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02-11-04

Grundkurs Teil 10 - Wozu brauche ich andere Christen?

Es gibt eine schier unüberschaubare Vielzahl von Kirchen, Ortsgemeinden, Gemeinschaften und Gruppen.


Sie tragen mehr oder weniger phantasievolle Bezeichnungen, legen Schwerpunkte auf bestimmte Traditionen oder Aussagen der Bibel, haben oft ihren sehr individuellen Stil. Manche blicken auf eine lange Geschichte zurück, andere sind noch jung. In einigen findet man eher die junge Generation, andere erinnern an eine Vereinigung von Rentnern, bei manchen begegnet man wie in einer intakten Familie Menschen jeden Alters. Extrovertierte Menschen fühlen sich in anderen Gruppen wohl als eher zurückhaltende Gläubige. Die Vielfalt ist für einen Menschen, der gerade Christ geworden ist, oft verwirrend anstatt hilfreich. Warum das so ist, erklärt der Apostel Paulus schon in seinen Briefen an die erste Generation der Christen. Er benutzt zur Verdeutlichung unter anderem einen Vergleich aus der Biologie.

Der Körper

Das Bild ist das des menschlichen Körpers (siehe Römer 12, 1. Korinther 12, Epheser 4, Kolosser 2). Die Summe aller Christen bilden den "Leib Christi", den Körper. In diesem Körper gibt es nun eine Vielfalt an Organen und Gliedern, die alle an und für sich betrachtet perfekt sind, aber nur im Zusammenspiel mit dem Rest der Organe und Gliedmaßen wirklich zum Wohl des gesamten Körpers beitragen können. Du kannst ein perfektes Auge ohne Kurzsichtigkeit und ohne jeglichem sonstigen Makel nehmen: Wenn es nicht über Nervenbahnen mit dem Gehirn verbunden ist, taugt es überhaupt nicht für seine Aufgabe. Die entsprechenden Nervenbahnen wiederum sind dann sinnlos, wenn an ihrem Ende das Auge fehlt, oder wenn die Schaltstelle zum Gehirn nicht vorhanden ist. Die Nervenbahn kann an und für sich perfekt sein - sie braucht Auge und Gehirn, um ihre Aufgabe zu erfüllen.

Dieses Bild passt sowohl auf den einzelnen Gläubigen bezüglich der örtlichen Gemeinschaft mit anderen Christen, als auch auf die einzelne Gruppe von Gläubigen bezüglich des Leibes Christi.
Wenn du, um bei dem Bild zu bleiben, ein perfektes Trommelfell bist, das jede Schwingung in der Luft in allen Nuancen wahrnehmen kann, dann brauchst du viele andere, um überhaupt deine Aufgabe zu erfüllen: Die Ohrmuschel und den Gehörgang, die dir die Schwingungen zuleiten, die Nervenbahnen, die dich mit dem Gehirn verbinden, die entsprechenden Regionen im Gehirn, die aus den Impulsen, die du aufnimmst, Töne machen und dein Äquivalent auf der anderen Seite des Kopfes, damit aus dem Monosound Stereo wird. Wenn deine Ortsgemeinde der Fuß ist, dann wird der ganze Körper nicht vom Fleck kommen, solange deine Kirche nicht mit dem Bein und dem anderen Fuß zusammenarbeitet und die Impulse umsetzt, die vom Gehirn gesendet werden.

Wir Menschen neigen dazu, uns als Maß aller Dinge zu betrachten und dabei den Gesamtzusammenhang aus dem Auge zu verlieren. Dies hat immer wieder zu Streit, Missverständnis und sogar Feindseeligkeiten geführt, leider auch heute noch - obwohl in den letzten Jahren eine erstaunliche Entwicklung zum Verständnis für einander und für die unterschiedlichen Aufgaben der Konfessionen, Denominationen und Gemeinschaften im gesamten Körper zu beobachten ist.
Das Auge verfügt ohne Frage über Fähigkeiten, die das Ohr nicht hat. Das Auge kann etwas leisten, was dem Ohr nicht möglich ist: Hell und Dunkel, Rot und Grün, Freundlichkeit und Hass, Gefahr und Frieden... - das Auge nimmt vieles wahr. Diese Fähigkeiten sind wichtig, wenn sie fehlen, ist die Funktion des Körpers eingeschränkt. Und genau deshalb fängt das Auge an, das Ohr zu kritisieren und zu behaupten, dem Ohr fehle etwas entscheidend Wichtiges.

Diese traurige Entwicklung gab es in der Geschichte des Christentums häufig. Gott richtete die Aufmerksamkeit auf Dinge, die in seinem Leib, der Gemeinde fehlten und beschenkte die entsprechenden Teile der Gemeinde damit. So entstanden zum Beispiel der Pietismus, die charismatische Bewegung, die Brüdergemeinden und viele andere. Und die Folge war oft keineswegs die von Gott gewollte Bereicherung der Fähigkeiten des Körpers, sondern Streit, Zank und eine vermehrte Handlungsunfähigkeit.
Wie bereits gesagt: Die Entwicklung der letzten Jahre gibt Anlass zur Hoffnung. Gräben zwischen Konfessionen werden zugeschüttet, Mauern eingerissen. Dabei gehen nicht die Eigenheiten der Gruppen verloren, sondern sie werden für den gesamten Körper nützlich, weil sie auf einmal nicht mehr getrennt vom Leib, sondern mit ihm vereint vorhanden sind.

Ich bin ein Pfievalankatcha-Christ.

Bekehrt habe ich mich in einer kleinen Gemeinde, die zu den Pfingstkirchen gehört, der "Urchristlichen Mission" im schwäbischen Memmingen. Nach einer schweren persönlichen Krise bin ich in einer evangelikalen Kirche geistlich und körperlich wieder gesund geworden, der "Kirche des Nazareners" in Berlin. In der evangelischen Landeskirche habe ich viele Jahre lang mit einem Pfarrer zusammen Lobpreisgottesdienste gestaltet, der "Apostel-Paulus-Kirche" in Berlin Schöneberg. Mit katholischen Christen zusammen durfte ich zur Vorbereitung und Durchführung eines 72-stündigen Non-stop-Gebetes beitragen, dies waren Christen aus der "Herz-Jesu-Gemeinde" in Berlin Mitte. In einer charismatischen Gemeinde habe ich mein geistliches Zuhause, der "Gemeinde auf dem Weg". Ich hätte noch mehr Silben einfügen können...

Jede dieser genannten (und viele hier nicht aufgezählte) Ortsgemeinden hat mir Wertvolles in mein Leben hinein gegeben. In manchen Situationen hätte die eine Gruppe nicht das beitragen können, was von der anderen kam. Wie in einem Körper eben: Das Ohr hört, das Auge sieht.

Für das Individuum gilt das ebenso. Wenn es in einer Gruppe nur Propheten gibt, wird die Lehre, das intensive und genaue Bibelstudium genauso fehlen wie der Dienst an den Notleidenden oder Kranken. Daher ist es gut und wichtig, dass die gegenseitige Ergänzung vorhanden ist und bejaht wird. Und deshalb ist es auch wichtig, dass du eine Gemeinde oder Kirche findest, die zu deinem geistlichen Zuhause wird.

Du wirst gebraucht

Du bist durch deine Entscheidung, ein Kind Gottes zu werden, zu einem Teil des Körpers geworden. Du hast Fähigkeiten und Begabungen, die gebraucht werden. Zum Teil mögen diese noch in der Entwicklung sein, noch nicht so zur Verfügung stehen, wie sie von Gott geplant und geschenkt sind. Aber diese Entwicklung kann nur dann in einer gesunden Weise geschehen, wenn du nicht isoliert vom Körper bist. Du brauchst die Korrektur durch andere Gläubige, du brauchst die Ernährung durch den Organismus, du brauchst die Schulung deiner Fähigkeiten durch ihre Anwendung und ein Umfeld, in dem du Fehler machen und aus ihnen lernen darfst.

Es wird dir vermutlich nicht gelingen, die ideale Ortsgemeinde mit lauter perfekten Christen zu finden. Es wird in jeder Gruppe Menschen geben, mit denen du weniger gut zurecht kommst und solche, die dir einfach liegen. Den Menschen, zu denen du stößt, wird es mit dir genauso gehen. Nicht alle werden dich als persönlichen Freund oder persönliche Freundin aussuchen.

Du brauchst die Anderen

Die Bibel fordert uns nicht ohne Grund auf, dass wir einander beim Tragen der Lasten helfen sollen. Ob es nun Probleme sind, die aus deiner Vergangenheit herrühren und die du nicht ohne seelsorgerliche Hilfe bewältigen kannst oder ob es sich um Schwierigkeiten auf deinem Weg handelt, bei denen du beistand brauchst: Es wird immer wieder Gelegenheit sein, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Auch in diesem Grundkurs war es schon gelegentlich notwendig, auf das seelsorgerliche Gespräch zu verweisen, wo per "Ferndiagnose" keine Aussicht auf Heilung tiefer Verletzungen besteht. Nun ist es unbestritten so, dass der Herr die seinen nicht im Stich lässt - wenn dir wirklich niemand zur Seite stehen kann oder will, wird Gott nicht zulassen, dass du untergehst, wenn dein Herz ihm gehört. Doch der Normalfall eines Christenlebens ist nicht die Isolation, sondern das Eingebundensein in den Organismus.

Es mag Phasen in deinem Leben geben, in denen eine bestimmte Ausprägung des Glaubens dir das gibt, was dir gut tut und was dich voran bringt. Mir ging es, wie schon kurz erwähnt, in einer mehrjährigen Zeitspanne so. Nachdem ich mit meinem Christsein und Leben buchstäblich auf der ganzen Linie gescheitert war, wurde ich in einer kleinen evangelikalen Kirche liebevoll aufgenommen und durfte gesund werden. Dies dauerte lange, ganz behutsam, Schritt für Schritt, führte Gott mich aus dem Scheitern meines Lebens zurück auf dem Weg mit ihm. Dass ich in diese Kirche geriet, was - menschlich betrachtet - ein purer Zufall. Meine Frau und ich wollten den Gottesdienst einer ganz anderen Gemeinde besuchen, die in dem Gebäude einst ihre Heimat gehabt hatte.
Inzwischen haben wir in einer anderen Kirche unsere geistliche Heimat, so weit ich es beurteilen kann, endgültig. Ich bin niemand, der das ständige Wechseln von Gemeinde zu Gemeinde gut findet, wie man es bei manchen Christen beobachten kann. Sie schließen sich irgendwo an, stellen nach einer Weile fest, dass sie dieses oder jenes nicht so toll finden, und gehen zur nächsten Kirche, wo sich das über kurz oder lang wiederholt.
Ich glaube, dass Verbindlichkeit und Treue wichtig sind, dass es gut und richtig ist, eine dauerhafte geistliche Heimat zu haben. Ich halte es für gut, wenn wir es lernen, miteinander auszukommen und gemeinsam das Reich Gottes zu bauen, obwohl wir Fehler feststellen werden. Die perfekte Gemeinde, sagt man oft, ist so lange perfekt, bis du dich ihr anschließt. Es gibt jedoch tatsächlich auch Situationen, in denen ein Wechsel notwendig und gut ist, weil er dich auf deinem Weg weiterbringt und weil deine Begabungen anderswo gebraucht werden.

Ich finde keine passende Gemeinde

Wenn jemand in einer ländlichen Gegend wohnt, mag es tatsächlich sein, dass keine Gruppe von Christen in erreichbarer Nähe ist. In solchen Fällen ist der Einzelne gezwungen, zunächst ohne die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen auszukommen. Er ernährt sich aus der Bibel und durch Predigten, die er liest oder hört, empfängt Lehre und Unterricht durch Bücher oder Fernkurse. Oft entsteht dann jedoch eine zunächst sehr kleine Gruppe, die sich zu Hause zum Bibelstudium, Gebet und zur Anbetung trifft und die dann nach und nach zu einer neuen Gemeinde wird. Wenn du also jemand sein solltest, der als Christ völlig isoliert ist, dann bist du ein Zeuge Jesu Christi in der geistlichen Wüste und kannst erleben, wie durch dein Zeugnis andere gläubig werden, wie ihr euch zuerst zu zweit, dann zu dritt, dann als Dutzend trefft - und so entsteht ein neues Organ im Körper.

Widrige Umstände stehen dem Wachstum des Körpers nicht dauerhaft entgegen, dafür sorgt schon das Haupt, Jesus Christus. Als der Apostel Paulus in Rom gefangen gehalten wurde, entstand in seiner Mietwohnung eine Gemeinde (siehe Apostelgeschichte 28). Als die ersten Christen aus Jerusalem durch Verfolgung in alle Himmelsrichtungen verstreut wurden, entstanden überall Ortsgemeinden (siehe Apostelgeschichte ab Kapitel 8).

Gemeinde Jesu Christi - das ist keine Organisation, das ist keine Konfession, kein eingetragener Verein. Es ist ein Körper, der lebendig ist, ein Organismus, der dich braucht und den du brauchst. Wo zwei oder drei sich im Namen Jesu Christi versammeln und eins werden, ist Gemeinde. Das kann in einer Megakirche oder in deinem Wohnzimmer sein - es kommt nur darauf an, dass es geschieht, denn dann kann der Leib wachsen und vollkommen werden.

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Autor: Günter J. Matthia, Berlin, guenter@glaube.de
Die Bibelzitate entstammen, soweit nicht anders vermerkt, der revidierten Elberfelder Bibelübersetzung.
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