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25-10-03

Eberhard Arnold: Gemeinschaft grenzenloser Liebe

Die Liebe macht vor keiner Schranke halt. Niemals kann sie durch irgendwelche Zustände und vorgebliche Unmöglichkeiten zum Schweigen gebracht werden. Für den Glauben der Liebe ist nichts unmöglich. Deshalb macht der Ruf Jesu auch nicht vor dem Eigentum halt. Als er einen reichen jungen Menschen lieb gewann, schaute er ihm ins Herz und sagte das Wort völliger Liebe: ,,Es fehlt dir noch eins: Verkaufe alles, was du hast, gib es den Armen und gehe mit mir!" (Mt. 19,21).


Erst das alles überwältigende Geisteserlebnis der neuen Gemeinde gab seinen Freunden die Kraft, den Liebeswillen so zu verwirklichen, wie er ihn in sie hineingelegt hatte. Jetzt konnten sie Lebensgemeinschaft werden, denn nun war ihre Liebe als Einheit des Heiligen Geistes überschwenglich geworden. Jetzt mussten sie immer beieinander sein, denn sie alle durchglühte dieselbe Liebe. Die Liebe war in ihnen zum heiligen Muss geworden. Wie Jesus seine nächsten Freunde und Schüler, die wir seine Jünger nennen, immer in seiner Nähe haben wollte, so drängte sein Geist die ersten Christen nahe zueinander. Miteinander mussten sie das Leben Jesu leben, miteinander in völliger Gemeinschaft dasselbe tun, was er getan hatte. Weil es sich hier um letzte und innerste Notwendigkeit handelt, mussten sich in allen Fragen des Zusammenlebens jene Gestaltungsformen ergeben, die der vollendeten Liebeseinheit aufs völligste entsprechen.

Jesus forderte jeden einzelnen auf, alles zu verlassen und mit ihm zusammenzusein, wohin er auch ginge. Als er mit dem durch seinen Ruf gesammelten Kreis von Dorf zu Dorf zog, musste sich die Gemeinsamkeit ihres Lebens auf alles erstrecken, was ihm widerfuhr. Nach seinem Willen wurde gemeinsame Kasse geführt. Und doch sollte sich seine Sendung niemals auf einen engsten Kreis beschränken. Aus der Wanderschar Jesu wurden seine Boten. Die zwölf Apostel erwarteten und verkündeten sein Reich der Gerechtigkeit als die nahende Bruderschaft in Gott. Die Auferstehung bestätigte die Kraft dieser Sendung. Sobald der Geist Jesu seine erste Gemeinde überflutete, musste sich ihre Lebensform dem Weg Jesu und seinem Auftrag entsprechend gestalten. Die ersten Christen hatten alles gemeinsam. Wer über Besitz verfügte, war von dem Drang erfüllt, ihn auszuteilen. Keiner verfügte über etwas, das nicht der Gemeinschaft gehörte. Eine immer Größere Schar wurde durch den Heiligen Geist auf dem Weg Jesu Christi zu einer zusammengewachsenen Einheit.

Aber niemals konnte es eine abgeschlossene Einheit sein. Alles Lebendige wächst. Leben bringt Leben hervor. Es breitet sich aus. Die völlige Liebe bleibt niemals exklusiv. Die offene Tür und das offene Herz waren ein wesentlicher Charakterzug der ersten Christen. Deshalb hatten sie Eingang bei allen und gewannen die Liebe des ganzen Volkes. Sie waren ein Licht, das für alle leuchtete, weil es alle durchglühen wollte. Der Flammengeist, der sie erfüllte, wollte sich auf alles Fleisch ergießen. Der Geist des Gottesreiches will alle Völker eroben, um sie alle zu vereinen. In diesem Geist war die glühend lebendige Urgemeinde ganz Herz und ganz Seele (Apg.4,32). Das kalte Licht kühler Verstandeserkenntnis war hier nicht zu finden, sondern vielmehr der erleuchtende Geist, der das Herz durchglüht und die Seele in feurig heißer Liebe lebendig macht.

Nur so konnte das eiskalte Dasein der Vereinzelung überwunden werden. Es entstand das gemeinsame Leben der Liebe, in deren Glut das Eigentum bis auf die Grundlage hinweggeschmolzen wird. Die eisigen Fundamente jahrtausendealter Gletscher weichen der Sonne Gottes. Privatbesitz und Eigentum sind nicht anders abzuschaffen als durch die strahlende Kraft des Leben schaffenden Geistes. Alles Eigentum lebt von ertötendem Eigennutz. Es hört auf, wo die tödliche Selbstsucht an der Liebe stirbt. Anders niemals. So aber war es in der Urgemeinde. Unter dem Einfluss des Gemeinschaftsgeistes konnte niemand von seinen Gütern sagen, dass sie ihm gehörten (Apg.4,32). Das Eigentum war zur Unmöglichkeit geworden, denn hier herrschte der Geist der Liebe und der Einheit.

Liebe übersieht keine Not. In einer solchen Lebensgemeinschaft konnte niemand sein, der an Kleidung, Nahrung oder an irgendeinem anderen Lebensgut Mangel hatte. Wer Güter und Werte für sich behalten will, muss inmitten der ihn überall umgebenden Not sein Herz abgetötet haben. Das Herz Gottes kennt keine Abgrenzung. In freigiebiger Gastfreundschaft verschenkte sich die Gütergemeinschaft der Jerusalemer Gemeinde an Tausende. Die Kraft und Weisheit des hier ausgegossenen Geistes vermochte mit geringsten Mitteln für viele, für sehr viele zu sorgen. In der Gemeinde offenbart sich der schöpferische Geist einer sich nie versagenden Liebe.

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Mit freundlicher Genehmigung von der Bruderhof-Gemeinschaft für Glaube.de.
Quelle: Der Bruderhof (www.derbruderhof.de)

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