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09-12-05

J.C.Arnold: Eine Adventsbotschaft

Mit dem Beginn der Adventszeit und Weihnachten vor der Tür habe ich wieder einmal Händels Messias angehört, und die folgenden Worte aus Jesaja 40 haben eine ganz neue Bedeutung für mich erhalten:

Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.


Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat's geredet.

Jesaja spricht über den Trost - und nicht über die Angst - und wenn man an die beängstigende Zeit denkt, in der wir leben, haben uns diese Worte viel zu sagen. Wenn wir morgens aufwachen, können wir nie wissen, welche Naturkatastrophe jetzt wieder zugeschlagen hat oder welcher Terroranschlag erneut unschuldige Zivilisten getötet oder verletzt hat.




"Das Schöne an diesem Traum war, dass ich eine wirkliche Begegnung von Herz zu Herz mit ihm hatte. Ich hatte kein bisschen Angst. Und vielleicht wird dieser Traum eines Tages wahr."

Eberhard Arnold



Katastrophen geschehen in solch rasanter Abfolge, dass die Gefahr besteht, dass Geist und Seele wie betäubt werden und gar nichts mehr aufnehmen können. Die vielen Toten und Verletzten werden leicht als Statistiken in unserem Unterbewusstsein vergraben.

Das ist irgendwie verständlich, denn niemand kann so viele Schreckensnachrichten aufnehmen, ohne dass die Seele verletzt und verhärtet wird und die Barmherzigkeit für die Notleidenden verloren geht.

Wenn wir alleine an die vielen Soldaten denken, die in den Kriegen dieser Welt eingesetzt sind, getötet und verletzt werden, dann wissen wir, dass viele Familien in dieser Zeit sich einsam und verlassen fühlen. Und die Zukunft sieht tatsächlich für viele finster aus.

Müssen wir verzweifeln? Das dürfen wir nicht. Wir müssen uns vielmehr bewusst machen, dass Furcht und Isolation die Waffen Satans sind, mit denen er die Gemeinschaft der Menschen zerstört, die wir verteidigen müssen. Wir dürfen ihm nicht erlauben, Hoffnung und Optimismus in den Herzen der Menschen auszulöschen. Und gerade in diesem Kampf können die Worte des Propheten Jesaja Kraft und Trost geben.

Während der ganzen Weltgeschichte gingen viele Menschen durch dunkle Zeiten. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, als der Nationalsozialismus seine Hand erst auf Deutschland und dann Europa legte, verschwanden solche, die ihre Stimme dagegen erhoben, oft über Nacht in den Konzentrationslagern. Am Ende waren über 6 Millionen Juden und viele andere unschuldige Opfer umgebracht worden. Und doch gab es immer auch jene, die den Mächten der Finsternis entgegentraten, und sie können uns auch heute Mut machen.

Mein Großvater z.B. hat sich schon vor der Machtergreifung Hitlers kritisch gegen den Nationalsozialismus ausgesprochen und war eine der ersten Stimmen unter den religiösen Führern der damaligen Zeit, die die finsteren Mächte, denen der Nationalsozialismus diente, beim Namen nannte. Als er im Januar 1933 die Nachricht erhielt, dass Hindenburg Hitler zum Reichskanzler ernannt hatte, ließ er keinen Zweifel an seiner Überzeugung: "Hitler als Reichskanzler? Hindenburg hat keine Ahnung, welche Dämonen er freisetzt!"

Von da an sprach er sich klar und deutlich gegen die nationalsozialistische Macht aus und rief auch andere deutsche Christen auf, sich zum Widerstand zusammenzuschließen. Natürlich hat ihm das keine Freunde gebracht. Im Gegenteil: Viele haben sich von ihm distanziert, und bald war er wie eine einsame Stimme in der Wüste.

Dabei hat sich mein Großvater nie darauf konzentriert, die Regierung, die er ablehnte, zu verdammen. Stattdessen hat er seine ganze Energie dafür eingesetzt, den Menschen zu helfen, weder die Hoffnung noch den Glauben zu verlieren, dass Gottes Herrlichkeit sich auch in den finstersten Zeiten und Orten offenbaren kann.

Einmal sagte er, wenn wir uns umgeben wissen von echten Glaubensfeinden, das ist die Gelegenheit, das Sakrament der Vergebung mehr denn je zu empfangen. Er sprach oft davon, wie notwendig gerade in solchen Zeiten die Gemeinschaft unter uns Menschen ist:

"Menschen, die das gleiche glauben und fühlen, müssen sich zusammentun und sich gegenseitig unterstützen. Das ist der einzige Weg, mit dem man Hass und Wut begegnen kann. Wenn wir Christus wirklich lieben, werden wir diesen Mächten mit freien Herzen entgegentreten: mit Frieden, Brüderlichkeit und Vergebungsbereitschaft. Nur so können sie wirklich überwunden werden. Die schlimmsten Feinde der Freiheit und Demokratie sind gerade diejenigen, die wir am meisten und in besonderer Weise lieben sollten, damit wir auch für sie Glauben und Verständnis haben können. Immerhin haben auch sie trotz ihrer Blindheit, wie jeder andere Mensch, den Funken Gottes in sich, den es zu entfachen gilt.

Jesus selbst hat uns aufgerufen, genau das zu tun: "Liebt eure Feinde ... tut wohl denen, die euch hassen ... betet für die, die euch verfolgen." Er befiehlt uns auch, 7x70 mal zu vergeben. Seltsamerweise finden viele, die sich Nachfolger Jesu nennen, dies zu naiv für unsere komplexen Zeiten, in denen wir leben. Ich weiß auch nicht, aber vielleicht empfinden sie die Worte Jesu als eine Bedrohung. Aber ich bin mir ganz sicher, wenn wir Jesus treu nachfolgen wollen, das dies ein Ende für die kapitalistischen Freiheiten bedeuten wird, an denen wir uns so lange gefreut haben."

Ein paar Monate bevor mein Großvater in einem Krankenhaus an den Folgen einer Operation starb, erzählte er einen Traum über Hitler, den er gehabt hatte. Es ist ein erstaunlicher Traum, weil er ganz einfach zeigt, wie selbst der schlimmste Feind sich in einen Freund verwandeln kann, wenn wir nur den Worten Jesu an seine Jünger glauben. Obwohl mein Vater mir immer wieder davon erzählt hatte, hat es mich erst vor kurzem überwältigt, wie relevant dieser Traum gerade in unserer Zeit, jetzt und heute ist:

"Letzte Nacht erschien mir Hitler im Traum. Er versuchte, ein Bild, das ich gemalt hatte, mit seinen Farben zu überstreichen, und er sagte mir, er könnte das besser malen als ich. Dann setzte er sich und ich sagte: "Mein lieber Adolf, das kann nicht mehr lange gut gehen, selbst du kannst dich doch nicht weiter an diesem Töten freuen." Dann fragte er mich, was ich über den Krieg denke. Ich antwortete ihm: "Wir halten ganz fest an der Kriegsdienstverweigerung, denn Töten ist in jedem Fall gegen die Liebe." Da machte er ein sehr ärgerliches Gesicht.

Das Schöne an diesem Traum war, dass ich eine wirkliche Begegnung von Herz zu Herz mit ihm hatte. Ich hatte kein bisschen Angst. Und vielleicht wird dieser Traum eines Tages wahr. Denn wir müssen stets bemüht sein, dass unsere Feindesliebe so Ausdruck findet, dass sie wirklich ihre Herzen erreicht. Denn nur das ist Liebe. Und wenn wir das Herz erreichen, werden wir dort den Funken Gottes treffen, selbst wenn es sich um den schlimmsten Verbrecher handelt.

In diesem Sinn muss Vergebung für unsere Feinde zur Macht kommen, genauso wie Jesus für die Soldaten betete, die ihn ans Kreuz nagelten. "Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Das ist heute noch so gültig wie damals: denn sie wissen nicht, was sie tun."

Präsidenten und andere Weltherrscher sollten sich die Worte Jesajas zu Herzen nehmen - und auch den Traum, den mein Großvater hatte. Denn beide bringen die gleiche Botschaft zum Ausdruck, nämlich dass sich unsere Herzen ändern müssen, dass die krummen Wege und alle Unebenheiten begradigt werden.

In unseren Herzen müssen die Täler erhöht und die Berge des Stolzes und der Arroganz erniedrigt werden. Dann werden alle Gewalt und Kriege aufhören, und das kommende Reich Gottes wird alle und alles miteinander versöhnen. Tod und Krankheit werden überwunden. Jesus wird erhöht und alle Menschen zu sich ziehen, und die Herrlichkeit Gottes wird offenbar werden. Das ist die Adventsbotschaft.


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Quelle: Der Bruderhof

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