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05-05-05

J. Heinrich Arnold: Glaube

Warum können so viele Menschen heutzutage keinen Glauben finden? Ich denke, dafür gibt es verschiedene Gründe. Manche Menschen sind zufrieden mit dem Geschehen um sie her und sind stolz darauf, in einer Zeit hoher Kultur und Zivilisation zu leben. Sie sind blind für die Leiden der Menschheit und der ganzen Schöpfung. Sie haben Gott aus den Augen verloren.


Andere verzweifeln. Denn sie erkennen die Ungerechtigkeit des Mammon und leiden mit den Unterdrückten. Aber in ihrem Mitleiden vergessen sie, dass wir alle schuldig sind. Statt sich über die Schuldverwicklung aller Menschen klarzuwerden, geben sie einer bestimmten Klasse oder Nation die Schuld. Sie sehen die Schöpfung, nicht den Schöpfer. Auch sie haben Gott aus den Augen verloren.

Wieder andere erkennen wohl die Sünde, Schuld und Schwäche der Menschen, aber sie haben kein Herz, keine Geduld mit den Unterdrückten und leiden nicht mit ihnen. Weil sie Gott aus den Augen verloren haben, verschließen sie ihre Ohren dem Schrei der ganzen Schöpfung. Sie haben keinen wirklichen Glauben, oder sie glauben nur um ihres eigenen Seelenheils, nicht aber um der leidenden Menschheit willen.

Nur wenn wir Gott finden, können wir zum Glauben kommen. Haben wir Gott gefunden, dann fangen wir an, die Not der Menschheit von seiner Sicht aus wahrzunehmen; dann können wir glauben, dass er diese Not überwinden wird. Der Mensch muss erkennen, dass Gott die Welt auch heute liebt. In der Nacht des Gerichts, die über unsere sogenannte Zivilisation hereinbricht, muss der Mensch hören, dass Gott ihn noch immer liebt und dass er seine Schöpfung liebt. Glaubensbotschaft ist Liebesbotschaft.

Wer ist Gott? Wie können wir ihn finden? Etwas von dem Licht Gottes ist schon tief in unsere Herzen hineingelegt. Manchmal empfinden wir dies nur als große Sehnsucht nach Güte, Gerechtigkeit, Reinheit oder Treue. Wenn aus dieser Sehnsucht Glauben erwächst, dann werden wir Gott finden.

Schon die Ersten Christen sagten: Wenn der Mensch Gott sucht, wird er ihn finden, denn Gott ist überall. Es gibt keine Grenze, die nicht überschritten werden kann, kein Hindernis, das nicht überwunden werden kann, um Gott zu finden. Erinnern wir uns an Nikodemus, der anfangs nicht glauben wollte, dass er sich in seinem hohen Alter noch ändern könnte: Auch er fand zum Glauben. Niemand kann sich entschuldigen, wenn er keinen Glauben findet: Wer anklopft, dem wird die Tür aufgetan.

Gott kommt in das Herz eines jeden Menschen, der glaubt, dass er kommen wird - zu jedem, der ihn sucht. Wir müssen nur wirklich auf der Suche sein und sein Kommen erwarten. Wenn wir in geistiger Trägheit dahinleben, wird nichts geschehen. Nur wer sucht, wird finden.

Ich traf einmal mit Menschen zusammen, die sich kritisch darüber äußerten, dass wir Jesus ?zu viel Ehre geben?. Wir sprachen über eine Aussage Jesu, und einer von ihnen fragte mich: ?Glaubst du das, weil Jesus es gesagt hat, oder glaubst du es, weil es die Wahrheit ist?? Ich antwortete: ?Ich glaube es aus beiden Gründen: weil Jesus es gesagt hat und weil es die Wahrheit ist.? Oft habe ich gedacht, ich hätte mehr sagen sollen; ich hätte bereit sein sollen, als Narr dazustehen und zu sagen: ?Selbst wenn ich es nicht verstehe, würde ich es dennoch glauben, weil Jesus es gesagt hat.? Diese Leute waren entsetzt darüber, dass jemand einen so kindlichen Glauben an Christus haben konnte.

Es ist ein Wunder des Glaubens, wenn Menschen zu Jesus finden und ihn als den Christus erkennen. Wir merken dies an den Worten der Samariter, die zu der Frau, welcher Jesus am Brunnen begegnet war, sprachen: ?Wir haben selber gehört und erkannt, dass dieser Mann wahrhaftig Christus, der Erlöser der Welt ist? (Joh.4,42). Wenn solcher Glaube doch jetzt und hier in unserer Gemeinde lebendig wäre und unter den vielen, die nach etwas Neuem dürsten! Für die Samariter war Jesus einfach ein Mensch wie alle - müde, hungrig und durstig. Kein gewöhnlicher Mensch hätte in ihm die geringste Spur seiner wahren Natur erkennen können. Wem hätte man einen Vorwurf daraus machen wollen, ihn nicht sofort zu erkennen? Wenn wir einem völlig fremden Menschen begegnen, halten wir ihn auch nicht gleich für den Erlöser der Welt.

Das Auftreten Jesu war alles andere als das eines Erlösers: Hier war ein bescheidener Mann, aufgewachsen in einem kleinen Dorf, der mit den religiösen Führern in Konflikt geriet, bis er einen schmachvollen Tod erlitt. Deshalb ist es immer ein Wunder, wenn ein Mensch zum Glauben an ihn geführt wird. Wenn wir wie die Samariter sagen können: ?Dieser ist Christus, der Erlöser der Welt? (Joh.4,42), dann steht unser Herz weit offen und wird mit Licht erfüllt.

Wer glaubt, er sei ein zu großer Sünder, wer daran zweifelt, dass Jesus ihm helfen kann - bindet sich an den Teufel. Er zweifelt den Sieg des Kreuzes an und hindert den Heiligen Geist, von seinem Herzen Besitz zu nehmen. Diesem Zweifel muss man widerstehen. Nicht umsonst steht im Evangelium, dass Jesus die Sünden der ganzen Welt trägt, und: ?Suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan? (Mt.7,7). Christus, der wahrhaft Lebendige, starb am Kreuz, um alle Dinge mit Gott zu versöhnen. Diese Versöhnung geht über unseren menschlichen Verstand hinaus, aber wir wissen, dass sie für jeden von uns vorbereitet ist und dass wir zu Buße und Befreiung gerufen sind.

Glauben und ein gutes Gewissen sind untrennbar. Wenn wir nicht auf unser Gewissen hören, dann erleidet unser Glaube Schiffbruch. Und wenn wir den Glauben verlieren, dann verlieren wir die Grundlage für ein reines und lebendiges Gewissen. Deshalb sagt Paulus: Das Gewissen derer, die nicht glauben, ist nicht rein (Tit.1,15). Es kann nicht anders sein, denn ohne Glauben hat das Gewissen keinen Halt.

In der Bibel heißt es: ?So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingegeben hat. Er ward nicht in die Welt gesandt, um die Welt zu richten, sondern um sie zu erretten? (Joh.3,16-17). Aber es heißt auch, dass um ihres Unglaubens willen die Welt gerichtet wird (Röm.11,20). Der Sinn dieser Worte - also hat Gott die Welt geliebt - muss uns überwältigen. Erst dann werden wir erkennen, wie furchtbar es ist, nicht an ihn zu glauben. Lasst uns Gott darum bitten, dass er uns eine neue Erweckung schenkt - einen tiefen Glauben und eine feste Überzeugung, einen Glauben, der Antwort auf alle persönlichen Fragen, auf alle Probleme des Gemeinschaftslebens und schließlich auf die Probleme der ganzen Welt geben kann.

Wenn jemand einsam und verunsichert ist, so kommt das oft daher, dass er nicht den tiefen Glauben hat, von Gott völlig verstanden zu werden. Paulus schreibt: Erst wenn unsere Liebe vollkommen ist, werden wir verstehen, so wie wir auch völlig verstanden sind (1.Kor 13,12). Deshalb sind auch die Worte von Johannes sehr wichtig: Gott hat uns geliebt, ehe wir ihn lieben konnten (1.Joh 4,19). Das ist es, was in unser kleines Herz eindringen muss: Die Liebe des großen Herzens Gottes, das uns ganz versteht. An dieser Liebe müssen wir festhalten.

Wir leben in einer Zeit, in der die ganze Welt in Aufruhr ist, und wir können noch erschütterndere Ereignisse erwarten als die, die wir bereits erlebt haben. Da gibt es nur eine Hoffnung, nur eins, woran wir in jeder Lage festhalten können: Jesus und sein Reich. Im Leben und im Tod, in Zeiten der Freude und in Zeiten des Gerichts bleibt er unser einziger Erlöser.

Wer an der Liebe Gottes und seiner Nähe zweifelt, nachdem er ihm sein Leben übergeben hat, begibt sich in die Nähe des Todes. Es ist gut, das Böse in sich selbst zu erkennen, aber wir dürfen niemals Gottes große Gnade anzweifeln, auch nicht im Gericht. Der Zweifel kann einem Menschen das Leben zur Hölle machen. Unser Glaube muss immer wieder Erneuerung und Vertiefung erfahren.

Ich möchte jedem Mut zusprechen, der entmutigt ist, weil seine Versuche, Christus nachzufolgen, fehlgeschlagen sind. Aus uns selbst können wir ihm nicht nachfolgen; wir alle sind unfähig dazu. Das kommt daher, dass unsere Hingabe nicht vollkommen ist. Erst wenn wir uns völlig leer machen, wenn wir Gott alles übergeben, kann er wirken. Solange unser Tun von Selbstgefälligkeit bestimmt ist, müssen wir fehlgehen. Immer wieder zeigt Gott uns, wie völlig wir versagen und als Gemeinde und als Einzelne ihm im Weg stehen. In der Nachfolge geht es nicht um unser eigenes Tun, sondern darum, Gott Raum zu geben, damit er in uns leben kann.

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Ein Artikel von www.glaube.de
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Quelle: Der Bruderhof
Auszug aus Leben in der Nachfolge
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