Pastor Karl-Heinz Espey: Weil sie es uns wert sind – Wertevermittlung in der Familie

So wird derjenige, der Krieg für ein ungeeignetes Mittel zur Wahrnehmung eigener Interessen hält, den Kriegsdienst verweigern. Wer ja sagt zum ungeborenen Leben, wird Abtreibung als Instrument der Familienplanung ablehnen. Wer seine Beziehungen auf Vertrauen gründen wll, wird sich um einen glaubwürdigen Lebensstil bemühen usw. Unser Denken wird in unseren Herkunftsfamilien geprägt. Aufgrund der verbalen wie nonverbalen Botschaften, die wir dort von Kindesbeinen an aufnehmen, entwickeln wir Lebensgrundüberzeugungen, die sich wie ein roter Faden durch alle Bereiche unseres Lebens ziehen. Daraus folgt, dass das erste Ziel aller Erziehung die Charakterbildung, die Prägung junger Menschen ist, nicht etwa die Vermittlung umfangreichen Wissens. Da die Kultur der Beliebigkeit Menschen nicht prägt, sondern verunsichert, kommt der Vermittlung von Werten eine große Bedeutung zu. Eltern und Gemeinde tun also gut daran, ihre Werte so zu vermitteln, dass Kinder sich zu innerlich gefestigten Persönlichkeiten entwickeln können, die in der Lage sind, gesellschaftliche Entwicklungen zu beurteilen, einzuordnen und ihr Leben selbstbewusst zu gestalten. Es wäre unsinnig, weil unrealistisch, die Kultur der Beliebigkeit überwinden oder sich auf eine Insel der Glückseligen flüchten zu wollen. Stattdessen gilt es, unsere Kinder fit zu machen für ein Leben in diesem gesellschaftlichen Klima; mit all den Gefahren und Chancen, die ihnen darin begegnen. Eine moralisierende Erziehung, die alles schwarz-weiß malt, macht Menschen eng und ängstlich. Einem Kind lediglich zu sagen, was es darf und was nicht, macht es unmündig und abhängig.
Hingegen atmet eine Erziehung, die sich an Gott bzw. Jesus Christus orientiert, Weite und Lebensfreude, zumal Gott weder ein Diktator noch ein Spielverderber ist. Eltern und andere Erzieher lassen sich von der Frage leiten: Was baut Kinder auf, was macht sie stark, was motiviert sie, das Gute und Richtige für sich selbst und für andere anzustreben? Schließlich wollen wir doch alles in unserer Macht Stehende tun, dass sich unsere Kinder zu selbständigen, urteilsfähigen, umsichtigen, leistungsbereiten, verantwortungsbewussten Persönlichkeiten entwickeln können, die gerne in dieser Welt leben, ohne sich von deren destruktiven Gesetzmäßigkeiten und Trends beherrschen zu lassen.
Wir brauchen Werte
Dazu brauchen sie und wir Werte. Werte, die ich gerne vermitteln möchte, müssen zwei Kriterien erfüllen: Sie müssen zeitlos sein, sozusagen erhaben über Zeitströmungen, Trends und Stimmungen. Ebenso über menschliche Willkür, die dazu neigt, den Lebensstil und -rahmen nach eigenem Gutdünken abzustecken. Werte, die dieses Kriterium nicht erfüllen, nötigen uns, unseren Standort ständig neu festzulegen und unseren Lebensstil zu verändern. Wir schwanken wie das Rohr im Wind und riskieren, vom Wind der ständigen Veränderungen geknickt zu werden.Sie müssen tragfähig sein – für den Einzelnen sowie für das gemeinsame Leben in der Ehe, Familie und Gemeinde, in der Arbeitswelt und Gesellschaft. Ideen darüber, wie individuelles und gemeinsames Leben gelingen können, gibt es in Hülle und Fülle; z. B.: „Geiz ist geil!“ Oder: „Haste was, dann biste was!“ Aber sie tragen uns nicht und fördern weder das individuelle noch das gemeinsame Leben Von diesen Kriterien ausgehend, komme ich fast automatisch zu den christlichen Werten, denn hinter ihnen steht der ewige und über alle Zweifel erhabene Gott, der genau weiß, wie Leben gelingt und uns darüber in seinem Wort Auskunft gibt. Zu den christlichen Werten zähle ich Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst, Vertrauen, Dankbarkeit, Opferbereitschaft, Achtung der Person, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein, Gehorsam, Leistungsbereitschaft, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Selbstdisziplin, Anerkennung von Autorität u. a. Sie zu vermitteln ist zuerst Aufgabe der Familie, dann aber auch der christlichen Gemeinde.
Die Familie als Ort der Wertevermittlung
Die Familie als Lebensschule ist durch keine andere Institution zu ersetzen. Sie gibt dem Einzelnen sehr viel mehr als nur Gemeinschaft. Diese können wir auch im Verein, in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Gemeinde finden. Familie ist vor allen Dingen der Ort der Geborgenheit, an dem ich mich angstfrei bewegen, öffnen und entfalten kann. Die Eheleute und Eltern als Achse der Familie sind dafür verantwortlich, dass das gemeinsame Leben in dieser Spur verlaufen kann. Dabei müssen sie wissen, dass sie nicht immer zum gewünschten Ziel kommen, da Kinder recht unterschiedlich auf die Erziehung ihrer Eltern reagieren. Außerdem ist nicht jedes Erziehungsmittel für jedes Alter und jedes Kind geeignet. Aber in jedem Fall prägen die Eltern durch ihr Vorbild; sie sind so etwas wie Modelle, die Kinder nachahmen oder auch ablehnen. Somit werden auch Wertvorstellungen i. d. R. durch den Lebensstil der Eltern vermittelt. Die stärkste erzieherische Wirkung auf die Kinder aber hat die Art und Weise, wie Eltern miteinander reden und umgehen – als Partner, als Liebende, als Freunde. Deshalb ist es unerlässlich, dass sie bewusst leben, damit ihre Werte für die Kinder erkennbar werden. Eltern, die sich von ihren Stimmungen und Launen leiten lassen, vermitteln Un-Werte; ebenso Eltern, die unterschiedliche Werte haben. Das bedeutet nicht, dass sie immer einer Meinung sein müssen, sondern sich im Gespräch verabreden, für welche Werte sie einstehen wollen und den besten Weg für ihre Kinder suchen.
Dass der elterliche Umgang die Werte der Kinder prägt, gilt auch und gerade für die Sexualität – im Positiven wie im Negativen. So haben laut Statistik die Frauen, die ein erfülltes Sexualleben haben, auch häufig Mütter, denen es ebenso erging, und sexuell missbrauchte Kinder und Jugendliche werden oftmals im Erwachsenenalter zu sexuellen Straftätern. Paulus mahnt in 1. Korinther 7 (Vers 3f) die Gleichberechtigung im sexuellen Umgang der Ehepartner an. Nach 1. Thessalonicher 4 (Verse 1–8) soll der Mann seine sexuellen Bedürfnisse gegenüber seiner Frau nicht übergriffig ausagieren. In dem Maße, wie ein Paar diese Werte lebt, prägen sie sich bei ihren Kindern ein, gleichgültig wie viel sie tatsächlich davon mitbekommen. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder als Erwachsene so mit dem anderen Geschlecht umgehen – auch im sexuellen Bereich –, wie sie es zu Hause gelernt haben, obwohl sie mit expliziten sexuellen Handlungen gar nicht konfrontiert wurden. Wayne Dosick schreibt in seinem Buch „Kinder brauchen Werte“ (Scherz Verlag 1996): „Es zeigt sich, dass Erziehung zu Werten ganz früh und mit kleinen Dingen beginnt, dass sie aus wirklich alltäglichen, einfachen, scheinbar selbstverständlichen Verhaltensweisen besteht, die wir alle kennen.“ Leider machen sich viele Eltern darüber kaum Gedanken und leben einfach in den Tag hinein. Zahlreiche Eltern sind im Umgang mit ihren Kindern verunsichert. In Büchern, Zeitschriften, Vorträgen und Seminaren werden massenweise Erziehungskonzepte angeboten. Sie hinterlassen häufig ein Gefühl der Inkompetenz oder sie machen Angst, Entscheidendes versäumt und als Eltern versagt zu haben. Eltern tun sich selbst und ihrem Kind den größten Gefallen, wenn sie echt sind – nicht zuletzt in der Vermittlung ihrer Werte. Damit meine ich, dass sie es tunlichst vermeiden sollten, ihm etwas vermitteln zu wollen, was sie selbst nicht verkörpern bzw. leben, zum Beispiel Ehrlichkeit. Ein Vater beklagt sich bei einem Freund darüber, dass sein 9-jähriger Sprössling ständig lügt. In dem Moment kommt der Junge ins Zimmer und sagt: „Papa, Telefon für dich.“ Darauf der Vater. „Sag bitte, dass ich nicht da bin.“ – Wer sein Kind zur Pünktlichkeit erziehen möchte, selbst aber keine Zeitstruktur hat, darf sich nicht wundern, wenn es öfter etwas versäumt, weil es zu spät kommt. „Begriffe ohne Anschauung sind leer.“ Dieser Satz von Kant gilt mit Sicherheit auch für die Wertevermittlung der Eltern an ihre Kinder. Was Kinder an ihnen sehen, wirkt viel nachhaltiger als das, was sie von ihnen hören. Sie sind darauf angewiesen, konkretes Anschauungsmaterial im Leben der Eltern zu haben und nicht nur noch so richtige Worte. Kinder wollen ihre Eltern beim Wort nehmen, deshalb sind Eltern gut beraten, die Werte, die sie lehren, auch zu leben. Vorleben hat nichts mit Perfektsein-Müssen zu tun. Eltern dürfen Fehler machen, sie gegenüber ihren Kindern zugeben und, wo nötig, um Entschuldigung bitten. Nicht diejenigen Eltern leiden an Glaubwürdigkeits- und Autoritätsverlust, die zu ihren Fehlern stehen, sondern diejenigen, die sie unter den Teppich kehren wollen. Sie vermitteln ihren Kindern den Un-Wert des Perfektionismus oder der Selbstrechtfertigung. Dabei müsste gerade uns Christen bewusst sein, dass wir weder perfekt sein, noch eine weiße Weste haben müssen, sondern trotz unseres Fehlverhaltens Gottes geliebte Kinder sind. Eltern, die diesen Wert verkörpern, schaffen in ihrer Familie ein offenes, aufrichtiges Klima, das Kindern die Möglichkeit eröffnet, Fehler zu machen und dazu zu stehen, anstatt sich in Heimlichkeiten und Heuchelei zu flüchten.
Ein weiterer Aspekt ist mir für die Wertevermittlung in der Familie wichtig: Werte dürfen nicht nur genannt, sozusagen gepredigt, sondern müssen auch durchgesetzt werden. Sie sind vergleichbar mit den Regeln im Straßenverkehr. Wenn sie nicht beachtet werden, bricht das Chaos aus. Jeder sucht seinen eigenen Weg – aber längst nicht alle kommen ans Ziel. Insofern ist bei der Wertevermittlung Konsequenz geboten, weil Inkonsequenz jeden Wert zum Sterben verurteilt. Unter konsequenter Wertevermittlung verstehe ich, dass Kinder die Folgen ihres Tuns – somit auch ihres Fehlverhaltens – spüren. Damit bieten wir ihnen eine ehrliche Möglichkeit, aus ihren Fehlern zu lernen. Der Gedanke, ihr Kind den Folgen seines falschen Verhaltens zu überlassen, ist für viele Eltern nicht vorstellbar. Was könnte dabei nicht alles passieren! Deshalb federn sie oft die logischen Konsequenzen ab, wobei sie sich allerdings nicht klar machen, dass sie auf diese Weise ihr eigenes Erziehungsziel aushebeln, indem sie ihren Kindern die Aneignung wichtiger Werte vorenthalten. Die innerfamiliäre Wertevermittlung ist keineswegs mit dem Ende des Kleinkindalters abgeschlossen, sondern wird von den älter werdenden Kindern in der Pubertät besonders intensiv hinterfragt und auf den Prüfstand gestellt. Je älter sie werden, desto größer wird ihr Aktionsradius und desto häufiger werden sie mit Werten konfrontiert, die denen ihrer Eltern nicht entsprechen. Dann ist es wichtig, dass sich Eltern der Diskussion oder auch dem Konflikt mit ihren heranwachsenden Kindern stellen und sie ernst nehmen. Sätze wie: „Darüber lasse ich nicht mit mir reden“, oder: „Und so was haben wir großgezogen“ signalisieren dagegen einen Mangel an Interesse und Wertschätzung oder auch Unsicherheit, die als Unfähigkeit der Eltern gedeutet wird, ihre Werte angemessen zu kommunizieren.
Ebenso wichtig ist es, gegensätzliche Standpunkte zu ertragen, ohne dass der eine die Wertschätzung des anderen einbüßt. Gut, wenn Eltern in dieser Umbruchphase, in der ihre Kinder den eigenen Weg suchen und eigene Werte entwickeln, im Umgang mit ihnen liebevoll und klar sind. Auf diese Weise geben sie ihnen Halt und Orientierung. Die Werte, die wir unseren Kindern vermittelt haben, können deren eigene Werte werden, nachdem sie diese mit anderen Werten verglichen und für gut befunden haben.
Eltern erleben auch, dass sie an ihren richtigen Vorsätzen scheitern. Sei es, dass sie inkonsequent sind, aggressiv werden oder autoritär zu Werke gehen. Hier zu resignieren hilft aber niemandem – am wenigsten den Kindern. Stattdessen dürfen sie die Vergebung Gottes in Anspruch nehmen und glauben, dass er das Fehlverhalten im Umgang mit ihren Kindern vergibt und so die Voraussetzung schafft, die Fäden erneut aufnehmen zu können. Erlebte Vergebung verleiht Eltern neue Kraft und Zuversicht, so dass sie gestärkt – trotz einer Kultur der Wahl, der sich keiner vollends entziehen kann – ihren Kindern zeitlose, tragfähige Werte vermitteln können. Auf dieser Basis können junge Menschen zu eigenständigen, urteilsfähigen, verantwortungsbewussten, liebesfähigen Persönlichkeiten heranwachsen.
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Ein Artikel von www.glaube.de
aus der Zeitschrift: NACHFOLGE 4 08-09.2006
Veröffentlichungen bedürfen der vorherigen Genehmigung der Autoren.
Autorin: Pastor Karl-Heinz Espey, mit freundlicher Genehmigung:
Stiftung Weltweite Kirche Gottes in Deutschland
Pastor Karl-Heinz Espey ist Geschäftsführer des Weißen Kreuzes Foto: sxc.hu
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