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28-06-05

Johann Christoph Arnold: Vergebung leben - Freiheit erfahren

Vor manch einem Gedanken bleibt man in Ratlosigkeit stehen, namentlich beim Anblick der Sünden des Menschen, und man fragt sich: "Soll man es mit Gewalt anfassen, oder mit demütiger Liebe?"

In dem bekannten Abschnitt der Evangelien, der Bergpredigt, lehrt uns Jesus, unsere Feinde zu lieben - die zu "segnen", die uns fluchen.

Viele Leute missbilligen eine solche Haltung als selbstzerstörerische Torheit. Wie und weshalb sollten wir jemanden "umarmen", der uns verletzen oder gar töten möchte? Warum nicht in Notwehr kämpfen?


Durch James Christensen, Prior eines Trappisten-Klosters in Rom, hörte ich vor kurzem eine ungewöhnliche Geschichte über jemanden, der seinen Verfolgern nicht nur vergeben hat, sondern dies tat, noch bevor das Verbrechen überhaupt begangen wurde. Im Mai 1996 kidnappte die GIA, eine radikal-islamische Gruppe aus Algerien, sieben Mitglieder von James` Trappisten im Atlas-Gebirge und drohte, sie als Geiseln gefangen zu halten, sollte Frankreich nicht bereit sein, mehrere ihrer gefangenen Landsleute frei zu lassen.
Als die französische Regierung sich weigerte, schnitten sie den Mönchen die Kehle durch. Ganz Frankreich war entsetzt und alle katholischen Kirchen in Frankreich ließen zum Gedenken an die Mönche ihre Glocken zugleich läuten. Was mich am meisten an der Geschichte beeindruckt hat, ist etwas, das ihr zwei Jahre still vorausgegangen war. Der Prior des algerischen Klosters Cherge hatte eine ungewöhnliche Vorahnung, dass er bald eines gewaltsamen Todes sterben würde, und er schrieb einen Brief, in dem er seinen zukünftigen Mördern vergab. Er versiegelte den Brief und überließ ihn seiner Mutter in Frankreich. Erst nach seinem Tod wurde er geöffnet. In einem Teil heißt es wie folgt:


Falls es eines Tages geschehen sollte - und das könnte heute sein - dass ich ein Opfer des Terrorismus werde, der jetzt alle in Algerien lebende Ausländer zu bedrohen scheint, möchte ich, dass meine Gemeinde, meine Kirche, meine Familie, daran denken, dass mein Leben für Gott und für Algerien gegeben wurde; und dass sie akzeptieren, dass dies nicht ohne das Wissen des Herrn über das Leben geschah.
Ich wünsche mir, wenn es so weit ist, einen Raum der Klarheit zu finden, der es mir ermöglicht, Gott und meine Mitmenschen um Vergebung zu bitten, und zugleich aus ganzem Herzen demjenigen zu vergeben, der mich niederstrecken wird.
Ich wünsche mir einen solchen Tod nicht; es scheint mir wichtig, diese Aussage zu machen: Wie könnte ich Freude daran haben, wenn das algerische Volk, das ich liebe, ohne Unterschied für meinen Mord angeklagt würde?
Mein Tod wird scheinbar diejenigen bestätigen, die mich voreilig als naiv oder idealistisch beurteilt haben: "Jetzt soll er uns sagen, was er davon hält!" Aber sie sollten wissen, dass ich Gott für dieses verlorene Leben danke. In diesem "Danke", gesprochen für alles, was noch in meinem Leben sein wird, schließe ich auf jeden Fall dich, meinen Freund der letzten Minute, ein, der du wahrscheinlich nicht weißt, was du tust - Ich befehle dich dem Gott an, in dessen Antlitz ich deines erkenne. Und mögen wir uns, wenn Gott, unser beider Vater es will, im Paradies als demütige Sünder wiederfinden, wie einer der beiden Schächer am Kreuz.


Wie so viele auf beiden Seiten des arabisch-israelischen Konfliktes, hatte auch Bishara Awad, ein palästinensischer Bekannter, Ungerechtigkeit zu erdulden. Als er neulich über seinen lebenslangen Kampf sprach, vergeben zu können, erzählte er mir Folgendes:


1948 starben während des grausamen Krieges zwischen den Arabern und den jüdischen Siedlern tausende von Palästinenser und noch mehr wurden heimatlos. Unsere Familie blieb nicht verschont. Mein Vater wurde von einer Streukugel tödlich verletzt; es gab keinen geeigneten Platz für das Grab. Keiner konnte das Gebiet verlassen wegen der Gefahr, von beiden Seiten beschossen zu werden; es gab keinen Priester und keinen Geistlichen, um ein Gebet zu sprechen. Also las Mutter uns aus der Bibel, und die anwesenden Männer beerdigten meinen Vater im Hof. Es gab keine Möglichkeit, ihn in die Stadt zum Friedhof zu bringen.
Mutter wurde auf diese Weise mit neunundzwanzig Jahren Witwe und blieb mit sieben Kindern zurück. Ich war erst neun Jahre alt. Wochenlang hielt uns das Kreuzfeuer gefangen und wir konnten unseren Kellerraum nicht verlassen. Dann zwang uns die jordanische Armee eines Nachts, in die Altstadt zu flüchten. Damals sahen wir unser Haus und unsere Möbel zum letzten Mal. Wir flüchteten mit nichts als unseren Kleidern am Leib, einige von uns in Schlafanzügen.
In der Altstadt waren wir Flüchtlinge. Wir wurden in einem alten Lagerraum für Kerosin untergebracht, wo es keine Möbel gab. Eine muslimische Familie gab uns einige Decken und etwas zum Essen. Das Leben war sehr schwer. Ich erinnere mich noch an Abende, an denen wir ohne Essen schlafen gingen.
Mutter hatte eine Ausbildung als Krankenschwester und sie fand eine Stelle im Krankenhaus, für 25 Dollar im Monat. Sie arbeitete nachts, tagsüber lernte sie für ihre Weiterbildung. Wir Kinder kamen in Waisenhäuser.
Meine Schwestern wurden in einer muslimischen Schule aufgenommen und uns Jungen brachte man in einem Heim unter, das von einer britischen Frau geleitet wurde. Für mich war das ein harter Schlag. Erst hatte ich meinen Vater verloren, und nun wurde ich von meiner Mutter und meiner Familie getrennt. Wir durften einmal im Monat nach Hause; ansonsten lebten wir in den nächsten zwölf Jahren in dem Waisenhaus für Jungen. Hier musste ich weiter leiden, zusammen mit zwei Brüdern und achtzig anderen Jungen. Wir hatten nie genug zu essen. Das Essen schmeckte scheußlich und die Behandlung war hart.


Als Erwachsener besuchte Bishara die Schule in den Vereinigten Staaten und wurde amerikanischer Staatsbürger. Später kehrte er nach Israel zurück und nahm eine Stelle als Lehrer in einer christlichen Schule an. Rückblickend sagt er:


Im ersten Jahr war ich sehr enttäuscht und unzufrieden. Ich erreichte nicht viel und ich fühlte mich besiegt. Der Hass gegen die jüdischen Unterdrücker war groß: meine Schüler waren Palästinenser und alle hatten in der gleichen Weise gelitten wie ich. Ich konnte meinen Schülern wegen des maßlosen Hasses in mir nicht helfen. Ich hegte ihn seit meiner Kindheit, ohne es überhaupt zu merken.
Eines nachts betete ich unter Tränen zu Gott. Ich bat um Vergebung, weil ich die Juden hasste und weil ich erlaubt hatte, dass der Hass mein Leben bestimmte. Sofort erfuhr ich Befreiung von meiner Unzufriedenheit und von meinem Hass; stattdessen erfüllte mich Liebe.


In einer Kultur, die Selbsterhaltung und Individualismus überbetont, wird über Vergebung gewöhnlich gespottet, so dass die meisten Leute nie innehalten, um zu überlegen, was Vergebung für ein Potential hat, solche Wunden zu heilen, wie sie von Bishara beschrieben wurden. Doch sie bedenken auch nicht die Früchte ihres Gegenteils, nämlich der Bitterkeit.
Naim Ateek, ein bekannter palästinensischer Priester aus Jerusalem, dessen Vater 1948 seinen ganzen Besitz an die israelische Armee verloren hatte, sagt Folgendes:


Wenn Leute hassen, nimmt sie der Hass gefangen und sie werden ganz davon verzehrt. Hört nicht auf, den Hass und die Bitterkeit zu bekämpfen. Zeitweise werdet ihr die Übermacht haben, zeitweise werdet ihr euch niedergeschlagen fühlen. Auch wenn es äußerst schwierig ist, lasst es niemals zu, dass der Hass euch ganz überwältigt.
Hört nie auf, bestrebt zu sein, das Gebot der Liebe und der Vergebung zu befolgen. Lasst die Kraft der Botschaft Jesu nicht verwässern; weicht ihr nicht aus; lehnt sie nicht als unwirklich und unpraktisch ab. Passt sie nicht eurem Maß an, in dem Versuch, sie besser anwendbar zu machen für das reale Leben in der Welt. Ändert sie nicht, so dass sie euch besser passt. Bewahrt sie, wie sie ist, richtet euer Bestreben und Verlangen nach ihr und setzt euch ein für ihre Erfüllung.


Weit davon entfernt, uns zu schwachen und verletzlichen Menschen zu machen, ist Vergebung stärkend, sowohl für die Person, die Vergebung schenkt als auch für die, die sie empfängt. Sie bringt echte Annäherung in die schwierigsten Verhältnisse und erlaubt uns, die Rätsel der Vergeltung und der menschlichen Gerechtigkeit beiseite zu legen und den wahren inneren Frieden zu erleben. Schließlich setzt sie eine positive Kettenreaktion in Bewegung, die die Früchte unserer Vergebung an andere weitergibt.

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Ein Artikel von www.Glaube.de
Quelle: Der Bruderhof - mit freundlicher Genehmigung für Glaube.de.
Diese und weitere Geschichten von Menschen, die Fürchterliches erleben mussten und dennoch vergeben konnten, finden sich in Johann Christoph Arnolds Buch: Vergebung leben - Freiheit erfahren
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