeinde bis zur Wiederkunft Jesu bleiben muß, so viele Menschen wie möglich davor retten zu helfen.
Die Hölle und der liebende Gott
Es bleibt die Frage der Liebe Gottes. Kann ein liebender Gott denn eine ewige Hölle zulassen? Kann er es ertragen, Menschen dorthin zu schicken? Und wie soll man einem solchen Gott noch seinen Glauben und sein Herz schenken?
Um hier weiterzukommen, müssen wir uns deutlich machen, dass in der gesamten Bibel Gott durch zwei Eigenschaften gezeigt wird, die auf den ersten Blick einander widersprechen:
Einerseits: Gott liebt diese Welt und uns Menschen in einer unvorstellbar starken Weise.
Andererseits: Gott haßt die Sünde und das Sündige in der gleichen unvorstellbar starken Weise.
Diese Wesensart Gottes muß zu zwei Bereichen führen: zu einem Ort der Anwesenheit Gottes und alles Göttlichen - und zu einem Ort, an dem Gott niemals zu finden ist. Ganz nüchtern also kommen wir zu der Konsequenz von Himmel und Hölle. Das entspricht dem Wesen Gottes.
Kann man es Gott vorwerfen, dass ein Ort ohne Seine Gegenwart so gräßlich ist? Anstatt über die Hölle zu erschrecken, könnte ich Gott auch mein Leben lang danken für die Zeichen seiner Anwesenheit, für seine radikale Liebe zu mir. Anstatt ihm also die Hölle vorzuwerfen oder sie zu leugnen, könnte ich mich ein Leben lang fragen: Warum ist Gott so gut zu mir? Warum liebt er mich so?
Gott wußte viel früher als wir Menschen, dass sein Haß auf die Sünde und seine Liebe zu uns Menschen ein Opfer haben würden, das schwächste Glied der Kette, den Menschen selbst. Denn auch in uns Menschen sind zwei Wesensarten vorhanden: die Sucht nach der Sünde - und die Suche nach Gott und nach Befreiung aus der Knechtschaft der Sünde.
Gott liebte die Menschen. Er hätte am liebsten die Hölle für alle Zeiten leer gesehen. Deshalb handelte Gott. Er tat dies in einer unnachahmlich konsequenten und überzeugenden Weise. Gott kreuzte seine Liebe zu uns Menschen und seinen Haß auf die Sünde: Am Kreuz Jesu Christi macht Gott zum einen unmißverständlich deutlich, wie sehr er die Sünde haßt und wie schrecklich die Folge der Sünde ist. Am Kreuz stirbt Jesus, der ohne Sünde war, um der Sünde willen.
Das andere, was Gott deutlich macht: Er liebt mich und Dich. Um uns zu retten vor der Hölle, hängt Gott sich in Jesus Christus selber ans Kreuz. Er bringt das endgültige Opfer, Jesus stirbt unter Qual und Schmerzen und - was wirklich wiegt - unter der Last meiner und Deiner Sünden.
Damit ist jedem Menschen der Weg an der Hölle vorbei als Geschenk gegeben.
So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eigenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren - nicht zur Hölle gehen - , sondern ewiges Leben - Leben im Himmel haben. Das ist Evangelium - in aller Kürze in Johannes 3, 16.
Die Hölle ist also ein Ort, an dem kein Mensch sein muß. Jesus macht deutlich, dass er ein Geschenk für jeden Menschen hat: Vergebung der Schuld. Ich muß dieses Geschenk nur annehmen, einfach annehmen und auspacken. Wenn ich das tue, verändert sich mein Leben. Ich gewinne durch Christus die Kraft, den Wirkungen der Sünde in meinem Leben Gottes Kraft entgegenzustellen und kann dann die Erfahrung machen, Sünde zu lassen und mich zum Guten hin zu verändern. Gottes Barmherzigkeit und Liebe macht mir ein Geschenk. Annehmen muß ich es selbst.
In der Hölle werden sich nur die Menschen befinden, die im Begreifen dieses Geschenkes und im Verstehen der schrecklichen Konsequenz Nein sagen. In der Hölle ist niemand, der aus göttlicher Willkür dort wäre. Er ist dort wegen seiner eigenen Entscheidung. Er sagt Nein.
Theologie und Verkündigung der Gegenwart sind oft von einer auffallenden Gerichtsvergessenheit gekennzeichnet. Wo werden dem Zuhörer heute noch ernste Worte über das Gericht Gottes und die ewige Verdammnis zugemutet? Stattdessen betreiben manche eine Verniedlichung Gottes, die niemanden mehr beunruhigt.
In den 50er Jahren stellte der Essener Jugendpfarrer Wilhelm Busch eine Frage: "Was fehlt denn unserer Predigt, die so gut und so sicher und so zeitnah ist - und die trotz aller Bemühungen am Menschen vorbeiredet und keine Bewegung schafft?" Er selbst gab die Antwort: "Dieses fehlt ihr: es fehlt in ihr die Angst, dass Hörer und Prediger in die Hölle kommen könnten."
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Ein Artikel von www.glaube.de
Textbearbeitung: Redaktion Glaube.de
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Mit freundlicher Genehmigung vom Herausgeber/Autor:
© Pastor Gerd Ballon
Freie evangelische Gemeinde München-Nord
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Bild: Chagall: Die Kreuzigung
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