Grundkurs Teil 7 - Herr, lehre uns beten.

(Es ist an dieser Stelle unumgänglich, diesen Hinweis einzuschieben: Der Umfang eines Artikels zwingt zur Beschränkung auf einige wenige Gedankenanstöße. Ich bin aber gerne bereit, Lesern ihre Fragen so gut wie möglich zu beantworten.)
Die Frage, wie wir eigentlich beten sollten - oder besser dürfen, ist nicht neu. Die Jünger, die Jesus schon geraume Zeit begleitet und beobachtet hatten, stellten ebenfalls fest, dass sie nicht so recht wussten, wie man Gott angemessen anspricht.
Und es geschah, als er an einem Ort war und betete, da sprach, als er aufhörte, einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte! (Lukas 11, 1)
Dies war nicht das erste Mal, dass die Jünger dabei waren, während Jesus betete. Manches Mal hatte er sich zurückgezogen und allein in einsamen Gegenden gebetet, manchmal nahm er einige Jünger mit zu solchen Stunden der Zwiesprache mit dem Vater im Himmel. Und es geschah, als er für sich allein betete, waren die Jünger bei ihm... heißt es zum Beispiel in Lukas 9, 18. In Vers 28 lesen wir: Es geschah aber etwa acht Tage nach diesen Worten, dass er Petrus und Johannes und Jakobus mitnahm und auf den Berg stieg, um zu beten...
Aus diesen Gebetszeiten heraus traf Jesus Entscheidungen und aus dem Gebet bezog er offensichtlich die Vollmacht, die sein Wirken begleitete. Und es geschah in diesen Tagen, dass er auf den Berg hinausging, um zu beten; und er verbrachte die Nacht im Gebet zu Gott steht in Lukas 6, 12, unmittelbar bevor Jesus die zwölf Apostel aus dem Kreis der Jünger beruft. Als die Jünger die Heilung eines Kindes nicht zustande bringen, erklärt Jesus ihnen, dass Gebet (neben dem Glauben) die Voraussetzung für diese Heilung gewesen wäre. Jesus hatte auch in der Nacht vor diesem Ereignis im Gegensatz zu den Jüngern nicht geschlafen, sondern gebetet (siehe Markus 9).
Schließlich bat (in Lukas 11, 1) einer der Jünger direkt um eine Unterrichtseinheit im Gebet.
Herr, lehre uns beten!
Es ist also keine Schande, wenn sich jemand fragt, wie man denn eigentlich betet. Viele Christen übernehmen einfach die Formen und Inhalte, die sie bei anderen sehen und erleben. Wer in einer Kirche oder Gemeinde aufwächst, ist von Kindheit an in die entsprechenden Arten des Gebetes hineingewachsen - das Spektrum reicht vom Rosenkranz bis zum wilden Kampfgetümmel.
Die Jünger Jesu kannten ebenfalls die überlieferten Gebetsformen ihres Volkes und ihrer Kultur. Daran, dass sie Jesus um eine Gebetsschulung bitten, kann man erkennen, dass Jesus wohl ganz anders betete, als es der Tradition entsprochen hätte.
Jesus war gerne bereit, seinen Jüngern die Zwiesprache mit Gott zu erklären. Betrachten wir, wie Lukas darüber berichtet:
Er sprach aber zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, geheiligt werde dein Name; dein Reich (deine Königsherrschaft) komme; unser nötiges Brot gib uns täglich; und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir selbst vergeben jedem, der uns schuldig ist; und führe uns nicht in Versuchung. (Lukas 11, 2-4)
Vater
Wenn du deinen Vater ansprichst, dann ist das etwas völlig anderes, als wenn du mit deinem Chef oder deinem Lehrer redest. Viele haben keinen menschlichen Vater oder einen, der sich nicht so verhält, wie es eigentlich der Fall sein sollte. Das macht es uns schwer, zu begreifen, wer Gott für uns sein möchte.
Mein Vater starb, als ich drei Jahre alt war. Ich besitze keine Erinnerung an ihn aus erster Hand, nur Fotos und die Erzählungen meiner Mutter konnten mir beim Heranwachsen ein ungefähres Bild vermitteln, wer und wie mein Vater gewesen war. Meine Mutter heiratete nicht wieder, so wuchsen mein Bruder und ich auf, ohne zu erleben und zu verstehen, was Vaterschaft bedeutet. Als ich selbst Kinder hatte, tat ich mich oft sehr schwer, weil einfach ein Vorbild fehlte, an dem ich mich hätte orientieren können. Ich machte viele Fehler einfach aus Mangel an persönlicher Vatererfahrung.
Manches Kind wird vom Vater missbraucht - das ist schlimmer, als keinen Vater zu haben oder ihn nicht zu kennen. Solche Menschen können gar nicht anders, als mit dem Begriff Vater etwas bedrohlich Böses zu verbinden. Wenn jemand in einer solchen Lage zum Vater im Himmel beten möchte, steht er oder sie großen Verständnisproblemen gegenüber. Wir müssen uns, selbst wenn unser Vater ein guter Vater war, von den menschlichen Vorstellungen trennen.
Der Vater, den wir im Gebet ansprechen, ist ganz anders als jeder menschliche Vater, so gut er seine Funktion aus auszuüben vermag. Der Vater im Himmel ist unser Schöpfer, der voller Liebe, Barmherzigkeit und Zuneigung zu uns ist. Er macht keine Fehler, wie sie menschlichen Vätern unterlaufen. Er will nicht unser Chef sein, nicht unser Lehrer, nicht unser Befehlshaber - er möchte, dass wir voller Vertrauen und ohne Furcht vor Missbrauch oder Enttäuschung zu ihm kommen. Wir sind seine Kinder - was ihm gehört, gehört auch uns.
Jesus weiß um die Unzulänglichkeit menschlicher Vaterfiguren und macht dies seinen Jüngern mit einem Vergleich deutlich: Wen von euch, der Vater ist, wird der Sohn um einen Fisch bitten - und wird er ihm statt des Fisches etwa eine Schlange geben? Oder auch, wenn er um ein Ei bäte - er wird ihm doch nicht einen Skorpion geben? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater vom Himmel Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten! (Lukas 11, 11-13)
Beten zum Vater - das heißt Loslassen des Bildes, das wir mit diesem Begriff bezüglich der Menschheit verbinden, das heißt Betrachten der vollkommenen Vaterschaft Gottes.
Geheiligt werde dein Name
Was heißt denn eigentlich geheiligt? Wir können mit dem Wort in der Regel wenig anfangen - heilig klingt für viele Menschen heute nach feierlicher Zeremonie, nach Weihrauch, nach sonderbarem Gehabe, das mit dem wirklichen Leben wenig zu tun hat. Heilige sind irgendwelche sagenhaften Gestalten aus der Geschichte, für uns normale Menschen unerreichbar. Geheiligte Gefäße werden in goldene Schränke eingeschlossen, anstatt benutzt zu werden, und manchen etwas verschrobenen Mitmenschen bezeichnen wir als komischen Heiligen.
Heilig heißt aber nichts anderes als abgesondert vom Übrigen, herausgehoben und gelöst vom Profanen. Wenn wir beten, dass der Name des Vaters geheiligt werde soll, dann sagen wir: Dein Name, Gott, soll nicht untergehen im Alltäglichen, nicht gleichbedeutend sein mit anderen Namen. Dein Name soll für mich von allem anderen in meinem Leben unterscheidbar sein, wertvoller als irgendetwas, wichtiger als andere Dinge.
Da schließt sich natürlich sofort eine Frage an: Wie heißt denn Gott, wenn sein Name so abgesondert werden soll?
Ein Name war in biblischen Zeiten mehr als nur die Bezeichnung eines Individuums, der Name sagte etwas über die Person. Mancher Mensch wurde von Gott umbenannt, so Abram (mein Vater ist erhaben) in Abraham (Vater von vielen), Jakob (Versenhalter, Betrüger) in Israel (Kämpfer Gottes) und Simon bekam den Beinamen Petrus (Fels). Dies ist nun nicht der Ort, über die Bedeutung der Namen für Menschen nachzudenken, sondern wir fragen uns, welchen Namen denn Gott eigentlich trägt, wenn dieser Name so anders als alle anderen sein soll.
Diese Frage stellte auch Mose, als er von Gott als Botschafter zum Volk Israel gesandt wurde, denn er musste ja den Menschen erklären, wer ihn schickte. Und Gott sprach weiter zu Mose: So sollst du zu den Söhnen Israel sagen: Jahwe, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name in Ewigkeit, und das ist meine Benennung von Generation zu Generation. (2. Mose 3, 15) Jahwe wird in der deutschen Bibel meist mit "der Herr" übersetzt, Gott stellt sich hier also als derjenige vor, dem alles auf der Welt untersteht. Ähnlich in der Bedeutung ist der Name El Shaddaj, in der Regel mit "der Allmächtige" übersetzt.
Der Name Gottes, den wir im Gebet heiligen, absondern von allem Alltäglichen, ist aber nicht mit diesen zwei Begriffen oder den vielen anderen, die in der Bibel genannt werden, zu fassen. In der Offenbarung lesen wir über Christus: Seine Augen aber sind eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt sind viele Diademe, und er trägt einen Namen geschrieben, den niemand kennt als nur er selbst; und er ist bekleidet mit einem in Blut getauchten Gewand, und sein Name heißt: Das Wort Gottes. (Offenbarung 19, 12-13)
Wir können kaum im Gebet alle Namen, die für Gottes Eigenschaften stehen, aufzählen und begreifen - und das ist auch nicht der Sinn der Sache. Wenn Jesus in dieser Gebetsschule seinen Jüngern sagt, sie sollen geheiligt werde dein Name beten, dann macht dies eine Haltung deutlich, die wir im Gebet einnehmen: Wir kommen zu demjenigen, dessen Name, dessen Person und wichtiger ist als alles andere, den wir nicht mit den Dingen dieser Welt vermischen. Wir wenden uns an Gott, der so viel größer ist als unser Verständnis. Wir kommen zu einem Vater, vor dem wir Respekt haben - das ist ja kein Widerspruch zur Liebe, sondern eine Ergänzung oder Folge. Wenn mich jemand so sehr liebt, dann ist er mehr als ein guter Kumpel, dann empfinde ich Ehrfurcht, schätze ihn hoch.
Wenn wir beten, dass der Name des Vaters geheiligt werde, beschäftigen wir uns hochachtungsvoll mit seinen Eigenschaften und seinem Charakter.
Dein Reich komme
Über das Reich Gottes, das so völlig anders ist als alle Reiche und Regierungsformen dieser Erde, hatte Jesus seinen Jüngern vieles erklärt und in der Praxis gezeigt. Er sagte von sich selbst, dass mit seinem Kommen auf die Erde das Reich Gottes in die sichtbare Welt hineingekommen war: Wenn ich aber durch den Geist Gottes die Dämonen austreibe, so ist also das Reich Gottes zu euch gekommen. (Matthäus 12, 28)
Die Königsherrschaft Gottes, das Reich Gottes, ist nichts anderes als das Erleben, dass der Geist Gottes in die irdische Wirklichkeit hinein wirkt und eine Veränderung der Umstände sichtbar wird. Dies schließt sowohl die Errettung des Menschen, der an Jesus Christus glaubt, als auch sichtbare Zeichen des Reiches Gottes wie Krankenheilungen, Gaben des Heiligen Geistes und Veränderungen in der Gesellschaft ein.
Wenn wir also beten, dass das Reich Gottes kommen möge, dann sagen und meinen wir: Vater im Himmel, ich wünsche mir, dass durch den Geist Gottes Veränderungen geschehen. In mir, meinem Leben, und dann durch mich in meiner Umgebung bei meinen Freunden und Verwandten, in meiner Schule oder Firma, in meiner Stadt, meinem Land. Ich wünsche mir, dass deine Herrschaft die Herrschaft der Sünde ablöst.
Unser nötiges Brot gib uns täglich
Es gibt Christen, die ein Wohlstandsevangelium predigen und solche, die von Armut als Normalzustand ausgehen, und es gibt diejenigen, die weder das eine noch das andere Extrem für richtig halten. Jeder findet Argumente, um seine Sicht zu untermauern. Es geht in diesem Artikel nicht um diese Frage (mit deren Behandlung schon zahlreiche Bücher gefüllt wurden), sondern darum, wie wir beten können, und daher sollten wir uns auf die Bitte um das nötige Brot beschränken. Unser nötiges Brot ist das, was wir zum Leben brauchen. Nicht mehr und nicht weniger. Das nötige Brot verhindert, dass wir verhungern; es ist aber kein Synonym für ein Luxusleben.
Wenn wir Gott um unser nötiges Brot bitten, tun wir etwas, was wir vielleicht gar nicht bewusst begreifen: Wir machen uns abhängig von seiner Versorgung. Wir müssen ja niemanden um etwas bitten, was wir schon in der Hand halten. Wenn dein Kühlschrank gut gefüllt ist, brauchst du ihn nur öffnen und dir nehmen, was du willst - du brauchst um nichts bitten. Wenn du jedoch buchstäblich nichts Essbares mehr hast, dann wird die Bitte um Nahrung unumgänglich, wenn du nicht verhungern willst.
Wir sind in der westlichen Welt an Not nicht gewöhnt. Wir finden es schon unzumutbar, wenn wir uns eine Urlaubsreise weniger leisten können als der Nachbar. Wir fühlen uns schon benachteiligt, wenn wir mit dem Fahrrad oder Bus fahren müssen, weil wir kein Auto besitzen. Wir blicken schon neidisch auf die Markenkleidung des Mitschülers, wenn wir uns nur Schuhe ohne das gewisse Logo kaufen können. Wir wissen gar nicht, was Not ist - höchstens aus Fernsehberichten über verhungernde Kinder weit weg.
Wenn wir beten, dass der Herr uns mit dem täglichen Brot versorgen möge, machen wir uns abhängig von ihm - und das beraubt uns jeden Anspruches auf unseren gewohnten Lebensstandard. Wir geben unseren Anspruch freiwillig auf. Wir sagen: Du bestimmst, wie viel oder wie wenig ich habe.
Dem einen wird viel anvertraut, dem andere wenig. Es kann sein, dass du heute arm und morgen reich bist - oder umgekehrt. Paulus sagte von sich: Sowohl erniedrigt zu sein, weiß ich, als auch Überfluss zu haben, weiß ich; in jedes und in alles bin ich eingeweiht, sowohl satt zu sein als auch zu hungern, sowohl Überfluss zu haben als auch Mangel zu leiden. (Philipper 4, 12)
Jesus warnte seine Jünger vor der falschen Einstellung zu irdischen Gütern, ohne den Besitz an und für sich für falsch zu halten: Seht zu und hütet euch vor aller Habsucht! Denn auch wenn jemand Überfluss hat, besteht sein Leben nicht aus seiner Habe. (Lukas 12, 15)
Es ist nichts Verwerfliches am Überfluss an und für sich. Wenn Gott jemanden mit irdischen Gütern überschüttet, dann ist das keine Schande - genauso wie es keine Schande ist, Mangel zu leiden. Was unsere Gesellschaft an Normen für Erfolg oder Misserfolg im Leben aufstellt hat im Reich Gottes keine Bedeutung. Du darfst niemals deinen Wert daran messen, wie viel oder wenig materielle Güter dir zur Verfügung stehen.
Daher tun wir gut daran, wenn wir um unser nötiges Brot täglich bitten, ob wir nun viel davon haben oder wenig. Wir machen uns abhängig von Gott, anstatt unser Leben "aus unserer Habe bestehen" zu lassen - und diese Haltung gehört zu unserer vorherigen Bitte, dass das Reich Gottes kommen soll.
Vergib uns unsere Sünden, denn auch wir selbst vergeben jedem, der uns schuldig ist
Als wir Christen wurden, hat Gott uns unsere Sünden vergeben. Wir sind aus dem Reich der Finsternis in das Reich Gottes hinein gekommen. Gott ist unser Vater.
Wir bedürfen aber vermutlich alle (ich kennen niemanden, der von sich behauptet, darüber hinaus gewachsen zu sein) der Vergebung, weil wir nach wie vor der Versuchung unterliegen können. Das Wachstum im Glauben schließt auch ein, dass wir weniger empfänglich für die Sünde werden, dass es uns immer besser gelingt, als Nachfolger des Einen, der nie gesündigt hat, zu leben. Aber wer von uns ist bereits am Ziel? Ich nicht.
Vergebung, die wir empfangen, ist in der Bibel an Vergebung, die wir gewähren, gekoppelt. Wenn wir also um Vergebung unserer Sünden bitten, wie Jesus es hier seinen Jüngern vorschlägt, dann ist unsere Begründung: Denn auch wir selbst vergeben jedem, der uns schuldig ist. Können wir das mit reinem Gewissen behaupten? Wollen wir das überhaupt wirklich?
Die Bitte um Vergebung unserer eigenen Schuld macht es uns unmöglich, anderen ihre Schuld an uns zuzurechnen. Ich kann nicht mehr über denjenigen schimpfen und herziehen, der mich beleidigt hat. Ich kann demjenigen nicht grollen (und anderen davon erzählen), der etwas bei mir geliehen und nicht zurückgegeben hat. Selbst wenn mir jemand vorenthält, was mir zusteht, kann ich nicht beleidigt reagieren, schmollen, ihm die kalte Schulter zeigen oder ihn irgendwie spüren lassen, dass ich (mit gutem Recht) etwas anderes erwartet hätte.
Das heißt nicht, dass du nicht mehr traurig sein kannst oder darfst, dass dir nichts mehr wehtun wird, dass nichts dich mehr berühren würde. Es geht vielmehr darum, ob du wirklich vergeben willst, ob du tatsächlich bereit bist, freiwillig auf dein Recht zu verzichten und deinen Mitmenschen so zu behandeln, als wäre er nie schuldig an dir geworden: Kein Grollen, kein Schmollen, kein Zorn, keine gezeigte Verletzlichkeit, keine schnippischen, einsilbigen oder ausbleibenden Antworten, kein schlechtes Reden über den, der an dir schuldig wurde.
Du meinst, das kannst du nicht? Doch, du kannst diese Entscheidung treffen - und du musst sie sogar treffen, wenn du selbst Vergebung für deine Sünde erbitten möchtest. Die Praxis wird dir zeigen, dass es immer umfassender und schneller gelingt, je öfter du dich ernsthaft gegen den Zorn, die Verletzung, die Verbitterung und das Nachtragen entscheidest. Diese Entscheidung ist Teil deines Gebetes, wenn du um Vergebung deiner Sünde bittest.
Und führe uns nicht in Versuchung
Jesus nannte seinen Jüngern im Garten Gethsemane das einzige Mittel gegen die Versuchung: Betet, dass ihr nicht in Versuchung kommt! (Lukas 22, 39) Er wusste, dass sein bevorstehendes Leiden und sein Tod am Kreuz die Jünger in Versuchung führen würde, ihren Glauben an den Messias, ihre Nachfolge aufzugeben.
Er war selbst nicht gelassen und zuversichtlich, sondern sein innerer Kampf mit dem Bevorstehenden war so gewaltig, dass sein Schweiß wie Blutstropfen zur Erde fiel. Die Versuchung war auch für Jesus da, den eigenen Willen statt den Willen des Vaters zu tun. Nur im Gebet konnte Jesus diesen Sieg erringen - in einem Gebet, das wir uns kaum in seiner Intensität vorstellen können. Wer von uns hat schon so gebetet, dass sein Schweiß wie Blut zu Boden tropfte?
Die Jünger waren vielleicht guten Willens, aber sie beteten nicht: Und er stand auf vom Gebet, kam zu den Jüngern und fand sie eingeschlafen vor Traurigkeit. Und er sprach zu ihnen: Was schlaft ihr? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt! (Lukas 22, 45-46)
Vielleicht war den Jüngern die tatsächliche Situation nicht bewusst, aber Jesus sah, was vor ihnen lag. Sie verließen ihn dann auch tatsächlich alle, samt Petrus, der noch kurz zuvor so sicher gewesen war, dass er bei seinem Meister bleiben würde, komme, was da wolle.
In seinem Gleichnis von der Saat, die auf verschiedenen Boden fällt, hat Jesus erklärt, was das Ziel der Versuchung ist: Die aber auf dem Felsen sind die, welche, wenn sie hören, das Wort mit Freuden aufnehmen; und diese haben keine Wurzel; für eine Zeit glauben sie, und in der Zeit der Versuchung fallen sie ab. (Lukas 8, 13) Die Versuchung will uns den Glauben zerstören und wegnehmen.
Das Gegenmittel war damals das gleiche wie heute: Keine Versuchung hat euch ergriffen als nur eine menschliche; Gott aber ist treu, der nicht zulassen wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, so dass ihr sie ertragen könnt. (1. Korinther 10, 13) Wenn wir uns an Gott halten, im Gebet nicht ermüden, dann werden wir den Ausgang aus der Versuchung sehen können, den Gott selbst zur Verfügung stellt.
Diese Bitte und führe uns nicht in Versuchung wird in der Offenbarung mit einer Verheißung verknüpft: Weil du das Wort vom Harren auf mich bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, um die zu versuchen, die auf der Erde wohnen. (Offenbarung 3, 10)
Das Wort vom Harren auf Gott - was wäre es anderes als das Wort vom Gebet und vertrauensvollen Erwarten der Antworten Gottes?
Harren - ein altes Wort für geduldig an einer Sache dran bleiben, nicht auf eigene oder fremde Ressourcen zurückgreifen, sondern ausschließlich von Gott abhängig bleiben zu wollen. Wer auf Gott harrt, wird keine Lösungsversuche für seine Probleme unternehmen. Wer auf Gott harrt, macht sich willentlich abhängig von Gott allein.
Jesus erklärte dies im Rahmen seiner Gebetsschule mit einem Beispiel aus dem Alltag:
Und er sprach zu ihnen: Wer von euch wird einen Freund haben und wird um Mitternacht zu ihm gehen und zu ihm sagen: Freund, leihe mir drei Brote, da mein Freund von der Reise bei mir angekommen ist und ich nichts habe, was ich ihm vorsetzen soll! Und jener würde von innen antworten und sagen: Mach mir keine Mühe! Die Tür ist schon geschlossen, und meine Kinder sind bei mir im Bett; ich kann nicht aufstehen und dir geben?
Ich sage euch, wenn er auch nicht aufstehen und ihm geben wird, weil er sein Freund ist, so wird er wenigstens um seiner Unverschämtheit willen aufstehen und ihm geben, so viel er braucht. Und ich sage euch: Bittet, und es wird euch gegeben werden; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch geöffnet werden! Denn jeder Bittende empfängt, und der Suchende findet, und dem Anklopfenden wird geöffnet werden. (Lukas 11, 5-9)
Gott ist ein liebender Vater - er ist nicht der menschliche Freund, der schon im Bett liegt und keine Lust hat, unsertwillen aufzustehen. Er hat versprochen, unsere Bitte zu erhören, und er wird es tun, wenn wir durch unser Harren deutlich machen, dass wir von ihm die Erhörung erwarten, anstatt auf menschliche Lösungen auszuweichen. Das ist es, was wir beten, wenn wir an dem Punkt und führe uns nicht in Versuchung sind.
Mehr als fünf Minuten
"Also wenn ich bete, dann bin ich nach fünf Minuten fertig" - die Gebetsschule Jesu weist den Weg, wie wir anders beten können: Wenn wir das "Vater Unser" nicht als auswendig gelernte Formel (dann brauchen wir weniger als 20 Sekunden), sondern als Leitfaden betrachten, wie und worüber wir mit unserem Vater im Himmel reden dürfen.
Die Gedanken, die ich hier ausgeführt habe, sind nur ein Bruchteil dessen, was wir im Gebet allein anhand der wenigen Verse aus Lukas 11, 1-13 mit Gott bereden können. Und diese Verse sind nur ein kleiner Teil dessen, was die Bibel uns zum Thema Gebet sagt.
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Autor: Günter J. Matthia, Berlin, guenter@glaube.de
Die Bibelzitate entstammen der revidierten Elberfelder Bibelübersetzung.
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