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16-12-08

Günter J. Matthia: Wenn der Sturm nicht gestillt wird

Und ob ich schon wanderte im finstern Todestal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab, die trösten mich! sagt David in Psalm 23. Als Kind habe ich diesen Psalm auswendig gelernt und aus den Worten einen Schluss gezogen, der allerdings nicht lange Bestand hatte: Ein Christ kommt nicht in das finstere Todestal hinein, weil der Stecken und Stab des Herrn ja davor bewahren. Ich schloss das aus dem Ende des Psalms: Nur Güte und Gnade werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.


Diese Annahme ist natürlich falsch. Ganz falsch. Wenn ich nicht in jenem Tal bin, benötige ich den Trost ja gar nicht. Das Unglück das ich nicht fürchte, ist kein Unglück, das mir erspart bleibt - sondern eines, in dem ich mitten drin stecke. Erst dann ist es sinnvoll, von Trost und Furchtlosigkeit zu reden, erst dann bemerke ich etwas von Güte und Gnade mitten in der schlimmsten Situation.

Unsere natürlichen Reaktionen auf Katastrophen sind Ratlosigkeit, Furcht, Entsetzen. Wenn schreckliche Ereignisse uns unvorbereitet treffen, sind wir fassungslos. Wir wissen nicht, wie wir reagieren sollen, sind zunächst unfähig zu handeln. Die Welt war als der Tsunami hereinbrach wie gelähmt, als das Undenkbare geschah. Der tödliche Unfall eines Angehörigen ruft die gleiche Reaktion in der Familie hervor: "Wie konnte das geschehen? Warum hat Gott nicht rechtzeitig eingegriffen?"

Anspruch auf ein ungestörtes Leben?

Die Annahme, dass unser Glaube eine Versicherung vor Katastrophen beinhaltet, erweist sich in solchen Momenten als das, was sie ist: Ein Irrtum. Wenn wir zum Beispiel den Apostel Paulus betrachten, muß uns bewußt werden, dass dieser Anspruch auf ein unbedrohtes Leben nicht biblisch gerechtfertigt werden kann. Steinigung, Anklagen, jahrelange Gefangenschaft - Paulus war kein Mann, dem Unglück erspart geblieben wäre. Er war aber nicht nur dem Leiden um Christi willen, der Verfolgung wegen seines Glaubens, ausgesetzt, sondern er erlebte auch andere Katastrophen: Schiffbruch, Hunger, Isolation.
Paulus wusste jedoch, wie er auch mit solchen Situationen, die über das schon von Jesus angekündigte Leiden um seines Namens willen hinausgehen, umgehen konnte. Am Beispiel der Schiffskatastrophe in Apostelgeschichte 27 kann man beides lernen: Die Tatsache, dass Gott nicht immer vor solchen Ereignissen bewahrt und die Tatsache, dass es für Christen einen Weg hindurch gibt, der gleichzeitig anderen eine Hilfe sein soll. Um es noch einmal deutlich auszudrücken: Leiden um Christi willen ist etwas anderes als Leiden unter einer Katastrophe - und um die soll es in diesem Text gehen.

Die Ausgangssituation war hoffnungslos: Da aber viele Tage lang weder Sonne noch Sterne schienen und ein nicht geringes Unwetter uns bedrängte, schwand zuletzt alle Hoffnung auf unsere Rettung.
Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, ist hier ganz ehrlich. Er berichtet, dass die Hoffnung auf Rettung nicht mehr bestand. Das Schiff war mit 276 Menschen an Bord schon eine Weile dem Unwetter ausgesetzt, alles Menschenmögliche war getan worden. Man hatte die Last über Bord geworfen,. den Schiffsrumpf mit Tauen umwickelt und auf besseres Wetter gehofft. Den Menschen war dabei inzwischen der Appetit vergangen, sie hatte tagelang nichts mehr gegessen. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass sie Hoffnung auf Rettung nicht mehr aufbringen konnten.
Paulus hatte vor der Reise gewarnt. Man hatte aber nicht auf ihn gehört. Er war durch die Schuld anderer in diese Situation geraten, vor der er eindringlich gewarnt hatte. Nun hätte er sagen können: "Selbst schuld, ihr habt euch das eingebrockt. Ihr erleidet jetzt die Folgen eures eigenen Handelns. Seht zu, ob ihr zurecht kommt."
Stattdessen jedoch macht er den verängstigten und orientierungslosen Menschen mitten in der Katastrophe Mut: "Man hätte mir freilich gehorchen und nicht von Kreta abfahren und dieses Unglück und den Schaden vermeiden sollen. Und jetzt ermahne ich euch, guten Mutes zu sein, denn keiner von euch wird verloren gehen, nur das Schiff."
Er verleugnet nicht die Tatsache, dass man auf ihn hätte hören sollen, aber er richtet den Blick der Menschen von der unbestritten finsteren Lage weg auf eine Hoffnung.

Paulus war in der gleichen Situation wie die übrigen 275 Menschen, er hatte - das können wir aus den folgenden Sätzen schließen - genauso Angst wie sie. Aber er erlebte etwas, was ihn von den übrigen Verängstigten unterschied, und das berichtet er ihnen: "Denn ein Engel des Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene, stand in dieser Nacht bei mir und sprach: Fürchte dich nicht, Paulus! Du mußt vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir alle geschenkt, die mit dir fahren. Deshalb seid guten Mutes, ihr Männer! Denn ich vertraue Gott, daß es so sein wird, wie zu mir geredet worden ist. Wir müssen aber auf irgendeine Insel verschlagen werden."
Wenn Paulus sich nicht gefürchtet hätte, wäre der erste Satz des Engels unnötig gewesen. Paulus hatte aus diesem Zuspruch persönlich Mut geschöpft und gab diesen Mut jetzt weiter an die anderen. Die Situation hatte sich kein bisschen geändert, der Sturm tobte weiter, das Schiff war so zerbrechlich und gefährdet wie zuvor. Aber Paulus hatte etwas von Gott gehört und er machte dieses Reden trotz der Umstände zur Grundlage seines Denkens und Redens. Er hatte Gott um die Menschenleben auf dem Schiff gebeten, anstatt nur für sich und seine persönlichen Begleiter Rettung zu suchen. Das können wir daraus schließen, dass am Anfang des Kapitels noch die Rede davon ist, dass es auch Tote geben wird. Paulus nimmt dieses prophetische Wort als Anlass, Fürbitte zu tun, und deshalb schenkte Gott ihm alle, die mit ihm unterwegs waren.

Keine Besserung - im Gegenteil!

Änderte sich daraufhin die Lage? Wurde der Sturm still, beruhigte sich das Toben der Wellen, wurde der Himmel hell? Nein, die Umstände wurden nicht besser, sondern schlimmer.
Als aber die vierzehnte Nacht gekommen war und wir im Adriatischen Meer umhertrieben, meinten gegen Mitternacht die Matrosen, daß sich ihnen Land näherte. Und als sie das Senkblei ausgeworfen hatten, fanden sie zwanzig Faden ; nachdem sie aber ein wenig weiter gefahren waren und das Senkblei wieder ausgeworfen hatten, fanden sie fünfzehn Faden. Und da sie fürchteten, wir möchten etwa auf felsige Stellen verschlagen werden, warfen sie vom Hinterschiff vier Anker aus und wünschten, daß es Tag würde.
Zum Unwetter kommt eine weitere Bedrohung hinzu, nichts bessert sich auf die Worte des Apostels hin. Paulus bleibt aber im Gespräch mit Gott, während die Verzweiflung der Matrosen zunimmt.
Als aber die Matrosen aus dem Schiff zu fliehen suchten und das Boot unter dem Vorwand, als wollten sie vom Vorderschiff Anker auswerfen, in das Meer hinabließen, sprach Paulus zu dem Hauptmann und den Soldaten: Wenn diese nicht im Schiff bleiben, könnt ihr nicht gerettet werden.

Dieses Mal entschied sich der Hauptmann, dem Gefangenen zu glauben: Dann hieben die Soldaten die Taue des Bootes ab und ließen es hinabfallen.
Es gab immer noch keinen sichtbaren Beweis, dass Paulus in irgend einer Weise recht haben könnte. Er hatte versprochen, dass ein Gott, den diese Männer nicht kannten, die Menschenleben bewahren würde - aber wie glaubwürdig war das für die Soldaten und Matrosen? Dieser Gott hatte es offensichtlich zugelassen, dass sein Diener als Gefangener nach Rom gebracht wurde, um dort vor Gericht gestellt zu werden. Paulus war selbst in einer Situation, die keiner der Anwesenden für erstrebenswert halten konnte. Und dieser Mann wollte ihnen nun etwas von einem Gott erzählen, der aus Gefahr retten kann?
Paulus hätte allen Grund gehabt, zu schweigen. Er riskierte es, sich lächerlich zu machen, er riskierte es, etwas auszusprechen, was allen Umständen widersprach. Er konnte nicht damit rechnen, dass die Zuhörer auch nur ein Wort ernst nahmen; aber er hatte etwas von Gott gehört und war gehorsam. Er blieb bei seiner Haltung, und diese Haltung wurde offensichtlich ansteckend:
Als es aber Tag werden wollte, ermahnte Paulus alle, Speise zu sich zu nehmen, und sprach: Heute schon den vierzehnten Tag wartend, seid ihr ohne Essen geblieben, weil ihr nichts zu euch genommen habt. Deshalb ermahne ich euch, Speise zu euch zu nehmen, denn dies gehört zu eurer Rettung; denn keinem von euch wird ein Haar des Hauptes verloren gehen. Und als er dies gesagt und Brot genommen hatte, dankte er Gott vor allen, und als er es gebrochen hatte, begann er zu essen. Alle aber wurden guten Mutes und nahmen auch selbst Speise zu sich.
Sie wurden guten Mutes, sie fingen an, wieder Hoffnung zu hegen. Es sah immer noch nicht danach aus, dass sie aus der Katastrophe lebend herauskommen würden, immer noch tobte das Unwetter, immer noch waren viele von ihnen Nichtschwimmer, die damit rechnen mussten, beim Untergang des Schiffes zu ertrinken.
Da sie aber auf eine Landzunge gerieten, ließen sie das Schiff stranden; und das Vorderschiff saß fest und blieb unbeweglich, das Hinterschiff aber wurde von der Gewalt der Wellen zerschellt. Der Soldaten Plan aber war, die Gefangenen zu töten, damit nicht jemand fortschwimmen und entfliehen möchte. Der Hauptmann aber, der Paulus retten wollte, hinderte sie an ihrem Vorhaben und befahl, daß die, welche schwimmen könnten, sich zuerst hinabwerfen und an Land gehen sollten und die übrigen teils auf Brettern, teils auf Stücken vom Schiff. Und so geschah es, daß alle an das Land gerettet wurden.

Und wo bleibt jetzt unsere Vollmacht?

Hier ist die Rede von mehreren Wochen in Seenot und zunehmend hoffnungslosen Umständen. Paulus wußte die ganze Zeit, dass es keinen Sinn hatte, dem Sturm zu gebieten. Er wußte, dass er in diesem Fall aus der Katastrophe nicht herausgeholt werden konnte. Gott hatte ihn nicht vor dieser Situation bewahrt und Gott griff nicht auf übernatürliche Weise ein. Gott hatte andere Pläne, und das wußte Paulus, auch wenn er sie nicht in Einzelheiten kannte. Das Schiff wurde zerstört, die Menschen kamen mit dem nackten Leben davon - und anschließend erlebten zahlreiche Menschen auf der Insel Heilung und wurden Christen.

Die Bibel ist voll von Berichten, in denen Gott seine Kinder bewahrt, beschützt, das Unglück von ihnen abwendet. Als das Boot der Jünger zu kentern droht, befiehlt Jesus dem Sturm, still zu sein - und die Gefahr ist vorbei. Sie enthält aber ebenso Berichte, in denen die Gläubigen mitten in die Katastrophe hinein marschieren, in denen Katastrophen das ganze Volk oder einzelne Familien treffen, obwohl da Kinder Gottes mitten drin sind. Sollen wir daraus schließen, dass wir den Umständen ausgeliefert sind, dass wir sowieso nichts ändern können, dass für Gott der Einzelne nicht wichtig genug ist, um die Situation für ihn zu ändern? Sollen wir daraus schließen, dass wir doch keine Vollmacht haben, die Dinge zu verändern?

Das sei ferne! Wir haben keine Garantie für ein Leben ohne Leid, aber wir können uns beizeiten darauf vorbereiten, in diesem Leid nicht unterzugehen. Jesus erklärt einmal seinen Zuhörern: "Und es werden Zeichen sein an Sonne und Mond und Sternen und auf der Erde, Angst der Nationen in Ratlosigkeit bei brausendem und wogendem Meer, während die Menschen verschmachten vor Furcht und Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen, denn die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden." Das klingt nicht wie eine Situation, in die wir uns hinein wünschen. Jesus sagt aber auch, wie unsere Blickrichtung aussehen soll, wenn wir mitten drin stecken: "Wenn aber diese Dinge anfangen zu geschehen, so blickt auf und hebt eure Häupter empor, weil eure Erlösung naht". (Lukas 21, 25-28)
Das hat Paulus getan, als alles aussichtslos war. Er hat sein Haupt erhoben und auf Gott geschaut. Er kannte seinen Herrn - und weil er ihn kannte, konnte er die Zweifel überwinden und trotz aller Tatsachen, die dagegen sprachen, auf das Wort Gottes vertrauen. Darum wußte er, welches Handeln das richtige war. Paulus wußte um seine Vollmacht als Christ und er konnte auch Gebrauch davon machen. Er gebot anschließend an die Strandung den Krankheiten und die Menschen wurden gesund. Im Sturm jedoch hörte Paulus andere Anweisungen von seinem Herrn und verhielt sich entsprechend.

Der Schlüssel zum Gebrauch der Vollmacht

Paulus erlitt in dieser Katastrophe nicht etwa einen Verlust der Vollmacht. Er tat vielmehr das, was wir auch bei Jesus sehen: Er wusste, was der Wille Gottes war und verzichtete darauf, die Vollmacht anzuwenden. Jesus hätte Legionen von Engeln befehlen können, ihn aus dem Leiden herauszuholen. Paulus hätte die gesamte Situation vermeiden können, weil er genau wusste, dass er in Verfolgung, Haft und Leiden hinein steuerte, als er nach Jerusalem reiste. Viele hatten ihn gewarnt, prophetische Worte hatten ihm all das Schwere angekündigt. Er hätte statt nach Jerusalem auch nach Athen oder als Tourist nach Rom fahren können. Aber: Er wusste, was der Wille Gottes war.

Den Willen Gottes lernt man nicht in der Katastrophe kennen, da ist man meist nicht in der Lage, viel zu denken und zu überlegen. Mir ging es so, als ich erfahren hatte, dass ich Krebs hatte, der über mehr als zehn Jahre unentdeckt geblieben war (siehe Krebs, wo ist dein Stachel?). Das Kennen lernen des Herrn ist viel leichter, wenn mit uns und unserer Umgebung alles in Ordnung ist.
Wenn wir in guten Zeiten Gott kennenlernen, seine Eigenschaften studieren, seine Verheißungen und deren Bedingungen untersuchen, dann werden wir in der Katastrophe einen festen Halt haben, den die Menschen um uns herum nicht kennen. Sie werden zuhören, wie die Matrosen dem Paulus zuhörten, und auch wenn sie nicht sofort reagieren, werden sie, wenn wir fest stehen im Vertrauen auf Gott, schließlich angesteckt.
Wenn uns Gott und sein Reich wichtiger werden als die Dinge dieser Welt, dann werden wir nicht im Glauben erschüttert, wenn die Systeme versagen und zusammenbrechen. Wenn wir in guten Zeiten den Herrn suchen, Zeit mit ihm und seinem Wort verbringen, dann wird er uns auch nahe sein, wenn unser Mut wegen der Umstände schwindet und unsere Furcht, wie bei Paulus auf dem Schiff, steigt.
Solche Menschen sollten wir werden, damit wir Verzweifelten und Hoffnungslosen etwas anzubieten haben, woran sie sich festhalten und orientieren können. Solche Menschen waren in der Lage, den Verzweifelten in New York nach dem 11. September 2001 und in Madrid nach dem 11. März 2004 - weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit - Trost zu schenken und Halt zu geben. Solche Menschen sind in der Lage, den von persönlichen Katastrophen betroffenen Familien zu helfen, so wie sie mir vor Jahren mit Trost, Hoffnung und Gebeten helfen konnten, als der Krebs entdeckt wurde.

Natürlich wünscht niemand eine Katastrophe herbei, aber sollten wir nicht auch auf solche Zeiten vorbereitet sein, von denen der eingangs erwähnte Psalm 23 spricht? Sollten wir nicht dann, wenn es leicht fällt, bereits unser Vertrauen auf den Herrn setzen statt auf Umstände - und ihn so gut kennen lernen, wie nur möglich? Und ob ich schon wanderte im finstern Todestal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab, die trösten mich! Zu dieser Lebenshaltung kommt man nicht binnen Sekunden - daran muss man arbeiten, das kostet Zeit und Mühe. Aber es ist notwendig, es wendet eine Not, im Fall der Fälle.

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Ein Artikel von Glaube.de
Autor: Günter J. Matthia, Glaube.de

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