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16-09-04

Günter J. Matthia: Frucht und Gaben

Wenn dir jemand einen DVD-Player schenkt, kannst du sofort Gebrauch davon machen. Es mag sein, dass du noch lernen musst, wie man an die verschiedenen Kamerawinkel, Sprachen oder Extras kommt, aber das Gerät ist da - mit allen Funktionen und Fähigkeiten, die der Hersteller ihm mitgegeben hat. Je eifriger du die Gebrauchsanweisung studierst und das Gelesene ausprobierst, desto schneller wirst du im Umgang mit dem Gerät sicher sein.


Wenn du in deinem Garten Tomatenpflanzen in die Erde setzt, wird dir jedoch eine Gebrauchsanleitung und aller Eifer der Welt nichts nützen - du musst warten, bis die Früchte reif geworden sind. Sie reifen ohne deine Mitwirkung, wenn die äußeren Umstände stimmen: Wasser, Nährstoffe im Boden, Sonne.

Die Frucht des Heiligen Geistes ist etwas anderes als die Gaben des Heiligen Geistes. Die Frucht wächst, wenn wir die Bedingungen für ihr Reifen schaffen, die Gaben stehen sofort zur Verfügung, wenn wir sie empfangen.

Denn es gibt keinen guten Baum, der faule Frucht bringt, auch wieder keinen faulen Baum, der gute Frucht bringt. (Lukas 6, 34) Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit. (Galater 5, 22-23)
Was aber die geistlichen Gaben betrifft, Brüder, so will ich nicht, dass ihr ohne Kenntnis seid. Denn dem einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit gegeben, einem anderen aber das Wort der Erkenntnis nach demselben Geist; einem anderen aber Glauben in demselben Geist, einem anderen aber Gnadengaben der Heilungen in dem einen Geist, einem anderen aber Wunderwirkungen, einem anderen aber Weissagung, einem anderen aber Unterscheidungen der Geister; einem anderen verschiedene Arten von Sprachen, einem anderen aber Auslegung der Sprachen. (1. Korinther 12, 1; 9-12)

Durch Buße, Umkehr und den Glauben an Jesus Christus sind wir neue Menschen geworden. Dieser neue Mensch kann sofort Gaben des Heiligen Geistes empfangen, die Frucht des Heiligen Geistes dagegen reift heran.

Als ich vor nunmehr 32 Jahren Christ wurde, war von Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit nicht unbedingt sofort etwas zu sehen. Zwar änderte sich vieles in meinem Verhalten zügig, aber manches (das mit der Freundlichkeit und Sanftmut zum Beispiel) brauchte relativ lange, um zu reifen. Noch heute stelle ich fest, dass manches noch nicht so gereift ist, wie ich es mir wünschen würde...
Ich bekam aber unabhängig davon wenige Wochen nach meiner Bekehrung Gaben geschenkt, mit denen ich noch nicht so recht umzugehen wusste. So konnte ich anfangs überhaupt nicht unterscheiden, was denn nun ein prophetischer Eindruck von Gott und was meine eigenen Vorstellungen oder Phantasien waren. Manches, was ich als Prophetie aussprach, war auf meinem eigenen Mist gewachsen.
Ich hatte das große Vorrecht, die ersten Schritte in das neue Leben in einem Kreis von Gläubigen zu machen, die mit solchen Dingen umzugehen wussten. Sie korrigierten liebevoll und halfen mir, aus Fehlern klug zu werden.

Leider wird mancher junge Christ entmutigt anstatt geschult, wenn ihm Fehler unterlaufen. Es gibt auch Christen, die aufgrund der Angst vor Fehlern die Gaben des Geistes rundweg ablehnen. Sie haben vielleicht schlechte Erfahrungen mit Menschen oder Gruppen gemacht, die mit ihren Gaben nicht richtig umgegangen sind und weisen nun diese Geschenke des Heiligen Geistes von sich.

Paulus zufolge herrschte in der Gemeinde in Korinth ein ziemliches Chaos. Er verwendet weite Teile seines ersten Briefes an diese Christen für die Aufklärung und Korrektur, was die Anwendung der Gaben betrifft. Er fordert die Gläubigen auf, nach den Geistesgaben zu streben (also sich aktiv darum zu bemühen), obwohl es dort wohl recht wild zuging in den Gottesdiensten. Väterlich korrigiert er, wo nötig, ermutigt aber gleichzeitig, dran zu bleiben.

Ich weiß um die Schwierigkeiten, die wir als Christen leider immer noch mit einander haben. Obwohl die Einheit wächst, die Zusammenarbeit zunimmt und gemeinsame Aktionen möglich werden, trennen doch immer noch unterschiedliche Lehrmeinungen gerade bezüglich des Heiligen Geistes die Kirchen und Gemeinden.
Doch lernte ich in den letzten Jahren immer mehr "geistbegabte" Christen kennen, die in Kirchen und Gemeinden verwurzelt waren, die eigentlich die Praxis der Geistesgaben nicht lehrten - und Menschen ohne "offensichtliche" Gaben, die sich in diesen Dingen positiv gegenüberstehenden Kirchen und Gemeinden wohlfühlten. (Der aufmerksame Leser bemerkt, dass ich Begriffe wie "evangelikal" oder "charismatisch" zu vermeiden suche - ich bin guter Hoffnung, dass sie aus unserem Vokabular verschwinden werden und wir einander einfach als Mitchristen unterschiedlicher Frömmigkeitsstile zu begreifen lernen.)

Wenn wir die Bibel ernst und als Maßstab nehmen, dann werden wir in unserem Leben als Christen beides sehen wollen: Frucht und Gaben. Doch wie können wir dazu beitragen?

Die Frucht

Frucht braucht gewisse Bedingungen, um zu reifen. Wenn du die Tomatenpflanze in den Keller stellst oder vertrocknen lässt, wirst du vergeblich auf Früchte warten. Es gibt auch Mittel, eine gesunde Pflanze absterben zu lassen: Gieße den Gartenbereich mit Benzin statt Wasser und überzeuge dich davon, dass die schädlichen Substanzen wirken.
Unser erneuerter Geist braucht Pflege, um Frucht entwickeln zu können und er sollte von schädlichen Einflüssen verschont bleiben.

1.: Je mehr du dich dem "Wasserbad des Wortes Gottes" aussetzt, desto kräftiger und zügiger wird die Frucht reif werden. Je mehr du dich andererseits mit Dingen beschäftigst, die dem Reich Gottes entgegengesetzt sind, desto mehr werden Schadstoffe das Wachstum behindern oder ersticken.
Dies soll nun nicht als Widerrede gegen Kino, Musik, Literatur oder was auch immer verstanden werden. Wir sollten uns jedoch nicht täuschen lassen: Das, womit wir uns dauerhaft beschäftigen, wird sich auf unsere geistliche Gesundheit auswirken.

2.: Wenn du nicht erwartest, dass sich die Frucht entwickelt, kannst du nicht durch geeignete Pflegemaßnahmen mitwirken.
Ich hielt mich noch eine ganze Weile nach meiner Bekehrung für einen gewalttätigen, jähzornigen Menschen - weil ich vorher ein solcher gewesen war. Ich wollte zwar niemanden mehr zusammenschlagen, nicht mehr "aus der Haut fahren", aber es kostete mich sehr viel Anstrengung, mich ständig zusammen zu nehmen. (Und es gelang mir allzu häufig nicht.) Ein Seelsorger sagte dann einmal recht nüchtern: "Du musst ja nicht so bleiben, wie du gewesen bist. Du brauchst eigentlich nur aufhören, dich ständig mehr oder weniger vergeblich abzumühen. Lass doch den Heiligen Geist in dir das verändern, was du sowieso nicht vernünftig hinbekommst."
Als ich dann innerlich kapitulierte mit meinen Anstrengungen, ein "besserer Mensch" zu werden, aber gleichzeitig sozusagen im ständigen Flehen um die Hilfe des Geistes Gottes lebte, änderte sich mein Charakter relativ schnell und so nachhaltig, dass zahlreiche Freunde und Bekannte mich darauf ansprachen (und gelegentlich testeten).
Das Wachsen der Frucht bewirkt der Heilige Geist, wir sind dafür zuständig, die notwendigen Bedingungen zu schaffen: Entweder macht den Baum gut, dann ist seine Frucht gut, oder macht den Baum faul, dann ist seine Frucht faul; denn an der Frucht wird der Baum erkannt. (Matthäus 12,33)

3.: Geduld ist notwendig. Eine Frucht reift nicht von heute auf morgen, und genauso wirst du die Frucht des Geistes nicht sofort in voller Reife an dir sehen können. Bleibe dran, verlass dich auf den, der die Frucht in dir reifen lässt, und du wirst sehen, wie deine Geduld und dein Ausharren belohnt werden.

Die Gaben

Die Gaben sind, wie bereits gesagt, nicht mit einem Reifeprozess gekoppelt - allerdings musst du den Umgang mit ihnen erlernen - also auch hier gilt: Geduld und Ausdauer führen zum Ziel. Es gab im Alten Testament zum Beispiel Prophetenschulen, und viele Texte aus dem Neuen Testament sind nichts anderes als Gabenschulen, die uns helfen sollen, die Geschenke Gottes richtig einzusetzen.

Die Bibel nennt verschiedene Gaben, und nicht jeder bekommt unbedingt das, was der Freund neben ihm erhalten hat. Einige der Gaben des Heiligen Geistes haben offensichtliche Auswirkungen, wie das Reden in Sprachen oder die Gabe der Heilung, andere sind im Verborgenen vorhanden und wirken sich indirekt aus. Das Wort der Erkenntnis zum Beispiel versetzt dich in die Lage, in einer bestimmten Situation etwas zu erkennen, was du aus deinen natürlichen Ressourcen nicht wissen kannst. In der Seelsorge ist diese Gabe ein beinnahe unersetzliches Hilfsmittel zum Dienst, denn du kannst dem Hilfesuchenden aus dieser Erkenntnis heraus sein wahres Problem und den Weg heraus nennen.

Es gibt, so schreibt Paulus, "höhere Gaben" - aber das heißt nicht, dass der solchermaßen beschenkte Christ etwa besser wäre als der andere. Wer weissagt ist kein wertvollerer Christ als der, der im Verborgenen die vom Geist geschenkte Gabe des Glaubens anwendet. Wer laut in Zungen betet ist nicht "weiter" gekommen als der, der Barmherzigkeit übt. Paulus selbst bezeichnete sich als den "geringsten aller Brüder", daher hat wohl niemand von uns eine Berechtigung, sich für etwas Besonderes zu halten.

Du kannst dazu beitragen, dass du den Umgang mit den Gaben zügig lernst.

1.: Sei offen für das, was Gott dir anvertrauen möchte. Die Gaben des Heiligen Geistes bekommen wir in der Regel nicht unaufgefordert, sondern wir sollen, sagt die Bibel, danach streben. Wir dürfen und sollen also erwarten, beschenkt zu werden, aber wir können Gott nicht vorschreiben, womit er uns beschenken soll.
Der Heilige Geist teilt uns so zu, wie er es will. Der Wunsch nach den "höheren Gaben" ist sicher legitim, wenn die Motivation stimmt. Dazu am Schluss gleich noch ein paar Worte. Aber die Auswahl liegt nicht in unserer Hand.
Ich weiß nicht, wie vielen es schon so ging wie mir, aber einige kenne ich: Die Gabe, die uns anvertraut wird, kann sozusagen zur Last werden - gelegentlich ist viel Kraft und Entschlossenheit notwendig. Es kann sein, dass du irgendwann Gott bittest, dir diese Gabe wieder abzunehmen, weil du in einer Situation nicht weiter weißt. In diesem Fall wird der Herr dir übrigens mit Sicherheit zur Seite stehen - er weiß, was er tut, wenn er dich einsetzt. Du musst dich bewähren, aber die Kraft dazu kommt von ihm. Ein biblisches Beispiel für diese Situation ist der Prophet Jona, der überall hin wollte, nur nicht in die Stadt, in der sein nächster Auftrag wartete.

2.: Übe dich in deiner Gabe oder deinen Gaben. Dazu ist ein Umfeld natürlich sehr vorteilhaft, in dem du Fehler machen darfst, ohne entmutigt oder abgelehnt zu werden. Es ist aber genauso notwendig, dass du Korrektur und Kritik annimmst. Wenn du unbelehrbar bist, können auch die wohlmeinendsten Menschen dir nicht weiterhelfen und deine Gabe wird nicht dazu eingesetzt, wozu du sie bekommen hast.

3.: Wiederum ist Geduld notwendig. Der eine wird sofort beschenkt, der andere wartet lange. Es ist kein Zeichen von Minderwertigkeit, wenn du warten musst. Unser Schöpfer kennt uns wesentlich besser als wir selbst uns kennen, also sollten wir ihm auch die Entscheidung überlassen, was er uns wann anvertrauen möchte. Dein Wunsch nach Gaben ist die Voraussetzung, überhaupt beschenkt zu werden, aber den Zeitpunkt bestimmt der Geber der Gaben, nicht der Empfänger.

Die entscheidende Frage: Wozu eigentlich?

Sowohl die Frucht des Heiligen Geistes als auch die Gaben sind nicht Selbstzweck. Die Frucht sollen die Menschen um dich herum ernten und genießen und die Gaben sind fast ausschließlich zum Dienst an anderen da. Die eine Ausnahme ist das Gebet in Sprachen, mit dem wir unseren erneuerten Geist aufbauen und stärken, also uns selbst etwas Gutes tun, mit dem wir auch die Gebete aussprechen können, für die uns die Formulierungen fehlen würden. Das wiederum mag dann schon wieder anderen dienen, für die wir im Geist beten. Ob du nun die Gabe des Glaubens, der Weissagung, der Heilung, oder irgend eine andere bekommst: Das zeichnet dich nicht aus, sondern das macht dich zum Diener deiner Mitmenschen - in der Gemeinde Jesu Christi und unter denen, die ihn noch nicht kennen.

Hierin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet. Ihr habt nicht mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe, damit, was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, er euch gebe. (Johannes 15, 8 und 16)

Es geht bei der Frucht des Heiligen Geistes genau wie bei den Gaben des Heiligen Geistes darum, dass der Vater im Himmel verherrlicht und das Reich Gottes gebaut wird. Und die Gaben sind ohne die Frucht genauso unvollkommen wie die Frucht ohne die Gaben - beides sind erstrebenswerte Dinge für jeden von uns, der Jesus Christus nachfolgt.

Nicht, dass ich die Gabe suche, sondern ich suche die Frucht, die sich zugunsten eurer Rechnung mehrt. (Philipper 4,17)


mehr zum Thema: Heiliger Geist,
Glaubensgrundkurs

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Ein Artikel von Glaube.de
Autor: Günter J. Matthia / Redaktionsmitarbeiter Glaube.de
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