Günter J. Matthia: Die Feinde lieben...

Es ging an dieser Stelle des Alten Testamentes um die Nachkommen von Menschen, die Israel beim Auszug aus Ägypten behindert und verfolgt hatten.Diese sollten ausdrücklich aus der Fürbitte ausgeschlossen werden.
Jesus macht hier deutlich, dass diese Regel des Alten Bundes mit seinem Kommen außer Kraft gesetzt wurde. Fürbitte für die Feinde bezeichnet er in diesen Sätzen sogar als Ursache für die Kindschaft Gottes: Wir sollen unsere Feinde lieben und für sie beten, damit wir Kinder unseres himmlischen Vaters sind. Im Umkehrschluss heißt das, dass wir keine Kinder Gottes sein können, wenn wir -gemäß dem Alten Testament - unsere Feinde hassen.
Wenn wir einen Feind nicht hassen, dann schließt das ein, dass wir ihm seine Feindschaft nicht nachtragen. Das Thema Vergebung zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibelstellen, die mit dem Gebet zu tun haben.
Ich musste die Fürbitte für "Feinde" mühsam lernen. Es gelang mir nicht auf Anhieb, als ich Christ wurde. Es gab Menschen, die mir absichtlich und bewusst wehtaten, mit Spott und kleinen Gemeinheiten. Meine natürliche Reaktion war: "Denen zahle ich das heim. Ich kann ebenfalls gemein sein, wartet nur ab!" Das tat ich dann anfangs noch oft und wurde dabei nicht selten bösartiger als mein Widersacher es gewesen war.
Immer wieder erinnerte mich Gott daran, dass sein Wort eine andere Richtlinie enthält, immer wieder bat ich um Vergebung für meine menschliche Reaktion und entschloss mich bewusst, gegen meinen Rachedurst zu handeln. Ich wollte das tun, was Gott gefällt: Solchen Menschen vergeben, ihnen Gutes tun, für sie beten, sie womöglich sogar mit kleinen Geschenken der Liebe versorgen.
Je länger ich das praktizierte, desto erstaunter war ich: Je mehr ich für Menschen betete, die mir übel gesonnen waren, desto schwerer wurde es mir, zu hassen oder zu vergelten, was mir jemand antat. Es ging nicht von heute auf morgen, aber mein Charakter änderte sich.
Die Umstände änderten sich übrigens ebenfalls - manch einer von den Quälgeistern wurde Christ. Fast immer erlebte ich aber, dass solche Menschen ihr Verhalten änderten, selbst wenn sie nicht gläubig wurden. Wenn ich nicht zurückgiftete, zurückschlug, Böses mit Bösem vergalt, wirkte sich das ganz offensichtlich auf das Verhalten der "Feinde" aus.
Ich empfehle dies unbedingt zur Nachahmung, denn es macht auch das eigene Dasein um vieles angenehmer. Kaum jemand von uns hat Feinde, die ihm nach dem Leben trachten würden. Daher habe ich das Wort oben auch in Anführungszeichen gesetzt. Um so leichter wird es uns fallen, uns das Verhalten anzueignen, das Jesus hier lehrt. Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen.
Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun. (Lukas 23, 34)
Jesus betet mitten in seinem Leiden für die Menschen, die ihn quälen. Er setzt das in die Praxis um, was er gelehrt hatte: Die Feinde lieben, denen Gutes tun, die uns Hass entgegenbringen, für die Menschen beten, die uns verfolgen.
Tun wir das? Verfolgung ist in unserer Gesellschaft unbekannt, wenn wir unsere Lage mit der Situation des Neuen Testamentes oder in manchen Ländern heute vergleichen. Niemand in Europa muss zur Zeit Gefängnis, Prügelstrafe, Verbannung oder Tod befürchten, weil er an Christus glaubt. Wir sprechen gelegentlich schon von "Verfolgung", weil wir ausgelacht oder angepöbelt werden.
Kann ich mir vorstellen, dass ich jemandem vergebe und den Vater im Himmel um Vergebung für ihn bitte, der mich tötet, weil ich Christ bin? Wenn ich ehrlich bin, kann ich das nicht. Die Situation an und für sich ist mir unvorstellbar. Ich weiß ganz einfach nicht, wie ich reagieren würde.
Aber ich kann eins tun: Denen vergeben und für die beten, die mir Unrecht tun, so gering das auch im Vergleich mit der Situation am Kreuz auf Golgatha aussehen mag. Ich kann im Kleinen das tun und einüben, wovon ich hoffe und bete, dass ich es auch im Ernstfall fertig bringen würde.
In der Praxis mag dies unscheinbar wirken: Wenn mir jemand im Straßenverkehr die Vorfahrt nimmt, mich behindert oder drängelt, dann segne ich die Person. Ich wünsche der Fahrerin oder dem Fahrer, dass der Herr ihnen Gutes tut, ihre Probleme löst und dass sie zu Kindern Gottes werden. Das ist übrigens auch für mich sehr viel angenehmer, als mich über andere Verkehrsteilnehmer aufzuregen, zu hupen und zu schimpfen.
Zugegeben - mit dem Leiden Christi am Kreuz, mit Steinigung, Gefängnis und wirklicher Verfolgung wie die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte und die Gemeinde in vielen Ländern dieser Welt sie erlebten, ist das nicht vergleichbar. Aber mir es ist eine Gewohnheit geworden, die ich nicht mehr missen möchte.
Und wer in kleinen Nebensächlichkeiten des Alltags treu ist, der hat bessere Chancen, auch im Ernstfall richtig zu reagieren.
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Ein Artikel von Glaube.de
Autor: Günter J. Matthia, Redaktionsmitarbeiter
Dies ist ein Auszug aus dem neuen Buch: Ich aber habe für dich gebetet.
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Bild: Umschlag des Buches
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