Siegfried Müller: Jesu Gebetskampf in Gethsemane

Die Bibel berichtet in Mt 26,36-39, wie der Herr Jesus nach dem Abendmahl,
das er einige Stunden zuvor im Obersaal mit seinen Jüngern feierte, aufstand und mit ihnen durch das Kidrontal zum Garten Gethsemane ging. Die Bibel sagt: „Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hier, solange ich dorthin gehe und bete. Und er nahm
mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern
und zu zagen. Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir! Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“
Niemand kann diesen Bericht aus dem Garten Gethsemane lesen, ohne
zu merken, dass er im Geiste heiliges Land betritt. Wie bereits zuvor erwähnt, saß Jesus mit seinen Jüngern beim letzten Abendmahl, dem Passahfest, in jenem Saal zusammen, wo einige Tage später, nach der Himmelfahrt Jesu, am ersten Pfingsttag, die 120 Christen mit dem Heiligen Geist erfüllt wurden.
Einige Verse zuvor berichtet die Bibel, wie Jesus seine Jünger zum Abendmahl, dem Passahfest, einlud. Das gesamte Passahfest dient in erster Linie dem Gedenken an die Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens. „Passah“ – heißt „Vorübergehen“ und erinnert an das Vorübergehen des Herrn, als er alle Erstgeburt in Ägypten schlug (2 Mose 13,15). Der Talmud beschreibt dieses Gedenken so: „Er hat uns aus der Knechtschaft zur Freiheit geführt, aus Kummer zur Freude, aus der Trauer zum Fest, aus der Finsternis in großes Licht und aus
der Sklaverei zur Erlösung.“ Zugleich aber gedachte man der künftigen messianischen Erlösung. Vor allem der messianische Psalm 118, mit dem man
die Passahfeier abschloss, richtete den Blick auf die Endzeit. - Wie Passah an
die Befreiung aus Ägypten erinnert, so gedenken wir im Abendmahl der
Erlösung und Befreiung von Sünden, die durch Jesu Tod geschehen ist.
Die Abendmahlsfeier war noch nicht ganz beendet, als Judas vom Tisch
aufstand, zu den Pharisäern ging und Jesus, seinen Herrn, dem er drei Jahre
nachgefolgt war, verriet. Judas hatte den römischen Soldaten wertvolle
Informationen liefern können, denn erst beim Abendmahl teilte Jesus den
Ort mit, an den er sich für diese Nacht begeben wollte.
Nachdem Judas aufgestanden und gegangen war, feierte Jesus mit den
Jüngern das Abendmahl zu Ende. Sie sangen den Lobgesang und gingen
dann aus dem Saal hinaus durch das Kidrontal in den Garten Gethsemane.
Gethsemane bedeutet so viel wie „Ölpresse“. Jesus kam also mit den
Jüngern an einen Ort, wo unter großer Last bzw. unter Druck Öl hervorge-
bracht wurde. Das ist ein wunderbares geistliches Bild, denn immer dann,
wenn eine außergewöhnlich große Bürde auf uns lastet, ist es wich-
tig, dass wir ebenso eine besondere Salbung benötigen. – Wir dürfen uns
nicht wundern, wenn auch wir oftmals vom Heiligen Geist in ähnliche
Situationen geführt werden, damit wir wie unser Herr heftiger beten, damit
das Öl zu fließen beginnt.
Jesus kam also mit den Jüngern an einen Ort, wo unter großer Last Öl frei-
gesetzt wurde. Er kam mit elf Jüngern; denn Judas war weg, um die römi-
schen Soldaten zu holen, die Jesus festnehmen sollten. Es waren also nur noch elf Jünger. Und dann heißt es, dass Jesus zu acht seiner Jünger
sagte: „Setzt euch hier, solange ich dorthin gehe und bete.“ Das ist hoch-
interessant, denn zu diesem Zeitpunkt waren die Jünger noch nicht erfüllt mit
der Kraft des Heiligen Geistes.
Dies war der Grund, weshalb er sie nicht in das Zentrum der „Ölpresse“
mitnehmen konnte, wo unter Last Salbung bzw. Vollmacht freigesetzt
wird. Sie blieben am Eingang bzw. an der Seite, während er um eine
besondere Salbung betete, damit er für die bevorstehenden Stunden mit
Kraft ausgerüstet wurde. Ich frage mich, was wohl diese acht Jünger
am Toreingang des Gartens gemacht haben mögen? Hatten sie sich schlafen gelegt oder sich über belanglose Dinge unterhalten? Gebetet haben sie
anscheinend nicht.
Aber drei, denen Jesus besonders vertraute, es waren Petrus, Johannes
und Jakobus, die nahm er mit. Sie durften ein Stück weiter in diesen Garten mit hineinkommen, der „Ölpresse“ heißt. Lasst uns Jesus auch dahin begleiten, wo unter großer Last Öl freigesetzt wird. Zu diesen drei Jüngern sagte er: „Bleibt ihr hier und betet mit mir, denn ich brauche unter diesen Herausforderungen,
die auf mich zukommen, eure Gebetsunterstützung.“
Nun schreibt Lukas, dass es eine weitere, eine dritte Etappe gab: Dort also
die acht Jünger – hier die drei Jünger – und dann gab es eine dritte Etappe,
die aber Jesus ganz allein ging. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es
im Reich Gottes Wege gibt, die jeder ganz allein zu gehen hat; wo wir zwar
andere um Gebetsunterstützung bitten, sie aber nicht mehr mitkönnen.
– Gott braucht Männer und Frauen, die den letzten Weg auch noch gehen. Jesus ging uns den Weg voraus und wir sollen in seinen Fußstapfen wan-
deln.
Christus, unser Herr, war im Zentrum der „Ölpresse“. Er stand unter Druck,
denn er wusste, dass es galt durchzuhalten, damit er das Erlösungswerk,
mit dem er von seinem Vater beauftragt war, siegreich vollenden werde.
Die ganze Hölle machte sich gegen ihn auf. Außer Golgatha und vielleicht nach
dem 40-tägigen Wüstenaufenthalt, als ihn hungerte, waren dies wohl die
schwersten Stunden, die Jesus durchstehen musste. An keiner Stelle lesen
wir, dass Christus sonst eine härtere Prüfung hatte, denn nirgends heißt es,
dass sein Schweiß wie Blutstropfen auf die Erde fiel. Wie hart diese Prüfung
war, sehen wir auch darin, dass er dreimal betete. Er betete und betete,
denn es war ihm ein besonders großes Anliegen, den Auftrag seines Vaters
bis ins kleinste Detail zu erfüllen.
Nun aber lesen wir in Johannes 10,17+18, dass Jesus Monate zuvor sagte: „Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, dass ich’s
wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich selber lasse es. Ich
habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wieder zu nehmen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater.“ Jesus sagt: „Niemand nimmt von mir mein Leben weg, denn niemand hat Autorität über mein Leben, sondern ich gebe es freiwillig hin. Ich habe Vollmacht, es zu lassen und ich habe sogar Vollmacht, es wieder zu nehmen.“
Das ist da einzige Mal, dass Jesus dies in alle Evangelien sagt. In aller Deutlichkeit betont er: „Ich habe Autorität und habe vom Vater Vollmacht, mein Leben als Sühne für die ganze Menschheit hinzugeben. – Aber ich habe auch
Vollmacht, es mir wieder zu nehmen. Diese Aussage ist sehr bemerkenswert, aber auch einzigartig.
Nun aber haben wir gleich am Anfan von einer Situation gelesen, wo Jesus
sein Leben hingeben sollte und infolg seines Zagens sehen wir nichts von
einer Vollmacht, wo Jesus gesagt hat dass er sie hätte, sein Leben zu geben
Es schien, als sei das Gegenteil der Fall. Sagte er doch in Vers 36 zu den
Jüngern: „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit
mir!“
Wie mag wohl der Herr von seinen Jüngern enttäuscht gewesen sein, die
seine Situation nicht erkannten, denn schließlich galt es für ihn, in jener
so entscheidenden Stunde nicht zu verzagen, damit der Erlösungsplan
des Vaters erfüllt werde. Da er der Menschensohn war, betete und betete
er, bis seine Seele durchgedrungen war, er Vollmacht hatte und das Öl
unter der schweren Last, die auf ihm lag, zu fließen begann. Er blieb so
lange vor dem Thron Gottes und betete durch, bis seine Seele überwunden
war vor dem Angesicht Gottes. Nach den drei Stunden, die er betete, war
seine Seele durch. Plötzlich war die Autorität da, das zu tun, wozu Gott
ihm die Vollmacht gegeben hatte.
Siegfried Müller
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Ein Artikel von Glaube.de mit freundlicher Genehmigung vom Missionswerk Karlsruhe www.missionswerk.de
Textbearbeitung: Jürgen Motzkus, ehrenamtlicher Redakteur bei www.glaube.de
Dieser Artikle ist in der Zeitschrift "Der Weg zur Freude" Ausgabe Nr. 9 vom März 2008 erscheinen.
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