Günter J. Matthia: Der Richter

Liegt es an der Anonymität und der Möglichkeit im Internet, unter einem Alias zu schreiben? Vielleicht trägt das dazu bei, aber ich glaube, dass das Übel viel tiefer sitzt: Im Herzen. Das Herz ist voller Stolz und Eigennutz. Und das geht über den Bereich Internet hinaus. Wir gefährden unser Zeugnis und unser Leben - denn Jesus wird eine reine und makellose Braut zu sich nehmen. Wir tun gut daran, unsere Flecken und Runzeln selbst festzustellen, bevor sie uns von Christus trennen. Ein solcher Bereich ist unser Reden - sei es nun durch den Mund oder die Tastatur.
Ein schweres Gericht
Mancher spielt den Lehrer - und gräbt sich selbst die Grube, in die er oder sie fallen wird. Denn: Werdet nicht viele Lehrer, meine Brüder, da ihr wisst, dass wir ein schwereres Urteil empfangen werden! (Jakobus 3, 1)
Statt "schwereres Urteil" kann man hier auch "größeres Gericht" übersetzen. Jakobus will darauf aufmerksam machen, dass wir mit unseren Diensten auch Verantwortung dafür übernehmen, wie wir mit dem Anvertrauten umgehen. Manch einer ergreift gern das Wort, um andere zu belehren - und damit sein Ansehen zu steigern. "Der hat aber gute Bibelkenntnisse..." - "Die weiß aber gut Bescheid im Evangelium..." - So viele gute Erfahrungen möchte ich auch mal haben..." sagen dann die Zuhörer. Aber Jesus sagt über die Menschen, die ihre Frömmigkeit zur Schau stellen: "Sie werden ein schwereres Gericht empfangen." (Markus 12, 40)
Bei einer anderen Gelegenheit ermahnt Jesus zur Wachsamkeit und Bereitschaft, auch wenn der Hausherr seine Ankunft zu verzögern scheint. Er bezieht dies auf seine Wiederkehr als Richter und mahnt: "Jener Knecht aber, der den Willen seines Herrn wusste und sich nicht bereitet, noch nach seinem Willen getan hat, wird mit vielen Schlägen geschlagen werden; wer ihn aber nicht wusste, aber getan hat, was der Schläge wert ist, wird mit wenigen geschlagen werden. Jedem aber, dem viel gegeben ist - viel wird von ihm verlangt werden; und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man desto mehr fordern." (Lukas 12, 47-48)
Es ist gut, wenn wir danach streben, Gott mit unserem Leben zu dienen. Das ist viel besser und viel gesünder, als Konsumenten der "Babymilch" zu bleiben, wie Paulus es den Korinthern vorwirft. Aber wir müssen uns darüber klar werden, was es eigentlich bedeutet, Gott zu dienen - sonst geraten wir in die Gefahr, uns selbst zu täuschen und wir scheitern kläglich. Es gibt schon zu viele Christen, die am "burn-out" leiden oder gar völligen Schiffsbruch erlitten haben.
Denn wir alle straucheln in vielerlei Hinsicht. Wenn jemand nicht im Wort strauchelt, der ist ein vollkommener Mann, fähig, auch den ganzen Leib zu zügeln. (Jakobus 3, 2)
Es geht Jakobus nicht um falsche Lehren oder Irrtümer, wenn er dies sagt. Das "Straucheln im Wort" bezieht sich vielmehr auf unseren Alltag und das, was Tag für Tag und Nacht für Nacht aus unserem Mund kommt. Es hat sich in den letzten 2000 Jahren nicht viel daran geändert, dass wir Menschen mit der Kontrolle über unsere Zunge große Probleme haben. Schon lange vor Jakobus beobachtete Salomo: "Wer seinen Mund behütet, bewahrt sein Leben; wer seine Lippen aufreißt, dem droht Verderben." "Tod und Leben sind in der Gewalt der Zunge, und wer sie liebt, wird ihre Frucht essen." "Wer seinen Mund und seine Zunge bewahrt, bewahrt vor Nöten seine Seele." (Sprüche 13, 3; 18, 21; 21, 23)
Es geht auch anders
Es ist möglich, anders zu sein - es geht allerdings nicht von selbst. Wir sind als vernunftbegabte Wesen in der Lage, unsere Worte zu kontrollieren. Es bedarf einer Entscheidung, die oft mehrmals täglich neu getroffen werden muss: "Ich werde so reden, wie Jesus reden würde. Ich werde nicht im Kreis der Spötter sitzen. Ich werde segnen, nicht fluchen oder schimpfen. Ich werde ermutigen, nicht kritisieren. Ich werde durch meine Worte die Liebe und Barmherzigkeit Gottes strömen lassen." Das ist so völlig dem gesellschaftlichen Normalfall entgegengesetzt, dass es auffallen wird, wenn wir uns daran halten.
Es fällt viel leichter, zu schimpfen. Ob es nun die Regierung ist, oder der Mitschüler, die Arbeitskollegin oder gar ein Bruder in unserer Gemeinde - wir finden vielerlei Anlass, in das allgemeine Abschlachten von Menschen mit Worten einzustimmen.
Aber was gewinnen wir damit? Wir gewinnen die Welt (Ansehen, Akzeptanz, Zugehörigkeit zum Kreis der Meckerer und Besserwisser) und nehmen Schaden an unserer Seele: Wer seinen Mund und seine Zunge bewahrt, bewahrt vor Nöten seine Seele. Mund und Zunge (oder die Finger auf der Tastatur) nicht zu bewahren ist kurzsichtig und gar nicht gut.
Wenn wir aber den Pferden die Zäume in die Mäuler legen, damit sie uns gehorchen, lenken wir auch ihren ganzen Leib. Siehe, auch die Schiffe, die so groß und von heftigen Winden getrieben sind, werden durch ein sehr kleines Steuerruder gelenkt, wohin das Trachten des Steuermanns will.
So ist auch die Zunge ein kleines Glied und rühmt sich großer Dinge. Siehe, welch kleines Feuer, welch einen großen Wald zündet es an! Auch die Zunge ist ein Feuer; als die Welt der Ungerechtigkeit erweist sich die Zunge unter unseren Gliedern, als diejenige, die den ganzen Leib befleckt und den Lauf des Daseins entzündet und von der Hölle entzündet wird. (Jakobus 3, 4-6)
Es mag an dieser Stelle angebracht sein, daran zu erinnern, dass Jakobus an Gläubige schreibt, an wiedergeborene Christen. Jakobus meint uns, die wir Jesus nachfolgen: Unsere Zunge kann von der Hölle entzündet sein. Dies wird auch aus den nächsten Sätzen deutlich: Denn jede Art, sowohl der wilden Tiere als auch der Vögel, sowohl der kriechenden als auch der Seetiere, wird gebändigt und ist gebändigt worden durch die menschliche Natur. Die Zunge aber kann keiner der Menschen bändigen: sie ist ein unstetes Übel, voll tödlichen Giftes. Mit ihr preisen wir den Herrn und Vater, und mit ihr fluchen wir den Menschen, die nach dem Bild Gottes geschaffen worden sind. (Jakobus 3, 7-9)
Selbsterkenntnis ist der erste Schritt
In einem Lied des australischen Musiker Nick Cave hat mich vor ein paar Jahren eine Zeile tief getroffen und einen Prozess der Selbsterkenntnis in Gang gesetzt: "Nor does He care for you to sit at your window in judgement of a world He created." (Ihm liegt nicht daran, das du an deinem Fenster sitzt und Gericht über eine Welt hältst, die Er erschaffen hat.) In diesem Lied beschreibt Cave genau das, was Jakobus hier sagt: Wir fluchen den Menschen, die nach dem Bilde Gottes geschaffen sind, als sei es unsere Aufgabe, Richter unserer Mitmenschen zu sein. Aus demselben Mund geht Segen und Fluch hervor. Dies, meine Brüder, sollte nicht so sein! Die Quelle sprudelt doch nicht aus derselben Öffnung das Süße und das Bittere hervor? (Jakobus 3, 10-11)
Wenn Jesus Herr unseres Lebens ist, sollte man das als Außenstehender nicht bemerken? Kann etwa, meine Brüder, ein Feigenbaum Oliven hervorbringen oder ein Weinstock Feigen? Auch kann Salziges nicht süßes Wasser hervorbringen. (Jakobus 3, 12)
Manche Spaltung in der Gemeinde Jesu Christi wäre nicht geschehen, wenn die Früchte am Baum gute Früchte gewesen wären. Mancher Christ könnte ein viel glaubwürdigerer Zeuge seines Erretters sein, wenn die Menschen nur etwas von seinem veränderten Zustand bemerken würden. Was sehen die Menschen an uns? Sind es Früchte, die Sanftmut und Weisheit spiegeln oder sind es Früchte des Neides und der Streitsucht?
Wer ist weise und verständig unter euch? Er zeige aus dem guten Wandel seine Werke in Sanftmut der Weisheit! Wenn ihr aber bittere Eifersucht, Neid, Eigennutz und Streitsucht in eurem Herzen habt, so rühmt euch nicht und lügt nicht gegen die Wahrheit! (Jakobus 3, 13-14) Was in unserem Herzen wohnt, das wird sich nach außen zeigen. Wir können es nicht auf Dauer verbergen. Spätestens bei der übernächsten Gelegenheit stimmen wir wieder ein in das Streiten und den Neid. "Dem Kerl sollte man mal..." - "Wenn ich Bundeskanzler wäre, dann..." - "Diese Frau ist in unserer Gemeinde eigentlich ganz fehl am Platz..." - "Wenn ich so viel Geld hätte wie er, dann würde ich..." Dies ist nicht die Weisheit, die von oben herabkommt, sondern eine irdische, sinnliche und teuflische. Denn wo Streitsucht und Neid ist, da ist Zerrüttung und jede schlechte Tat. (Jakobus 3, 15-16)
Ansteckendes Christsein
Wir brauchen andererseits überhaupt nicht viele Worte machen, wenn die Früchte unserer Lippen eine andere Sprache reden. Wir sind hervorragende Evangelisten und Evangelistinnen, wenn wir dadurch auffallen, dass wir segnen, lieben, helfen, ermutigen. Unser Mund stiftet Frieden, unsere Worte sind sauber. Die Weisheit von oben aber ist erstens rein, sodann friedvoll, milde, folgsam, voller Barmherzigkeit und guter Früchte, unparteiisch, ungeheuchelt. Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird in Frieden denen gesät, die Frieden stiften. (Jakobus 3, 17-18)
Das Geheimnis eines ansteckenden Christenlebens ist ganz einfach. Wer sich demütigt und sein Herz vom Geist Gottes reinigen und ausfüllen lässt, kann gar nicht mehr anders, als ein Licht in der Finsternis zu sein. Wer sich einmal entscheidet, dass er oder sie mit den Worten, die aus unserem Mund kommen, kein Freund der Welt mehr sein will, sondern ein Freund Gottes, der hat den entscheidenden Schritt getan. Es wird eine tägliche Entscheidung bleiben, aber je länger wir diesen Weg einschlagen, desto leichter wird es, darauf zu bleiben.
Jesus bietet uns einen Bund an, einen Ehevertrag. Wir sagen mit unserer Bekehrung Ja zu diesem Vertrag. Christus ist der Bräutigam, wir sind die Braut, deshalb ermahnt Jakobus die Christen: Ihr Ehebrecherinnen, wisst ihr nicht, dass die Freundschaft der Welt Feindschaft gegen Gott ist? Wer nun ein Freund der Welt sein will, erweist sich als Feind Gottes. Oder meint ihr, dass die Schrift umsonst rede: Eifersüchtig sehnt er sich nach dem Geist, den er in uns wohnen ließ? (Jakobus 4, 3-5)
Wir sind Ehebrecher und Ehebrecherinnen, wenn wir die Freundschaft der Welt suchen. Gott lässt seinen Geist in uns wohnen und er sehnt sich danach, dass wir unseren Bund ernst nehmen. Man könnte das Zitat, das Jakobus hier anführt, auch so übersetzen: "Ein eifersüchtiges Verlangen hat der Geist, der in uns Wohnung gemacht hat"; oder "Gegen den Neid begehrt der Geist, der in uns Wohnung gemacht hat."
Wir haben doch selbst den größten Gewinn davon, wenn wir den Geist Gottes unser Herz ausfüllen und verwandeln lassen. Wir brauchen uns noch nicht einmal anstrengen. Wir müssen nur unsere Sünde erkennen, unseren Mangel zugeben. Das ist Demut, wenn wir zugeben: "Ich schaffe es nicht, Jesus. Schaffe in mir ein reines Herz und gib mir einen erneuerten und festen Geist." Die Verwandlung geschieht dann ohne unser Zutun, denn dafür ist der Heilige Geist zuständig. Einladen und unseren Mangel zugeben müssen wir. Und dann tut Gott etwas: Er gibt aber desto größere Gnade. Deshalb spricht er: Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade. (Jakobus 4, 6)
Es wäre so einfach, wenn wir diesen simplen Schritt verstehen und gehen würden. Jede Versuchung würde an uns scheitern. Unterwerft euch nun Gott! Widersteht aber dem Teufel! Und er wird von euch fliehen. (Jakobus 4, 7) Wenn wir nur unseren Zustand erkennen und zugeben würden, könnte Gott alles, buchstäblich alles in und an unserem Leben verwandeln. Naht euch Gott! Und er wird sich euch nahen. Säubert die Hände, ihr Sünder, und reinigt die Herzen, ihr Wankelmütigen! Fühlt euer Elend und trauert und weint; euer Lachen verwandle sich in Traurigkeit und eure Freude in Niedergeschlagenheit! Demütigt euch vor dem Herrn! Und er wird euch erhöhen. (Jakobus 4, 8-10) Noch einmal zur Erinnerung: Jakobus schreibt an Gläubige.
Von Gott erhöht - statt Selbsterhöhung
Dieser Zustand, in dem wir trauern und weinen, in dem sich unser Lachen in Traurigkeit verwandelt und unsere Freude in Niedergeschlagenheit - das ist Buße. Das ist Demut, wenn wir anerkennen, dass wir es nicht schaffen, unsere Zunge im Zaum zu halten. Und dann - das ist die Verheißung Gottes, wird er uns erhöhen. Wenn wir so erhöht werden, verwandelt sich die Niedergeschlagenheit in Freude, das Weinen in Lachen - denn das ist eine ganz andere Erhöhung als die selbstgemachte. Sie hat zur Folge, dass wir zu Heiligen werden. Nicht zu "komischen Heiligen" oder "verschrobenen Sektierern", sondern zu ganz natürlichen, frohen und ansteckenden Christen. Und dann - aber auch nur dann, fällt es uns ganz leicht, unser Reden zu verändern. Redet nicht schlecht übereinander, Brüder! Wer über einen Bruder schlecht redet oder seinen Bruder richtet, redet schlecht über das Gesetz und richtet das Gesetz. Wenn du aber das Gesetz richtest, so bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter. Einer ist Gesetzgeber und Richter, der zu erretten und zu verderben vermag. Du aber, wer bist du, der du den Nächsten richtest? (Jakobus 4, 11-12)
Einer ist Richter - Jesus Christus. Er wird gerecht richten. "Jener Knecht aber, der den Willen seines Herrn wusste und sich nicht bereitet, noch nach seinem Willen getan hat, wird mit vielen Schlägen geschlagen werden; wer ihn aber nicht wusste, aber getan hat, was der Schläge wert ist, wird mit wenigen geschlagen werden. Jedem aber, dem viel gegeben ist - viel wird von ihm verlangt werden; und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man desto mehr fordern." (Lukas 12, 47-48)
Ich lade herzlich dazu ein, dass wir uns zu Heiligen machen lassen, was unser Reden und unser Schreiben im Internet betrifft.
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Ein Artikel von Glaube.de
Autor: Günter J. Matthia, Redaktionsmitarbeiter Glaube.de
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