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22-11-05

Günter J. Matthia: Ich will der Größte sein!

Gelegentlich irritieren die Zwischenüberschriften, die in den meisten Bibeln zu finden sind. Zwar sind sie einerseits hilfreich, um auf einen Blick zu erfassen, worum es in den folgenden Versen geht, aber andererseits zerstückeln sie oft einen Text, so dass Zusammenhänge übersehen werden können.

Das 18. Kapitel des Matthäusevangeliums ist solch eine Passage, bei der manches erst verständlich wird, wenn man das Gesamtbild betrachtet. Ausgangspunkt ist eine Frage der Jünger:

In jener Stunde traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wer ist denn der Größte im Reich der Himmel?


Zur Orientierung: Was ist mit "jener Stunde" gemeint? Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, hat inzwischen den Jüngern sein Leiden und Sterben angekündigt. Bei einer Rast in Kapernaum wollen sie nun wissen, wer denn wohl der Größte sein wird, wenn das Reich Gottes kommt - denn dieses Kommen hat ihr Meister ihnen versprochen. Jesus erklärt seinen Jüngern die Zusammenhänge mit einem Bild:

Und als Jesus ein Kind herbeigerufen hatte, stellte er es in ihre Mitte und sprach: Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr keinesfalls in das Reich der Himmel hineinkommen.

Nun mögen sich die Jünger fragen, was denn das zu bedeuten habe. Umkehren - von welchem Weg? Werden wie die Kinder - inwiefern? Die Erklärung folgt sofort:

Darum, wenn jemand sich selbst erniedrigen wird wie dieses Kind, der ist der Größte im Reich der Himmel; und wenn jemand ein solches Kind aufnehmen wird in meinem Namen, nimmt er mich auf. Wenn aber jemand einem dieser Kleinen, die an mich glauben, Anlass zur Sünde gibt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.

Hier wird schon ein Aspekt deutlich, was es mit den Größten im Reich Gottes auf sich hat. Es sind diejenigen Menschen, die sich selbst erniedrigen. Die Menschen, die ihr Leben nicht in die eigene Hand nehmen, sondern sich wie ein Kind dem Vater anvertrauen. Vom Weg der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung ist die Umkehr notwendig, die Jesus angesprochen hat.
Ein Kind wendet sich mit seinen Wünschen und Nöten voller Vertrauen an die Eltern, es kommt überhaupt nicht auf solche Ideen: Vielleicht will der Vater, dass ich krank bin, weil ich dadurch etwas lernen soll? Vielleicht soll ich hungern, weil das der Wille meines Vaters ist? Vielleicht will mein Vater, dass ich frieren muss - darf ich ihn überhaupt um einen Pullover bitten?
Ein Kind vertraut einfach. Es hat "kindlichen Glauben", der noch nicht verbogen und verdorben ist. Wie ein solches Kind sollen wir sein, und wehe dem, der solchen Glauben in einem Menschen zerstört. Jesus weiß, dass Verführungen, anders übersetzt "Anlässe zur Sünde", nicht ausbleiben werden.

Wehe der Welt der Verführungen wegen! Denn es ist notwendig, dass Verführungen kommen. Doch wehe dem Menschen, durch den die Verführung kommt!

Das Kind, so können wir annehmen, steht noch immer im Kreis der Jünger, und Jesus macht mit drastischen Worten deutlich, wie schwerwiegend es ist, wenn jemand einem Menschen, der wie ein Kind geworden ist, Anlass zur Sünde gibt:

Wenn aber deine Hand oder dein Fuß dir Anlass zur Sünde gibt, so hau ihn ab und wirf ihn von dir! Es ist besser für dich, lahm oder als Krüppel in das Leben hineinzugehen, als mit zwei Händen oder mit zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen zu werden. Und wenn dein Auge dir Anlass zur Sünde gibt, so reiß es aus und wirf es von dir! Es ist besser für dich, einäugig in das Leben hineinzugehen, als mit zwei Augen in die Hölle des Feuers geworfen zu werden.

Das klingt für unsere Ohren anstößig. Wir wissen aus der Geschichte von Selbstkasteiungen und Verstümmelungen, und wir können uns nicht gegen ein inneres Aufbegehren wehren. Was will Jesus uns hier sagen? Dass wir uns verstümmeln sollen? Hatten die Mönche doch recht, als sie sich die Rücken blutig schlugen? Auf den ersten Blick könnte man das annehmen. Aber da steht immer noch das Kind im Kreis der Jünger, mit beiden Augen, beiden Händen, beiden Füßen. Das Kind ist unversehrt und das soll auch so bleiben. Zunächst: Was uns aus der Historie in unguter Erinnerung ist, war der Versuch der Selbsterlösung durch körperliche Schmerzen. Man ging davon aus, dass der blutig geschlagene Rücken, der kriechend zurückgelegte Kreuzgang oder sonstige selbst zugefügte Qualen eine büßende und sühnende Wirkung hätten - Sündenvergebung durch Selbstkasteiung. Jeder Gedanke an Selbsterlösung ist aber ein Widerspruch zur Erlösung durch Jesus Christus, zu seinem stellvertretenden Leiden und Sterben für unsere Sünden.
Doch wenn Jesus solch ernste Worte sagt, dann dürfen wir das auch nicht wegerklären und verharmlosen, indem wir von billiger Gnade ausgehen. Es gibt in der Tat Sünden, vor denen man sich um jeden Preis schützen muss. Auge und Hand finden wir zum Beispiel auch in Matthäus 5, 29-30 im Zusammenhang mit Ehebruch, zweifellos als Aufforderung: Tu alles, was du kannst, wie schmerzlich auch immer, um nicht in Sünde zu fallen.
Jesus redet hier in Matthäus 18 von den Menschen, die den kindlichen Glauben zerstören. Kann es sein, dass es besser für einen solchen Menschen wäre, ein Auge zu verlieren, als mit einem Stein um den Hals im Meer zu versinken?
Ein Freund berichtete mir von einem kürzlich verstorbenen Verwandten, der nicht gläubig war. Nur ein einziges Mal im Leben war er mit seiner Frau in einen Gottesdienst gegangen und wurde innerlich sehr angesprochen. Anschließend gingen die beiden mit einem Ehepaar aus der Gemeinde zum Mittagessen. Dabei zogen die Christen über andere her - und der Mann reagierte: Wenn die als Christen nach solch einem Gottesdienst so reagieren, dann will ich damit nichts mehr zu tun haben. Er ging nie wieder in einen Gottesdienst. Wäre es nicht besser gewesen, dieses Ehepaar hätte sich "die Zunge ausgerissen"?

Jesus erklärt weiter, deutet mit der Hand auf das Kind inmitten des Kreises.

Seht zu, dass ihr nicht eines dieser Kleinen verachtet! Denn ich sage euch, dass ihre Engel in den Himmeln allezeit das Angesicht meines Vaters schauen, der in den Himmeln ist. Denn der Sohn des Menschen ist gekommen, das Verlorene zu retten.

Wir müssen uns erinnern, dass es nicht in erster Linie um ein Kind als Person geht. Jesus nimmt das Kind als Beispiel dafür, wie ein erwachsener Mensch sein, beziehungsweise werden muss, um im Reich Gottes als groß zu gelten. Das Kind ist natürlich eingeschlossen, denn es hat ja das, was für uns charakteristisch sein soll: Kindliches Vertrauen, kindlichen Glauben. Diese "kindlichen" Menschen haben eine Verbindung zum Vater im Himmel, denn ihre Engel sind in Gottes Gegenwart.
Daher ist es eine gute Idee, die junge Generation nicht gering zu schätzen, sondern als von Gott geliebte und von den Engeln betreute Menschen zu begreifen. Sie sind dem Vater im Himmel so wertvoll und wichtig wie die Erwachsenen.

Ein Kind hat aber noch etwas anderes: Ein Kind ist gehorsam. Darin finden wir auch den Zugang zu unserem Problem mit der Verstümmelung des Körpers.
Jesus ist die Brücke zwischen dem Alten Bund, der für die Sünde nur Sühne durch Opfer, aber keine wirkliche Erlösung kannte, und dem Neuen Bund. Bis zu diesem Moment galt in Israel noch Auge um Auge, Zahn um Zahn. Gott war schon zuvor barmherzig und gnädig, sonst wäre zum Beispiel David nach seinem Ehebruch und Auftragsmord wohl kaum König geblieben.
Doch Jesus ist nun als das eine Opferlamm gekommen, das ein für alle Male die Sünde der Welt auf sich nehmen wird. Er wird wenige Tage später alle Krankheit auf sich nehmen, alle Schmerzen. Er wird für diejenigen sterben, die ihn in den schwersten Stunden verlassen werden, auch der tapfere Petrus wird nicht treu bleiben. Jesus geht diesen Weg, weil er nicht will, dass irgend jemand leiden muss, verloren geht. Kein Auge muss mehr ausgerissen werden, kein Fuß abgehackt, kein Mühlstein um den Hals gebunden. Statt dessen wird es einen Weg geben, die verlorenen Menschen zu finden und sie rein zu waschen von jeglicher Schuld und Sünde.
Der Herr erläutert den Grund seines Kommens in diese Welt mit einem Bild und erklärt dabei, wie wir miteinander umgehen sollen, denn ein Kind ist auch bereit, schnell und gerne zu vergeben. Wer hat noch nicht aus Kindermund gehört: "Wollen wir wieder Freunde sein?"

Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins von ihnen sich verirrte, lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen und geht hin und sucht das irrende? Und wenn es geschieht, dass er es findet, wahrlich, ich sage euch, er freut sich mehr über dieses als über die neunundneunzig, die nicht verirrt sind. So ist es nicht der Wille eures Vaters, der in den Himmeln ist, dass eines dieser Kleinen verloren gehe. Wenn aber dein Bruder sündigt, so geh hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein! Wenn er auf dich hört, so hast du deinen Bruder gewonnen. Wenn er aber nicht hört, so nimm noch einen oder zwei mit dir, damit aus zweier oder dreier Zeugen Mund jede Sache bestätigt werde! Wenn er aber nicht auf sie hören wird, so sage es der Gemeinde; wenn er aber auch auf die Gemeinde nicht hören wird, so sei er dir wie der Heide und der Zöllner!

Dieser eben zitierte Abschnitt wird in meiner Bibel durch eine Zwischenüberschrift zerteilt - und damit wird es erschwert, zu verstehen, worum es Jesus hier geht.
Er sagt, dass es nicht der Wille des Vaters im Himmel ist, dass eines dieser Kleinen - also ein Mensch, der wie ein Kind geworden ist - verloren geht. Falls diese Gefahr besteht, ist es eine gute Idee, mit demjenigen, der sie verursacht, die Angelegenheit zu bereden. Wenn man diesen Gedankengang teilt, hat es den Anschein, als schnitte der Herr ein neues Thema an - was aus meiner Sicht eher nicht der Fall ist. Es geht die ganze Zeit und immer noch darum, dass wir wie ein Kind werden müssen, um im Reich Gottes groß zu sein und wie wir als Menschen mit diesem kindlichen Glauben miteinander umgehen. Es geht um den kindlichen Glauben, das Vertrauen zum Vater im Himmel.
Die Aussprache mit dem Menschen, der Anlass zur Sünde wird, wobei er zweifellos selbst sündigt, kann - hoffentlich - zu dem guten Ergebnis führen, dass wir unseren Bruder gewonnen haben. Wenn er sich jedoch halsstarrig weigert und weiter Anlass zur Sünde sein will (indem er sündigt), dann ist es besser, wenn er aus der Gemeinschaft entfernt wird. Es gibt Sünde, die solch unumkehrbare Folgen hat, darauf kommen wir gleich zurück.
Wenn jemand in der Sünde verharrt, hat das Konsequenzen im irdischen Bereich genau wie im himmlischen Bereich:

Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr etwas auf der Erde bindet, wird es im Himmel gebunden sein, und wenn ihr etwas auf der Erde löst, wird es im Himmel gelöst sein. Wiederum sage ich euch: Wenn zwei von euch auf der Erde übereinkommen, irgendeine Sache zu erbitten, so wird sie ihnen werden von meinem Vater, der in den Himmeln ist. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.

Wir sind immer noch beim ursprünglichen Thema, das sollte man nicht vergessen: Wer gilt im Reich Gottes, nach den Maßstäben Gottes, als groß? Diese Sätze, aus dem Zusammenhang gelöst, bekommen eine Bedeutung, die sie an dieser Stelle nicht haben. Es gibt viele Verheißungen für viele Dinge, zweifellos haben wir Autorität über Krankheiten, Nöte, Mächte der Finsternis bekommen und zweifellos werden unsere Bitten erhört - aber bei diesen Sätzen geht es darum, wie mit jemandem umzugehen ist, der den kindlichen Glauben zerstört. Wenn wir ihn auf der Erde von dieser Schuld lösen, weil er sie eingesehen hat und umgekehrt ist von seinem Weg, dann ist er auch im Himmel gelöst von den schlimmen Folgen. Wenn zwei oder drei (wir haben eben gelesen, dass solche Gespräche unter vier Augen beginnen und dann der Kreis erweitert wird) darum bitten, dass der Mühlstein nicht um den Hals gelegt wird, dann wird diese Bitte gewährt. Warum? Weil Jesus dabei ist, bei der Unterredung unter vier Augen, er ist in ihrer Mitte.
Ohne Zweifel gibt es vielfältige Verheißungen bezüglich der Einheit von Gläubigen im Gebet, des einmütigen Betens, aber hier, in Matthäus 18, redet Jesus vom Umgang mit Brüdern und Schwestern, die der Versuchung nicht widerstanden haben. Das versteht Petrus. Er will nun aber ganz genau wissen, wie weit denn der Geduldsfaden mit jemandem, der Anlass zur Sünde gibt, der an seinen Geschwistern sündigt, reichen soll:

Dann trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der gegen mich sündigt, vergeben? Bis siebenmal?
Petrus denkt praktisch. Er möchte eine Strichliste führen, an der er dann ablesen kann, ab wann jemand "wie ein Zöllner und Heide" behandelt werden darf. Aber Jesus bringt die simple Mathematik seines Freundes gründlich durcheinander:

Jesus spricht zu ihm: Ich sage dir: Nicht bis siebenmal, sondern bis siebzigmal siebenmal. Deswegen ist es mit dem Reich der Himmel wie mit einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Als er aber anfing, abzurechnen, wurde einer zu ihm gebracht, der zehntausend Talente schuldete. Da er aber nicht zahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und die Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen.

Dieses Verfahren mag Petrus noch einleuchten. Irgendwann, so schließt er daraus, ist die Geduld zu Ende und es wird abgerechnet. Das ist ja nur recht und billig, wozu gibt es sonst das Gesetz? Doch Jesus fährt fort:

Der Knecht nun fiel nieder, bat ihn kniefällig und sprach: Herr, habe Geduld mit mir, und ich will dir alles bezahlen. Der Herr jenes Knechtes aber wurde innerlich bewegt, gab ihn los und erließ ihm das Darlehen. Jener Knecht aber ging hinaus und fand einen seiner Mitknechte, der ihm hundert Denare schuldig war. Und er ergriff und würgte ihn und sprach: Bezahle, wenn du etwas schuldig bist! Sein Mitknecht nun fiel nieder und bat ihn und sprach: Habe Geduld mit mir, und ich will dir bezahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er die Schuld bezahlt habe.
Als aber seine Mitknechte sahen, was geschehen war, wurden sie sehr betrübt und gingen und berichteten ihrem Herrn alles, was geschehen war. Da rief ihn sein Herr herbei und spricht zu ihm: Böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich batest. Solltest nicht auch du dich deines Mitknechtes erbarmt haben, wie auch ich mich deiner erbarmt habe? Und sein Herr wurde zornig und überlieferte ihn den Folterknechten, bis er alles bezahlt habe, was er ihm schuldig war. So wird auch mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr nicht ein jeder seinem Bruder von Herzen vergebt.


Jesus will nicht, dass das Auge ausgerissen wird, die Hand abgehackt oder der Fuß amputiert. Er will nicht, dass jemand zugrunde geht. Er ist gerade deshalb gekommen, damit das nicht mehr notwendig ist. Jesus vergibt uns jede Schuld, die wir erkennen, bereuen und bekennen - er erwartet von uns allerdings das gleiche Verhalten. Wir können nicht mit Vergebung rechnen, wenn wir nicht von Herzen vergeben. Auf gar keinen Fall. Unter keinen Umständen. Das Opfer, das Jesus gebracht hat, ist zu kostbar, als dass wir leichtfertig damit umgehen könnten. Petrus hat es verstanden. Er schreibt viele Jahre später unter anderem über die Bruderliebe, und fügt an: Denn bei wem diese Dinge nicht vorhanden sind, der ist blind, kurzsichtig und hat die Reinigung von seinen früheren Sünden vergessen (2. Petrus 1, 9). Wir dürfen nie vergessen, dass uns vorbehaltlos vergeben wurde und dass wir vorbehaltlos vergeben müssen, um unsere Vergebung nicht zu verspielen.
Dann, wenn wir so leben, werden wir wie ein Kind. Das ist ein weiterer Aspekt der Antwort auf die ursprüngliche Frage der Jünger, wer wohl der Größte im Reich der Himmel sein wird: Derjenige, der jedem alles vergibt, so oft es auch notwendig ist, weil er weiß, dass er selbst die Vergebung benötigt. Derjenige, der klein wird, damit der Vater in ihm groß werden kann.
Übrigens berichtet Lukas in seinem Evangelium ebenfalls über diese Episode, in kürzerer Form, aber mit dem gleichen Zusammenhang zwischen dem Werden wie ein Kind und dem Vergeben, wenn ein Bruder sündigt: Er sprach aber zu seinen Jüngern: Es ist unmöglich, dass nicht Anlässe zur Sünde kommen. Wehe aber dem, durch den sie kommen! Es wäre ihm nützlicher, wenn ein Mühlstein um seinen Hals gelegt und er ins Meer geworfen würde, als dass er einem dieser Kleinen Anlass zur Sünde gäbe! Habt acht auf euch selbst: Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht, und wenn er es bereut, so vergib ihm! Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigt und siebenmal zu dir umkehrt und spricht: Ich bereue es, so sollst du ihm vergeben. (Lukas 17, 1-4)

Also reiße deinem Bruder kein Auge aus, amputiere deiner Schwester keinen Arm und lass auch deinen eigenen Fuß, wo er ist. Dein Auge hat dich zur Sünde verführt? Du kannst sieben mal am Tag zu Jesus kommen und sagen: Ich bereue es. Dir wird vergeben, wenn das keine leere Floskel oder gar eine Ausrede ist, in der Sünde zu verharren.
Hier, ausgerechnet bei der Frage der Vergebung, lauert eine Falle, in die wir nicht hineinrennen dürfen: Es geht und ging Jesus nie um eine billige Gnade. Damit sind wir wieder bei der Tatsache, dass ein Kind gehorsam ist. Es gibt Sünden, die zerstören unendlich viel, im eigenen Leben und im Leben anderer Menschen. Solche Sünden haben die Kraft, den Sünder so zu verändern, dass er hinterher nicht mehr in der Lage ist, wirklich Buße zu tun und umzukehren. Jesus meint das Wort vom Ausreißen des Auges und Abhacken der Gliedmaßen so ernst, wie es klingt. Wenn wir die Tragweite, die Folgen in Zeit und Ewigkeit mancher Sünden nicht begreifen, richten wir Schäden an, die nicht zu reparieren sind.

Natürlich handelt es sich beim Ausreißen des Auges und Abhacken der Gliedmaßen um eine Metapher. Du kannst mit dem verbleibenden Auge die fremde Frau immer noch begehren, mit dem zweiten Fuß zum Ort der Sünde humpeln, mit der nicht abgehackten Hand nach fremdem Eigentum greifen. Und selbst ohne Augen, Hände und Füße kannst du sündigen.
Jesus sagt hier, dass die Schritte, mit denen wir uns vor einer für uns und andere zerstörerischen Sünde schützen, schmerzlich und radikal sein können. Wenn wir begreifen, was wir mit der Sünde anrichten könnten, werden wir aber alles tun, um nicht in Sünde zu fallen - oder darin zu verharren, wenn es doch passiert ist.
Was mir mein Freund über den Mann berichtet hat, der nach dem Mittagessen mit Gemeindegliedern nie wieder einen Gottesdienst besuchte, ist leider nur eines von vielen traurigen und entsetzlichen Beispielen. Eine "Kleinigkeit", das Herziehen über andere nach einem Gottesdienst, hat den gerade erst aufkeimenden, kindlichen Glauben eines Menschen zunichte gemacht. Wir denken mit Schaudern an den Mühlstein, von dem Jesus hier in Matthäus 18 redet.
Falls wir in dieser oder anderer Weise gesündigt haben: Wenn wir neben kindlichem Glauben auch kindlichen Gehorsam ernst nehmen, dann gilt uns die Zusage der Vergebung. Daraus folgt das dritte, was uns groß macht im Reich der Himmel: Unsere Bereitschaft, zu vergeben.

Dein Bruder und deine Schwester können sieben mal siebzig mal an dir schuldig werden - du wirst ihnen von Herzen vergeben, denn du betest ja: Vergib mir meine Schuld, wie ich denen vergebe, die an mir schuldig werden.
Auch beim vierhunderteinundneunzigsten Mal? Na sicher, denn auch du zerreißt den Schuldschein, weil du ja von Herzen, und nicht pro Forma vergibst.

Wer ist denn der Größte im Reich der Himmel? Es sind die Menschen, die klein werden wie ein Kind (indem sie kindlichen Glauben haben), bereit sind, zu vergeben (weil sie die Vergebung eigener Schuld verstanden haben) und die gehorsam sind wie ein Kind (weil sie Sünde als reale Gefahr begriffen haben). Es sind diejenigen, die sich vor Sünde hüten, egal wie schmerzlich, wie radikal es sein mag, egal auch, ob die anderen Verständnis haben oder spotten, weil sie sehen, dass manche Sünde Schäden anrichten kann, die nicht mehr zu reparieren sind - im eigenen wie im fremden Leben.

In diesem Sinne lade ich dazu ein, dass wir sagen: Ich will die Größte sein! Ich will der Größte sein!

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Ein Artikel von Glaube.de.
Autor: Günter J. Matthia / Redaktionsmitarbeiter bei Glaube.de
Mit freundlicher Genehmigung für Glaube.de
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