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13-09-06

Ursula Kischkel: Der Schlüssel zur Gnade

Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. (Joh. 1,16).


Fülle - Gnade um Gnade! Das heißt, nicht nur ein bisschen, ab und zu ein wenig Gnade, sondern es hört sich eher wie ein Wasserfall an, unter dem ich stehe: Von seiner Fülle haben wir alle genommen, Gnade um Gnade.
Alles ist Gnade! Jeder Tag, den ich lebe, ist ein Geschenk von Gottes Gnade. Alle seine Liebe, die ich erfahre, alle seine guten Gaben sind Geschenke der Gnade.
In letzter Zeit bin ich darauf aufmerksam geworden, dass Gnade noch viel mehr ist, als Vergebung für meine Sünden zu erhalten. Natürlich, das ist der Kern der Sache, der Schlüssel für alle weiteren Gnadengeschenke. Hier öffnet sich das Tor für die Geschenke es Himmels. Aber ich glaube, Gottes Gnade ist viel weitreichender und umfassender, als wir oft denken. Und ein Lebensstil der Gnade verändert unser gesamte Art zu denken und zu leben! Ich bin selbst gerade dabei, das mehr zu entdecken und lade euch mit auf diese Entdeckungsreise ein.

Wie sieht ein Lebensstil der Gnade aus?
Man könnte es so überschreiben:
- Ich erwarte alles von Gott.
- Ich empfange alles von Gott.
- Ich lebe aus den unverdienten Geschenken Gottes.
- Zu seiner Ehre geschieht alles.
- Ihm gehört aller Dank.
- Aus Liebe zu ihm geschieht alles.

Leider ist es gar nicht selbstverständlich, als Christ in dieser inneren Haltung zu leben. Schon manches mal bin ich in das genaue Gegenteil hineingeraten: Ich strenge mich selbst kräftig an, weil ich denke, alles liegt entscheidend an mir (z.B. ein Seminar, das ich halte, gut zu machen) und wenn es dann gelingt, klopfe ich mir auch noch innerlich selbst auf die Schultern.
Aber wenn ich doch gebetet habe: Herr, du tust das Entscheidende und alles soll zu deiner Ehre sein, dann habe ich gespürt, welche innere Freiheit das bedeutet. Aus der Gnade Gottes zu leben.
Der Lebensstil der Gnade gilt natürlich nicht nur für Aufgaben, die ich für Gott tue, sondern ich glaube, es ist eine Haltung, die unser ganzes Leben bestimmen kann:
Jeder Tag ist ein Geschenk von Gottes Gnade Das, was ich bin, bin ich aus Gottes Gnade (meine Identität)
Alles Gute, was ich tun kann, was mir gelingt, ist Gnade ... (Frucht in meinem Leben)
Eine Definition von Gnade könnte heißen: Gnade ist alles, was wir unverdientermaßen von Gott geschenkt bekommen.
Gott stellt uns die Reichtümer des Himmels unverdientermaßen zur Verfügung, alles, was ihn ausmacht (Liebe, Wahrheit, Kraft, Weisheit, Barmherzigkeit ...) und alles, was wir brauchen.
Welche Gnadengeschenke bekommen wir von Gott?

Der Reichtum der Gnade wird ganz besonders in Epheser 1 beschrieben. Ja, man könnte sagen, es ist ein Lobpreislied auf die Gnade, die uns geschenkt wird (Hoffnung für alle): gemeinsam sprechen (als Dank!)
Lob und Dank sei Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er hat uns mit seinem Geist reich beschenkt, und durch Christus haben wir Zugang zu Gottes himmlischer Welt erhalten.
Schon vor Beginn der Welt, von allem Anfang an, hat Gott uns auserwählt. Wir sollten zu ihm gehören, befreit von aller Sünde und Schuld. Ja, seine eigenen Kinder sollten wir werden, durch seinen Sohn Jesus Christus. Das hat Gott schon damals aus Liebe zu uns beschlossen.
Darum wollen wir Gottes herrliche, unverdiente Güte rühmen und preisen, die wir durch Jesus Christus, seinen geliebten Sohn, erfahren haben. Denn durch das Sterben Jesu am Kreuz sind wir erlöst, sind unsere Sünden vergeben.
Und das verdanken wir allein Gottes unermesslich großer Gnade, mit der er uns so reich beschenkt hat. Ihr verdanken wir es auch, dass wir von Gottes Plan zu unserer Rettung erfahren haben und seinen Willen kennen.
Nachdem ihr diese Botschaft im Glauben angenommen habt, gehört ihr Gott und habt den Heiligen Geist, den er jedem Glaubenden zugesagt hat. Diesen Heiligen Geist hat Gott uns als ersten Anteil am himmlischen Erbe gegeben, das wir bekommen sollen.


Welche Gnadengeschenke bekommen wir also von Gott?
· Als Kinder Gottes leben zu dürfen, in der Gemeinschaft mit Gott, in der Liebesbeziehung zum Vater.
· Wir bekommen eine neue Identität und Würde: Tochter bzw. Sohn Gottes sein zu dürfen. Sein Eigentum zu sein.
· Vergebung der Sünden und Befreiung von den Folgen der Sünde (Strafe, Tod)
· Eine "neue Schöpfung" zu sein, ein neues Leben führen zu können (heilig und untadelig vor Gott zu leben)
· Die Gaben des Heiligen Geistes zu empfangen (charismata = Gnadengaben, charis = Gnade), z.B. Gottes Reden zu mir, seine Leitung
· Und damit auch alle "Frucht", die aus unserem Leben entsteht (die Jesus in mir tut).
· Erben zu sein, das ewige Leben bei Gott.
Gnade und Güte Gottes sind auch:
· Alle tägliche Versorgung an Nahrung, Kleidung; Bewahrung und Schutz, alles Schöne, das in seiner Schöpfung liegt, Musik, Lachen ...

Aus diesen unverdienten Gaben Gottes leben übrigens auch alle ungläubigen Menschen, die die Gnade der Erlösung noch nicht empfangen haben. Das ist gerade das Tragische, dass sie diese Gaben nicht als Gaben Gottes erkennen und ihm nicht dafür danken.
So eine Fülle von Gnade - ein riesiger Grund zur Freude!
Nur habe ich bei mir selbst festgestellt, dass sich meine Freude oft in Grenzen hält und mich die Gnade nicht so begeistert, wie sie eigentlich müsste. Wie kann das passieren? Vielleicht geht es ja anderen auch so.

Humanismus
Ich glaube, ein wesentlicher Grund liegt daran, dass wir auch als Christen oft vom Denken des Humanismus beeinflusst sind, der unsere Gesellschaft durch und durch prägt. Der Humanismus glaubt, dass der Mensch in seinem Kern gut ist und wenn er sich nur genügend anstrengt, es selber schafft, das Leben zu meistern, gut zu sein. Und wir möchten als Menschen ja auch so sehr selber gut sein und es selber schaffen. Ich merke, wie das auch in mir drin steckt. Denn das Selber-schaffen-wollen nährt unseren Stolz. Es hat mit der Grundsünde des Menschen zu tun: nämlich unabhängig von Gott sein zu wollen. Das zeigt sich in diesen Wörtchen "Selber", "Selbst", d.h. aus eigener Kraft, ohne Gott.
Es gibt zwar wirklich große Leistungen von Menschen, auch solche, die sich aufopferungsvoll für andere Menschen einsetzen, aber niemand kann sich deswegen vor Gott rühmen. Vielleicht vor anderen Menschen, aber nicht vor Gott.
Wenn ich aber denke, dass ich im Grunde ein ganz guter Mensch bin - halt mit ein paar Macken und Fehlern -, dann kann ich Gottes Gnade nicht wirklich begreifen. Denn wenn ich glaube, dass ich im Kern eigentlich gut bin und nur in einigen Punkten Korrektur und Vergebung brauche, dann bin ich gar nicht wirklich auf die Gnade Gottes angewiesen. Vielleicht denke ich dann sogar: Wegen mir hätte Jesus nicht sterben brauchen, das hätten wir auch irgendwie anders hingekriegt...
Ich glaube, dass wir das Ausmaß der Gnade nur dann verstehen, wenn wir das Ausmaß unserer Sünde begreifen. Sünde kommt im Deutschen von dem Wort Sund = Trennung.
Durch unsere Ichbezogenheit und das Unabhängig-von-Gott-sein-wollen, haben wir uns selbst von Gott, der Quelle des Lebens abgeschnitten. Gott hat mir das schon manches Mal gezeigt: Kreisen um das eigene Ich und mein eigenes Wohl - statt Gott von ganzem Herzen zu lieben; wo ich mir selbst und den menschlichen Möglichkeiten mehr vertraue als Gott, mein eigener Herr sein will ... .
Da spielt es nicht so die Rolle, ob ich mehr oder weniger brav in meinem Leben war. Trennung ist Trennung! Aber die gute Nachricht ist: Jesus hat diesen Graben für uns überbrückt durch sein Kreuz und uns wieder an die Quelle des ewigen Lebens angeschlossen und damit alle Reichtümer des Himmels für uns eröffnet.
Das darf ich mit ganzem Herzen annehmen. Die Gnade Gottes empfangen wir ja durch den Glauben. Glauben heißt nichts anderes wie Nehmen: Ja, ich nehme es an! Ich lebe aus seiner Gnade, komplett, durch und durch. Das ist mein Leben!

Wie wirkt es sich jetzt praktisch aus, wenn wir aus der Fülle der Gnade Gottes leben? Wie sieht der Lebensstil der Gnade aus?

1. Dankbarkeit als Lebenshaltung - statt Anspruchsdenken
Mein ganzes Leben, alles, was ich bin und habe, ist Gnade Gottes. Ich habe mein eigenes Leben nicht gemacht, sondern jeder Tag ist ein Geschenk aus seiner Gnade. Auch meine Begabungen und meine Kraft, so dass ich etwas lernen und arbeiten kann, sind nicht mein eigener Verdienst, sondern sie sind Geschenk Gottes.
Und auch das Gute, was mir im Leben widerfährt, habe ich mir nicht verdient. Manchmal habe ich mich schon bei dem Gedanken ertappt, dass es mir doch zustehen würde, dass Gott mir das, was ich mir so sehr wünsche, gibt, als ob ich ein Recht darauf hätte. Ich glaube, wir haben oft so ein Anspruchsdenken: Das merkt man an diesen Sätzen: "Ich komme zu kurz im Leben", "Jetzt bin ich aber mal dran" Gott beschenkt uns gerne, aber wir können nicht darauf pochen, als ob wir es verdient haben, z.B. durch unser christliches Engagement und durch die guten Dinge, die wir tun.
Kürzlich hat mich Gott darauf aufmerksam gemacht, dass es auch seine Gnade ist, dass er mich beschützt. Auch hier kann ich keinen Anspruch erheben, sondern es ist unverdient.
Gottes Gnade finden wir übrigens in seinen Verheißungen. In seinem Wort kann ich das finden, was mir Gott aus Gnade schenken will. Z.B. die Zusage "Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten Tag und Nacht."
Dankbarkeit: auch für die ganz kleinen Dinge: den frischen Salat + Gemüse im Kühlschrank, die langersehnte Sonne nach einem regnerischen August (auch auf die Sonne im August haben wir keinen Anspruch!), ein nettes Wort von jemandem... alles Gnade!

2. Gottes Gnade macht uns zu einem neuen Menschen
Jesus vergibt uns nicht nur unsere Schuld, sondern er macht uns auch zu einer neuen Schöpfung. Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden, heißt es in 2. Kor. 5,17.
Ich habe gemerkt, Gott lässt es manchmal zu, dass wir in einem bestimmten Lebensbereich an einen Punkt kommen, wo wir aus eigener Kraft nicht mehr weiterkommen und kapitulieren müssen: Ich kann mich hier nicht ändern! Ich komme hier nicht heraus! Eine bestimmte Angst, die mich gefangen hält, oder ein tiefsitzender Ärger und Groll, eine Sucht, eine Abhängigkeit, ein Verhaltensmuster, das mir selbst und anderen schadet, oder was auch immer es ist.
Jeder hat da vermutlich woanders seinen neuralgischen Punkt, an dem er immer und immer wieder kämpft. Bei mir sind es bestimmte Ängste, mit denen ich schon länger zu tun habe. Letztlich haben alle diese Schwierigkeiten mit unserem "alten Ich" zu tun, das wir nicht aus eigener Kraft überwinden können. Wir brauchen hier Gottes Gnade. Sie lautet: "Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir."
Nur Jesus, der in mir lebt (durch den Heiligen Geist) kann in mir überwinden und siegen, wo ich es selbst nicht schaffe. Das Selber-schaffen-wollen kann ja auch auf geistlichem Gebiet geschehen: Ich will so gern glaubensstark sein, vertrauen können, lieben können, mein Leben in Hingabe an Gott leben, Jesus mutig bekennen ... aber dann merke ich, dass ich das selbst alles nicht kann!
Auch den Glauben, die Liebe, die Hingabe an Gott bewirkt letztlich Jesus in mir. Das einzige, was ich dazu beitragen kann, ist, mich seinem Wirken zur Verfügung zu stellen, mich ihm zu öffnen. Herr, ich kann es nicht, aber wirke du es in mir!
Ein sehr ernüchternder, aber befreiender Satz lautet: Ich bin nicht gut, aber Jesus in mir ist gut. Da wird auch jeder Stolz gekippt, ich lebe ganz aus der Gnade Gottes.

Wie geht es jetzt praktisch, wenn ich an eine Situation komme, in der ich Jesus als Überwinder in mir brauche?
Dass ich mir bewusst mache, dass Jesus für jede Situation "ausreicht", dass er "genügt", dass er stark genug ist, um in mir zu überwinden. Er ist jeder Situation gewachsen. Es in schlichtem Glauben annehmen.
W. Ian Thomas schreibt in seinem Buch "Christus in dir": "Sein Leben in dir ist für alles ausreichend. Wird es jemals eine Last, eine Not ein Problem, eine Verantwortung oder irgendeine Versuchung geben können, die zu groß und zu mächtig wäre für den Herrn Jesus Christus? Wenn Er der wahre Gott ist, niemals!"
So sagt es auch die Bibel:
1.Johannesbrief: Er, der in mir ist, ist stärker als der, der in der Welt ist. (d.h. der Feind Gottes) und in Rö 8,37 heißt es: Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat.
Und dann kann ich schlicht beten: "Danke, Jesus, dass du jetzt in mir überwindest. Ich kann es nicht, aber du kannst es. Ich erwarte jetzt alles von dir. Du siegst in mir. Der Kampf ist schon gewonnen. Ich überlasse mich vollständig dir und deinem Wirken in mir. Du tust alles - und ich erwarte es und glaube es. Du allein bist meine Hoffnung."
Dieses Gebet ist kein innerer Kampf oder Selbermachen mehr, sondern so, wie wenn wir unsere leeren Hände füllen lassen oder unseren Kopf vertrauensvoll an Jesus anlehnen, uns ihm hinhalten.
Manchmal ist das aber auch ein längerer Prozess, in dem uns Jesus Stück für Stück aufzeigt, welche Blockaden in uns sind. D.h. nicht mit einem Gebet ist alles weg, sondern wir bleiben an Jesus dran und er führt uns Schritt für Schritt weiter in das neue Leben hinein. Aber in dem Vertrauen:
Er tut das Entscheidende, ich überlasse mich seiner Führung und gehorche ihm, es ist nicht mein eigener Kampf. Es ist seine Gnade in mir. Darauf vertrauen, dass Christus in mir lebt, heißt, in der völligen Abhängigkeit zu ihm zu leben, mich ganz auf ihn zu verlassen.

Vielleicht ist euch jetzt auch ein Lebensbereich eingefallen, in dem ihr euch wünscht, dass Jesus in euch überwindet. Es besteht nun die Möglichkeit, das praktisch werden zu lassen:
-Jesus, ich glaube, dass du für diese Situation ausreichend bist.
-Jesus, ich überlasse mich deinem Wirken in mir. Danke, dass du in mir siegst.
-Was möchtest du mir als nächsten Schritt zeigen?

Ein passender Liedvers lautet: "Herr, ich komme zu dir, suche die Veränderung, die deine Gnade schafft, mit der du mich füllst. Du nimmst die Schwäche fort, nimmst weg, was dir im Wege steht. Herr, du erneuerst mich, durch die Kraft deiner Liebe. Halt mich fest, ganz fest in deiner Liebe. ..."

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Ein Artikel von www.glaube.de
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Genehmigung der Autoren.
Eingereicht von der Autorin: Ursula Kischkel, theologische Mitarbeiterin
im Wörnersberger Anker, www.ankernetz.de
Foto: www.gebetswaechter.de
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