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19-07-04

Harald Sommerfeld: Geschehe, Wille Gottes!

Auf den Artikel "Der Schiedsrichter" gab es zahlreiche Reaktionen, unter anderem eine Rückfrage eines Lesers, die zu einer Vertiefung der Frage führte, was Gebet eigentlich ist und welche unterschiedlichen Arten von Gebet es gibt.
Harald Sommerfeld hat eine Antwort für diesen Leser geschrieben, die ich inhaltlich so wertvoll fand, dass wir sie in Absprache mit dem Autor und unter Weglassung der Daten des Fragenden auf Glaube.de veröffentlichen. In dieser Antwort werden Fragen behandelt, die immer wieder im Zusammenhang mit dem Gebet und der Vollmacht auftauchen.


Ich habe den Brief (mit Zustimmung von Harald Sommerfeld) behutsam redaktionell bearbeitet, um der Form eines Artikels möglichst nahe zu kommen. Ich würde den Lesern sehr empfehlen, den Text "Der Schiedsrichter" zu lesen, falls er ihnen noch unbekannt ist: Schiedsrichter Teil 1 - Schiedsrichter Teil 2 (G. Matthia)

Sehr geehrter Herr Matthia, sehr geehrter Herr Sommerfeld,
an einem Schulungsabend wurde Ihr Artikel "Der Schiedsrichter" vorgelesen und am Schluss als Kopie an jeden Teilnehmer verteilt. Ich habe ihn mir noch mal in Ruhe durchgelesen. Im Nachdenken sind mir einige Fragen gekommen, die ich an Sie weiterleiten möchte.
1. Wie sind Sie dazu gekommen die dritte Bitte im Vaterunser so wiederzugeben "Geschehe, Wille Gottes, hier auf Erden - so, wie du im Himmel geschiehst"? Haben Sie sie aus dem Griechischen übersetzt?
2. Sie sprechen von dieser Bitte als Befehl. Inwiefern unterscheidet sich diese Bitte von den anderen im Vaterunser?
3. Würden Sie den Schluss des Gebetes Jesu in Matthäus 26, 42 auch einen Befehl nennen?


Harald Sommerfeld schrieb dazu:

Sehr geehrter Herr…,
vielen Dank für Ihre Mail und die Rückfragen zu meinem Artikel "Der Schiedsrichter". Ich freue mich über Ihr Interesse und bin gern bereit darauf zu antworten.

Ihre Fragen machen es nötig, etwas differenzierter auf sprachliche und inhaltliche Feinheiten einzugehen. Solche Präzisierungen bergen allerdings in sich die Gefahr, dass man damit am Ende eher intellektuellen Klärungsbedürfnissen nachgeht und die Schärfe von Gehorsam und Nachfolge auflöst in verästelte Gedankengänge. Deshalb an Sie und an mich zu Beginn die Erinnerung: Geistliche Fortschritte machen wir nicht so sehr, indem wir ungeklärte Fragen klären, sondern indem wir das, was wir schon geklärt haben, auch tun (Philipper 3, 15-16). Meine Antwort wird Ihnen vermutlich nur dann Gewinn bringen, wenn Sie das, was an dem genannten Artikel für sie unstrittig und fraglos ist, schon zu tun begonnen haben.

Zur Beantwortung Ihrer Fragen muss ich ein wenig ausholen.

Es gibt in der Bibel verschiedene Arten von Gebet. Die persönliche Gemeinschaft mit Gott, die wir im Gebet und Bibellesen suchen, ist für unser geistliches Wachstum wichtig, aus ihr heraus tragen wir Bitten vor und sagen Dank für erhörte Gebete. Das Ziel der Gemeinschaft mit dem Herrn ist es immer, reifer zu werden und die Kinderschuhe hinter uns zu lassen. Paulus fordert sogar auf, die Vollkommenheit anzustreben: So viele nun vollkommen sind, laßt uns darauf bedacht sein! Und wenn ihr in irgendetwas anders denkt, so wird euch Gott auch dies offenbaren. Doch wozu wir gelangt sind, zu dem laßt uns auch halten! (Philipper 3, 15-16)

Gebet ist nicht gleich Gebet

Aus dieser grundlegenden Gemeinschaft mit Gott heraus ergeben sich verschiedene Gebetsformen, darunter solche, die ich "das beeinflussende Gebet", "das empfangende Gebet" und "das unterordnende Gebet" nennen möchte. Beim "beeinflussenden Gebet" ist unser Anliegen, Verhältnisse zu verändern und in Situationen einzugreifen, Widerstände gegen Gottes Willen zu überwinden und den Anliegen Gottes in der Welt Geltung zu verschaffen. Es ist besonders diese Gebetsrichtung, für die ich das Bild des Schiedsrichters (siehe "Der Schiedsrichter") ausgeführt habe. Beim "empfangenden Gebet" geht es mehr um Hilfe für unsere persönlichen Anliegen, beim "unterordnenden Gebet" um die Festlegung unseres Gehorsams gegenüber dem erkannten Willen Gottes.

Das Vaterunser zeigt deutlich verschiedene Arten des Gebetes. Seine Bitten zerfallen inhaltlich in zwei Gruppen: in den ersten drei Bitten geht es darum, dem Namen, dem Reich und dem Willen Gottes Ehre, Raum und Durchsetzung zu verschaffen. (Ich würde sie dem "beeinflussenden Gebet" zuordnen.) Die übrigen Bitten haben unsere eigenen Bedürfnisse - Versorgung, Vergebung, Bewahrung, Befreiung - zum Inhalt. (Diese würde ich dem "empfangenden Gebet" zuordnen.)

Bemerkenswert ist, dass dieser inhaltlichen Unterteilung im Griechischen Neuen Testament auch eine sprachliche Verschiedenheit entspricht. Das Griechische hat im Unterschied zum Deutschen nicht nur eine Befehlsform (Imperativ) der zweiten Person ("tue!" oder "tut!"), sondern auch eine solche der dritten Person (im Deutschen irgendwie zu umschreiben durch "er tue!" oder "er soll tun!"). Außerdem kann der Imperativ in beiden Sprachen ein breites Bedeutungsspektrum haben: Befehl, Aufforderung, Wunsch oder Bitte. Der Zusammenhang macht in der Regel die richtige Deutung klar.

Der zweite Teil des Vaterunsers enthält nun durchgehend den auch im Deutschen üblichen Imperativ der zweiten Person: "gib!", "vergib!", "führe nicht!" und "erlöse!" Er ist also direkt an Gott gerichtet, in Form einer Bitte an ihn, etwas für uns zu tun.

Unser Signal setzt den Himmel in Aktion

Dabei ist zu beachten: Alle diese erbetenen Segnungen sind mir bereits von Gott versprochen und durch den Tod und die Auferstehung Jesu bewirkt worden. Sie kommen real in mein Leben, wenn ich Gott gegenüber erkläre, dass ich sie wirklich haben will. Insofern ist auch mein Signal auf der Erde die Bedingung, unter der der Himmel in Aktion tritt. Nur andeuten möchte ich, dass die Verhältnisse seit Passion und Pfingsten sich gegenüber Matthäus 6 zu unseren Gunsten verändert haben. Unter diesen neuen Bedingungen entspricht zum Beispiel der Aufforderung, um Erlösung von dem Bösen zu bitten, die Anweisung: "Widersteht dem Teufel, so flieht er von euch!", was sich noch schiedsrichter-mäßiger anhört.

Im ersten Teil des Vaterunsers liegen die sprachlichen Verhältnisse anders. Hier wird durchgehend der Imperativ in der dritten Person gebraucht, gerichtet an den Namen, das Reich und den Willen Gottes: "Dein Name soll geheiligt werden, dein Reich soll kommen, dein Wille soll geschehen!" Hier liegt auf jeden Fall kein zahmer Konjunktiv vor, obwohl die gängige deutsche Übersetzung danach klingt.

Das bedeutet: einerseits bin ich immer noch im Gebet vor Gott (deswegen spreche ich von "deinem" Namen, Reich und Willen). Aber ich formuliere jetzt nicht Bitten wie: "Laß deinen Namen geheiligt werden, laß dein Reich kommen, laß deinen Willen geschehen!", sondern ich spreche Imperative über den Namen, das Reich und den Willen Gottes aus.

Welche Bedeutung kommt nun diesen Imperativen zu? Rein sprachlich wäre es auf den ersten Blick durchaus zulässig, diese als indirekte Bitten und Appelle an Gott zu deuten. Aus zwei Gründen verstehe ich diese Imperative jedoch als Verfügungen, die wir vor Gott ergehen lassen.

Das biblische Gesamtzeugnis über das "beeinflussende Gebet", dessen Grundzüge ich in dem Schiedsrichter-Artikel dargelegt habe, spricht dafür.

Wir finden hier eine weitere sprachliche Eigentümlichkeit, nämlich eine bestimmte Satzstellung. Der Imperativ steht jeweils am Satzanfang, vor dem Wort, auf das er sich bezieht. Wörtlich heißt es also eigentlich: "Es soll kommen, dein Reich! Er soll geschehen, dein Wille!" Dieser Befund bringt eine besondere Betonung und Intensität zum Ausdruck. Der Satz gewinnt dadurch den Charakter einer Verfügung, die mit Entschlossenheit und Nachdruck ausgesprochen wird, was zu zeigen war.

Aufbau und Sprachform weisen darauf hin, dass Gottes Name, Reich und Wille unsere erste Priorität und höchste Leidenschaft sein sollen. Diese Leidenschaft ist für das Gebet doch viel wichtiger als die technisch korrekte Verrichtung. Darf ich mir die Frage erlauben, ob diese Leidenschaft in der Leserin und in dem Leser lebt? Wenn wir sie haben, werden wir nicht viel falsch machen im Gebet, wenn nicht, werden wir nicht viel richtig machen.

...so geschehe dein Wille!

In Matthäus 26,42 lesen wir (Elberfelder Übersetzung), wie Jesus betet: "Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht vorübergehen kann, ohne daß ich ihn trinke, so geschehe dein Wille!" Sprachlich liegt hier dieselbe Form der Imperativs der dritten Person vor: "Er soll geschehen, dein Wille!" Inhaltlich haben wir jedoch eine andere Situation. Jesus will hier nicht dem Willen seines Vaters gegen resistente Verhältnisse Geltung verschaffen, sondern er unterwirft sich diesem Willen in einem konkreten, herausfordernden Fall von Beauftragung.

Dieses "unterordnende Gebet" ist dann angesagt, wenn es uns schwer fällt, den uns bekannten Willen Gottes in einem Bereich unseres Lebens zu bejahen und anzunehmen. Auch hier bleiben der Verfügungscharakter (und die Schiedsrichter-Ähnlichkeit) erhalten. Wir erklären, dass der Wille Gottes geschehen soll. Allerdings nimmt diese Erklärung nicht die autoritative Form einer Verfügung ein, sondern den Charakter der Unterwerfung.

Bei Jesus war es diese Erklärung, aufgrund derer der Vater ihn dann wirklich "dahingab". Jesus hat sich nicht fatalistisch in den (womöglich noch unbekannten) Willen Gottes ergeben. Er selber hatte erklärt: <I">Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, um es wiederzunehmen. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen (Johannes 10,17-18).

Das heißt, er war vom Vater mit der Vollmacht ausgesandt worden, sein Leben in Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters zu lassen. Wenn er diese Vollmacht nicht ausgeübt hätte, hätte niemand ihn kreuzigen können. In Gethsemane, als Mensch auf der Erde, im Angesicht der Passion, machte er von dieser Autorität über sein Leben Gebrauch, und der Himmel stellte sich dazu und gab ihn preis, zu unserem Heil.

Doch wie gesagt, auch wenn uns also die technisch korrekte Verrichtung des Gebetes und die sprachlichen Feinheiten des Griechischen nicht bekannt sein sollten, kommt es auf die Leidenschaft für die Dinge Gottes an, denn Er sieht unser Herz an. Aus der eingangs genannten Gemeinschaft mit Gott werden wir Wachstum und Fortschritte im Gebet wie in der gesamten Lebensgestaltung als Christen erzielen.

Ich hoffe, diese Ausführungen bringen zusätzliche Klarheit.

Mit freundlichen Grüßen
Harald Sommerfeld

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Ein Artikel von Glaube.de
Autor: Harald Sommerfeld, Beauftragter für Gebet in Berlin mit freundlicher Genehmigung für Glaube.de
Redaktionelle Bearbeitung: Günter J. Matthia, Reaktionsmitarbeiter bei Glaube.de
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