Günter J. Matthia: Das kann mir nie passieren!

Elf Jahre später, 1997, war ich geschieden und lebte in "wilder Ehe". Alles, was ich an Diensten im Reich Gottes gehabt hatte, war zusammengebrochen. Ebenso alles, was ich an Stabilität im Leben besessen hatte: Arbeit, Wohnung, der übliche Lebensstandard. Ich stand fassungslos vor dem Scherbenhaufen meines Lebens und Glaubens. Nichts war mehr übrig von dem, worauf ich mich so fest verlassen hatte. Der Tod stand vor meiner Tür, buchstäblich. Ich ging von Arzt zu Arzt, von Untersuchung zu Untersuchung, aber keiner hatte ein Rezept für mich parat. Ich verlor Gewicht, verlor immer häufiger die Orientierung, hatte mich schließlich aufgegeben und trieb dahin.
Allein die Gnade und Barmherzigkeit Gottes ist die Ursache dafür, dass ich heute gesund bin, eine glückliche Ehe führe, wieder im Reich Gottes mitarbeiten darf.
Viele Verletzungen, die ich anderen zugefügt, viele Schäden im Reich Gottes, die ich angerichtet habe, sind vergeben von Gott und den Menschen - aber die Folgen können nicht ausgelöscht werden. Hätte ich doch damals anders entschieden!
Die Ursache meines Absturzes ins Bodenlose war, so sehe ich das heute in der Rückschau, ein Mangel an Weisheit im Umgang mit Versuchungen.
Jakobus war einer der Jünger, die Jesus mitnahm, wenn er die große Menge der Begleiter aus verschiedenen Gründen nicht bei sich haben konnte, zum Beispiel bei der Auferweckung des Mädchens in Lukas 8 oder bei seiner Verklärung auf dem Berg in Markus 9. Wenn dieser Jakobus, der auch in solchen Ausnahmesituationen bei Jesus bleiben durfte, in seinem Brief etwas über das Ausharren im Glauben - gerade in Versuchungen - sagt, weiß er, wovon er redet, denn er hatte mit Jesus erlebt, was das in der Realität bedeutet. Am Anfang seines Briefes, in den Versen 2 bis 18, beschäftigt er sich ausführlich mit diesem Thema.
Wie kann Versuchung Grund zur Freude sein?
Er schreibt: Haltet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet, indem ihr erkennt, daß die Bewährung eures Glaubens Ausharren bewirkt.
Auf den ersten Blick schlägt der Apostel hier etwas vor, was uns wie ein Widerspruch vorkommt. Wie kann man sich darüber freuen, in Versuchungen zu geraten! Versuchungen sind doch etwas, wovor man sich zurückziehen und was man ablehnen sollte?
Der genaue Blick auf den Text zeigt, dass Jakobus etwas anderes meint: Freude über die Bewährung des Glaubens und über die Ausdauer in und trotz der Versuchung.
Es ist keine Sünde, in Versuchung zu geraten. Jesus war ohne Sünde - Jesus wurde versucht. Die Versuchung, so erklärt Jakobus in seinem Brief, ist sogar notwendig, um Ausdauer und Bewährung des Glaubens zu erreichen. Wenn nichts da ist, was uns dazu bringen möchte, zu sündigen, dann ist eine Bewährung weder notwendig noch möglich. Das Ziel, das uns Jakobus vor Augen malt, ist dieses: Die Ausdauer aber soll zu einem vollendeten Werk führen; denn so werdet ihr vollendet und untadelig sein, es wird euch nichts mehr fehlen. Der Idealzustand ist die Vollendung. Kein Mangel mehr, kein Tadel.
Weisheit von Gott
Wie gehen wir aber erfolgreich durch die Versuchung hindurch auf dieses Ziel zu? Wenn aber jemand von euch Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der allen willig gibt und keine Vorwürfe macht, und sie wird ihm gegeben werden. Weisheit von Gott ist wirklich notwendig, um mit Versuchungen richtig umzugehen. Warum? Weil die Versuchung für jeden von uns anders aussehen kann als für die Mitchristen.
Der eine wird versucht in seiner Sexualität. Für jemand anderen ist Besitz eine Versuchung. Schlechtes Reden über Mitmenschen kann Versuchung sein. Die Liste kann jeder für sich selbst fortsetzen.
Oft zeigt sich in der Praxis, dass jemand einer Versuchung erliegt, die er für sich nie und nimmer für möglich gehalten hätte. Gerade in dem Bereich, in dem wir uns völlig sicher fühlen, ist die Falle aufgestellt, in die wir hinein laufen, ohne es auch nur zu merken. Ich bin nicht der einzige Christ, dem das passiert ist. Daher ist diese Weisheit, von der Jakobus spricht, auch für den langjährigen Christen so dringend notwendig.
Jakobus fährt fort: Er bitte aber im Glauben, ohne irgend zu zweifeln; denn der Zweifler gleicht einer Meereswoge, die vom Wind bewegt und hin und her getrieben wird. Denn jener Mensch denke nicht, daß er etwas von dem Herrn empfangen werde, ist er doch ein wankelmütiger Mann, unbeständig in allen seinen Wegen.
Im Glauben um Weisheit bitten ohne zu zweifeln - was mag damit gemeint sein? Jakobus wußte um diesen Glauben aus eigener Anschauung. Jesus hatte so oft gesagt, dass der Glaube jemandem geholfen hatte, dass jemand glauben und nicht zweifeln sollte, dass die Menschen bei ihren Bitten glauben sollten, das Erbetene schon empfangen zu haben...
Wenn wir Gott um Weisheit bezüglich der Versuchungen bitten, hat das ja eine Voraussetzung: Wir erkennen an, dass unsere menschliche Klugheit nicht ausreicht, dass wir etwas von ihm brauchen, was uns fehlt. Wir erkennen an, dass die Dinge und Errungenschaften, die wir für so felsenfest halten, nicht der notwendige Halt sein können. Der niedrige Bruder aber rühme sich seiner Hoheit, der reiche aber seiner Niedrigkeit; denn wie des Grases Blume wird er vergehen. Denn die Sonne ist aufgegangen mit ihrer Glut und hat das Gras verdorren lassen, und seine Blume ist abgefallen, und die Zierde seines Ansehens ist verdorben; so wird auch der Reiche in seinen Wegen dahinschwinden.
Niemand soll sich auf das verlassen, meint Jakobus, was er so offensichtlich besitzt. Weder auf Armut, noch auf Reichtum. Selbst die Armut kann zur Versuchung werden. Sie kann jemanden dazu verleiten, selbstgerecht auf die Reichen herabzublicken...
Sogar Erkenntnis von Gott kann zur Sünde führen
Weder Sexualität ist eine Sünde noch Armut noch Reichtum noch Bildung noch soziale Stellung. Aber alles kann zur Sünde führen, sogar geistliche Erkenntnisse. Das wird deutlich, als Jesus den Petrus anfährt: "Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen!" Petrus hatte unmittelbar davor Lob geerntet, weil ihm der Vater im Himmel offenbart hatte, dass Jesus der Sohn des lebendigen Gottes war. Dieses Lob, diese richtige Erkenntnis brachte Petrus dazu, nun Jesus vorschreiben zu wollen, wie sein weiterer Weg aussehen sollte. Etwas geistlich sehr Wertvolles und Erstrebenswertes, nämlich eine Offenbarung des Vaters im Himmel, führte zu einem Fehlverhalten des Apostels. (Matthäus 16 und Markus 8)
Mit diesem Verständnis von Versuchung und der Notwendigkeit göttlicher Weisheit begreift man, wie Jakobus weiter schreiben kann: Glückselig der Mann, der die Versuchung erduldet! Denn nachdem er bewährt ist, wird er den Siegeskranz des Lebens empfangen, den der Herr denen verheißen hat, die ihn lieben.
Wer versucht uns?
Wer ist es denn, der uns versucht? Ist das Gott, um unseren Glauben zu prüfen, zur Bewährung und Reife zu bringen? Oder versucht uns der Teufel, der Widersacher Gottes, damit er uns in Sünde hinein führen kann? Niemand sage, wenn er versucht wird: Ich werde von Gott versucht. Denn Gott kann nicht versucht werden vom Bösen, er selbst aber versucht niemand. Deutlicher als Jakobus hier kann man es nicht sagen. Gott versucht niemanden.
Auch bei der eben erwähnten Episode mit Petrus wird das deutlich. Jesus sagt zu ihm: "Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen." (Matthäus 16, 23)
Aus den Worten wird deutlich, dass Satan den Petrus dazu benutzt, Jesus zu Fall zu bringen. Jesus auf dem Weg nach Jerusalem, auf dem Weg in das unsägliche Leiden hinein, auf dem Weg in eine Situation, in der selbst seine engsten Freunde und schließlich, am Kreuz hängend, selbst Gott ihn verlassen würden - diesen Jesus will Satan davon abbringen, den Willen Gottes zu erfüllen.
Versuchung kommt niemals von Gott. Sie stammt, sagt Jakobus, aus uns selbst, also aus unserer "alten Natur", die ein Teil der gefallenen Schöpfung unter der Herrschaft Satans ist: Ein jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird.
Schwanger mit Sünde
Wie bereits gesagt: In diesem Stadium ist noch keine Sünde geschehen. Das Locken und Fortziehen, die Versuchung, ist keine Sünde. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, bringt sie Sünde hervor; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod. Jakobus gebraucht hier ein Bild, das recht einleuchtend ist. Die Begierde wird schwanger mit Sünde - dazu ist eine Vereinigung mit ihr notwendig. Die Empfängnis geschieht beim Geschlechtsverkehr, die Schwangerschaft ist das Resultat der Empfängnis und das geborene Kind, wenn es "vollendet", also reif zur Geburt ist, ist der Tod.
Die Sünde geschieht, um bei dem Vergleich zu bleiben, also durch das Einswerden mit der Versuchung. Das setzt in der Regel eine bewußte Entscheidung voraus, selbst der verliebteste Mensch sollte seine Sexualität beherrschen und nicht von ihr beherrscht werden. Wir können und müssen uns von Gott die notwendige Weisheit erbitten, solche bewußten Vereinigungen mit der Versuchung rechtzeitig zu erkennen. Die Entscheidung treffen wir dann selbst - und bei einer falschen Entscheidung sind die Folgen, wie Jakobus eindringlich schreibt, sehr ernst: ...die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.
Gott will unseren Sieg!
Tod und Niederlage ist eindeutig nicht das, was Gott für uns möchte. Im Gegenteil: Irret euch nicht, meine geliebten Brüder! Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter, bei dem keine Veränderung ist noch eines Wechsels Schatten. Nach seinem Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit geboren, damit wir gewissermaßen eine Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe seien.
Gott möchte uns vollkommene Geschenke machen. Er will uns gute Gaben geben. Bei ihm ist keine Veränderung, kein "Wechsels Schatten", das heißt, dass er nicht plötzlich seine Meinung ändert und uns den Weg mit Versuchungen schwer macht.
Was wir aber unbedingt brauchen, ist diese Weisheit, um die wir bitten sollen und dürfen. Die Entscheidungen in jeder Versuchung treffen wir selbst. Das wird uns Gott nicht abnehmen, da er unseren freien Willen immer respektiert. Um richtig zu entscheiden, ist aber mehr notwendig als unsere menschliche Klugheit, unsere gesammelte Erfahrung und unser angehäuftes Wissen. Das Ziel ist Bewährung des Glaubens, und dieses Ziel erreichen wir mit der von Gott erbetenen Weisheit.
Sünde geboren - alles zu spät?
Und wenn es doch passiert ist? Wenn wir das Ziel verfehlt haben und die Sünde geboren wurde? Dann gibt es eine wunderbare Zusage: Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht. Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn zum Lügner und sein Wort ist nicht in uns. (1. Johannes 1, 9-10)
Das habe ich erlebt und das spricht Gott jedem zu, so tief er auch in den Folgen der Sünde verstrickt sein mag. Er ist treu und gerecht, vergibt uns, reinigt uns. Wir dürfen neu anfangen, wieder aufstehen.
Die Auswirkungen unserer Sünde auf andere Menschen werden nicht ausradiert. Manches, was wir aufgrund der Sünde tun, hat bleibende Folgen. Daran, dass ich damals vielen Menschen Schmerz zugefügt habe, kann ich nichts ändern. Ich habe diese Menschen persönlich um Vergebung gebeten, sie haben wir diese auch gewährt. Die Wunden heilt der Herr unser Arzt, auch das ist ein Beweis seiner Liebe.
Ich wünsche Dir, liebe Leseren und lieber Leser, dass Du die Weisheit, von der Jakobus redet, vom Herrn erbittest, bevor die Versuchung in deinem Leben und im Leben anderer Schaden anrichten kann. Aber selbst wenn - es ist nicht zu spät, denn Gott ist und bleibt treu und gerecht und vergibt und reinigt.
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Ein Artikel von </FONT><FONT size=2>Glaube.de</FONT><FONT size=2>
Autor: Günter J. Matthia, Redaktionsmitarbeiter Glaube.de
Günter J. Matthia ist Autor des Buches Es gibt kein Unmöglich"
Bild: Pray.de - Galerie
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