Jobst Bittner: Israel und die "Söhne Griechenlands"

Zwei Ereignisse erregten in diesem Jahr unsere besondere Aufmerksamkeit. Auf der Reise nach Washington machten wir in New York einen Zwischenstopp. Bisher lag die UNO nicht gerade im Zentrum unseres Interesses, aber dort spürten wir, dass es jetzt an der Zeit war, dieser mächtigen Organisation unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Wir beschlossen, bei der Besichtigung des UNO - Hauptquartiers einen "Gebetsspaziergang" durch das Gebäude zu machen. Der weltpolitische Einfluss der UNO ist unbestreitbar, ebenso auch ihr synkretistischer(1), säkular - humanistischer Denkansatz. Ihre Friedensaktivität ist in vielerlei Hinsicht bewundernswert, ihr philosophischer Anspruch universell. Nun gehöre ich nicht zu den endzeitlichen Stimmen, die hinter jeder Mauerecke verborgene Netze einer Welt-einheitsregierung vermuten. Die biblische Wahrheit ist viel einfacher. Die Bibel ermutigt uns immer wieder, bei "Friedensbringern" genau hinzusehen. Sie könnten die Wegbereiter eines viel größeren Unheils sein, dessen Ausmaße wir uns kaum vorstellen können(2). Zeitungen in Amerika berichten davon, wie der Einfluss der UNO auf die Welt unter einem neuen Generalsekretär, wie es z.B. Bill Clinton sein könnte, lawinenartig zunehmen könnte. Auch würde eine von seiner Frau Hillary Rodham Clinton zeitgleich angestrebte US-Präsidentschaft wohl kaum ohne Einfluss auf die Welt bleiben können.
Die UNO in Jerusalem
Das zweite Ereignis führt uns nach Israel. Der Herr bat uns, sehr spontan dorthin zu fliegen, um vor Ort zu beten. Es war genau zu der Zeit, als das Parlament aufgelöst wurde. Ohne dass wir es beabsichtigten, folgten wir den Fußspuren von Bill und Hillary Clinton, die in der Woche zuvor in Israel an der Gedenkfeier von Itzchak Rabin teilgenommen hatten. Unser Weg führte zur Knesseth, dem israelischen Parlament. Auch hier machten wir einen "geführten" Gebetsspaziergang. Mein Blick fiel auf die Unabhängigkeitserklärung Israels, die "Independence Declaration". Es ist ein kleiner, vielleicht zwei DIN A4 Seiten umfassender Text. Statt einer Verfassung ist sie die Grundlage jeder Gesetzgebung in Israel. Die Gründungsväter Israels unterschrieben darin eine Verpflichtung, die bis heute für Israel Gültigkeit hat. Einer ihrer Sätze lautet: "Der Staat Israel wird den Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen treu sein."(3) Ich persönlich bin davon überzeugt, dass einer Verfassung in der geistlichen Welt eine entscheidende Bedeutung zukommt. Sie legt eben nicht nur die Regeln und Gesetze einer demokratischen Grundordnung fest, sondern in ihrer Haltung, beispielsweise bezüglich Religionsfreiheit und Menschenwürde, wesentliche geistige Grundlagen für eine Nation. Vielleicht erinnern Sie sich, wie sehr Christen bei der Formulierung der europäischen Verfassung um den Gottesbezug gerungen haben. Könnte es sein, dass die Gründungsväter Israels durch die Verpflichtung auf den humanistischen - säkularen Wertekodex der UNO eine falsche Verpflichtung eingegangen sind und den Schutz des Hüters Israels gegen einen scheinbaren politischen Frieden eingetauscht haben? Und hat diese Verpflichtung, wenn sie nicht durch Umkehr und stellvertretende Buße des Volkes Gottes ungültig und ausgelöscht wird, dann nicht Auswirkungen bis heute?
Wenn man durch Jerusalem fährt, ist man von der UNO-Präsenz überrascht. Sie überwachen den Friedensprozess der Israelis mit den Palästinensern. Ihr Hauptquartier liegt auf einem Berg bei East Talpiot im Süden Jerusalems im ehemaligen Quartier des letzten britischen Gouverneurs vor der Staatsgründung Israels. Der Berg ist von einem uralten Tunnelsystem durchzogen, das als Zisterne der Wasserversorgung des Tempelbergs diente. Ich möchte Ihnen ein Szenario vor Augen malen, das vielleicht nicht in dieser Form, aber eventuell mit ähnlichen Koordinaten geschehen könnte.
Israel steht vor einem politischen Generationswechsel. Die "alte Garde" der Aufbaugeneration, zu denen Ariel Scharon gehört, musste das Feld einer jüngeren und auch liberaleren Generation überlassen. Israel sehnt sich mit Recht nach Frieden und versucht unter dem Druck der Amerikaner, weitere Kompromisse mit den Palästinensern zu schließen. Die Öffnung der Grenze am Gazastreifen war dazu erst ein Auftakt, Gespräche um die Aufteilung Jerusalems sollen folgen. Die Bedrohungsszenarien im Norden Israels werden heftiger. Der Iran nimmt mit seinen Drohungen, Israel zu vernichten, unverhohlen Einfluss auf die weitere politische Entwicklung im Nahen Osten. Obwohl er seine Anreicherungsanlagen für Uran von UNO - Beobachtern kontrollieren lässt, ist es nur eine Frage der Zeit, wann der Iran seine erste Atomwaffe besitzen wird. Der Konflikt um die Aufteilung Jerusalems droht in einer Weise zu eskalieren, dass es nur eine Lösung für den Weltfrieden geben kann. Die UNO bietet an, Jerusalem zu "internationalisieren", d.h. unter ihre Schutzherrschaft und ihr Mandat zu bringen. Um der Welt zu zeigen, dass Jerusalem für alle Religionen zu einer Weltstadt des Friedens geworden ist, zieht der neue Generalsekretär der UNO, ein erklärter Freund der Palästinenser und der Juden, nach Jerusalem.
Der Kampf um Jerusalem
Kann es sein, dass der letzte Satz in der "Independence Declaration" Israels eine so ungeheure Auswirkung haben kann? Ich glaube schon. Zum besseren Verständnis möchte ich ein Bild benutzen, das Sacharja gebraucht, als er den Kampf um das messianische Friedensreich beschreibt. Es spricht von einem endzeitlichen Kampf der Söhne Zions gegen die Söhne Griechenlands(4), in dem Israel zum Schwert in der Hand Gottes wird. Wir wissen, dass die Gemeinde immer auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung eines Volkes ist. Sie ist Salz und Licht, eine Stadt auf dem Berg, Orientierung und geistliches Modell für eine Nation(5). Ist die messianische Gemeinde in Israel für diesen entscheidenden geistlichen Kampf genügend gerüstet und vorbereitet? Und wie können wir als Gemeinde Jesu in der westlichen Welt Israel darin unterstützen?
Der Name Jerusalem birgt in der hebräischen Wortbedeutung eine doppelte Aussage in sich. "Jeruschalayim" ist die Dualform von Jerusalem und bedeutet, dass es über dem irdischen Jerusalem ein himmlisches Jerusalem gibt. Beide bilden eine Einheit und sind zusammen die "Stadt des Friedens und der Vollkommenheit"(6). Wussten Sie, dass Jerusalem auch noch einen anderen Namen hat und die "Stadt Sodoms und Ägyptens" genannt wird? Johannes beschreibt in der Offenbarung(7) eine Zeit in Jerusalem, in der "das Tier, das aus dem Abgrund heraufsteigt" die politische Macht hat, die zwei Zeugen Gottes ungestraft zu töten und sie als warnendes Beispiel auf einer Gasse in der Nähe des Ortes, an dem Jesus gekreuzigt wurde, liegen zu lassen(8). Jerusalem wird offenbar wegen des Abfalls seiner Bewohner von Gott selbst als "Sodom" und "Ägypten" bezeichnet(9). Als ich das zum ersten Mal in der Offenbarung las, dachte ich an einen Irrtum. Wie können diese Namen mit der Berufung Jerusalems zusammenpassen? Ich bin davon überzeugt, dass sie ein Hinweis darauf sind, mit welchen Fürstentümern, Mächten und Gewalten sich die endzeitliche Gemeinde im geistlichen Kampf auseinander setzen muss. So wie Israel in Ägypten, wurde Jerusalem seit der Vertreibung der dort lebenden Juden 135 n. Chr. bis zur Staatsgründung Israels von anderen Religionen unterdrückt und in Gefangenschaft gehalten. Israel hat sich bis heute islamischer Bedrohung zu widersetzen. Es muss sich ebenso auch gegen den wachsenden Druck der Weltgemeinschaft wehren, als Garantie für eine sichere und friedliche Zukunft seine spezifische Berufung und damit auch den Anspruch auf Jerusalem aufzugeben. Wenn Sodom für Ausschweifung, Homosexualität und Lust steht, kann man hier leicht das Jerusalem der Neuzeit erkennen.
Kreta, Europa und die Philister
Um zu verstehen, warum wir es in Israel ebenso mit dem "Geist der Söhne Griechenlands" zu tun haben, müssen wir kurz den Blick wenden und uns mit einer erstaunlichen, frühgeschichtlichen Beobachtung beschäftigen. Es klingt für uns ungewöhnlich, aber Europäer und Philister haben, bei aller Unterschiedlichkeit, die gleichen geschichtlichen Wurzeln. Die Philister sind ein Seefahrervolk und entstammen aus dem biblisch belegten Kaftor(10), womit Kreta gemeint ist. Sie haben gemeinsam mit den Europäern ihre Wurzeln in der minoischen Hochkultur Kretas, dem Geburtsort und der Quelle des griechischen Geistes. Beide, Europäer und auch die Philister, beeinflussen bis heute die "Söhne Zions" in Israel auf unterschiedliche Weise. Ob durch die Auseinandersetzung mit den Nachfahren der Philister, den Palästinensern, oder durch die Einflüsse des hellenistisch geprägten, säkular - humanistischen Denkens der westlichen Welt - Israels geistlicher Kampf ist die Auseinandersetzung mit dem "Geist der Söhne Griechenlands". Sowohl die griechische Philosophie als auch der Humanismus machen den Menschen zu der Instanz, die in letzter Konsequenz alles bewertet und beurteilt. Vernunftdenken, Skepsis und Logik stehen anstelle eines Glaubens, der dem Wort vertraut, individuelle Selbstverwirklichung steht gegenüber einem Leben in Abhängigkeit und Gehorsam vom Willen Gottes - all dies sind Vorstellungen aus einem griechisch - hellenistischen Erbe. Dieser Einfluss durchdringt die westliche Welt schon so lange, dass er uns gar nicht mehr bewusst ist - genau wie unser Atem: Da er uns so lange vertraut ist, riechen wir ihn nicht mehr. Wie können die Söhne Zions gegen den Geist der Söhne Griechenlands siegreich sein, wenn sie ihn nicht genau kennen? Kann es sein, dass er bis heute - wie wir es bei den Gemeinden der westlichen Welt sehen - ebenso die messianische Gemeinde ihrer eigentlichen Autorität und Siegeskraft beraubt?
Es gibt ein geistliches Prinzip, das immer noch gilt. Ich habe dann geistliche Autorität, wenn meine eigenen Hände gereinigt sind(11). So, wie der Hohepriester sich reinigen musste, um für die Sünde des Volkes vor Gott zu treten, so muss Gottes Volk gereinigt sein, um im Gebet in priesterlicher Autorität vor Gott für das Volk einstehen zu können.
Um diese Frage näher zu beleuchten, sollten wir kurz einen Blick in das Alte Testament werfen. Es gibt in 1. Samuel 13 eine Geschichte, die, wie ich meine, auch noch heute eine Bedeutung hat. Das Volk Israel befand sich in der Auseinandersetzung mit den Philistern in einer fast ausweglosen Situation. Die Philister waren ihnen im Kampf weit überlegen. Was war mit Israel passiert? Saul versuchte, ein Heer zusammenzustellen, aber "da sammelten sich die Philister zum Kampf mit Israel, dreitausend Wagen, sechstausend Gespanne und Fußvolk, soviel wie Sand am Ufer des Meeres..."(12). Das Volk war derart in Bedrängnis, dass sie sich in Höhlen, Klüften, Felsen und Gewölben verkriechen mussten. Aller Voraussicht nach war der Kampf von Anfang an verloren. Das verwundert einen nicht, denn die Israeliten hatten gegenüber den Philistern einen gewaltigen Nachteil. Die Philister hatten gelernt, wie man aus Eisen Schwerter und Spieße herstellen und schärfen konnte, und dieses Wissen hatten sie den Israeliten vorenthalten(13). Es gab in Israel wunderbare Gaben und Dienste, sie waren Anbeter, Künstler, Geschäftsleute, Propheten, Hirten, Lehrer aber sie hatten keine Schmiede, die für Israel Waffen(14) und auch Werkzeuge herstellen und schärfen konnten. Israel war eine Armee ohne Waffen. Wie konnte das passieren? Warum konnte Israel mit dieser Situation so lange leben und sie akzeptieren, ohne die Gefahr zu erkennen? Ist die Gemeinde Jesu in der heutigen Zeit in einer ähnlichen Situation? Hat sie sich von den Schmieden säkular - humanistischen Denkens entwaffnen und ihrer priesterlichen Gebetsautorität berauben lassen? Wenn das so ist, gilt es sich zu reinigen, die Berufung neu anzunehmen und wieder neu zum "Schwert in der Hand des Riesen" zu werden.
Der Geist der Gnade und des Gebets
Israel wird sich entscheiden müssen. Unter wessen Herrschaft wird Jerusalem stehen? Wird Jerusalem irgendwann "internationalisiert" und unter dem Mandat der UNO leben müssen? Wird es sich unter die Vernunft und das Urteil der Völkergemeinschaft unterordnen, um Zugang zum Frieden zu bekommen? Der Druck auf Israel wächst. Jerusalem wird immer mehr zum "Taumelbecher" und zum "Laststein" für alle Nationen. Es gibt einen Gebetskampf um die Zukunft Israel, den nur die messianische Gemeinde selbst führen kann. Sie haben von Jeschua, dem König aller Könige und Herr aller Herren das Mandat übergeben bekommen, die Geschicke ihrer Nation zu lenken. Sie werden, wie Abraham um Sodom und Gomorrah in einer noch nie da gewesenen Art um Israel ringen. Pastoren, Hirten und geistliche Leiter werden wie Moses ihre Arme in neuer Gebetsautorität erheben. In einer Zeit größter Angriffe wird der Herr selbst zuerst "die Hütten Judas retten und dann die Bürger Jerusalems beschirmen.?(15) Wir stehen vor einer Zeit, in der Gott sein Volk neu ausrüsten und eine Gebetserweckung ungeahnten Ausmaßes schenken wird. Er wird den "Geist der Gnade und des Gebets ausgießen?! Wird es dafür vorbereitet sein?
Das Evangelium ist ein absoluter Anspruch auf das Leben eines jeden Menschen! Jeder, der diese Botschaft bezeugt, kann zum Feind der angestrebten Harmonie der Religionen und des Friedens werden. Wie gehen wir in der westlichen Welt mit den Harmonisierungsprozessen des säkularen Humanismus um? Die westliche Gesellschaft ist von den Philosophien und der Kultur des antiken Griechenland regelrecht überschwemmt worden. Ist die Gemeinde Jesu der westlichen Welt bereit, sich von den Vorstellungen ihres säkularen griechisch - philosophischen Erbes zu trennen und sich als "Söhne Zions" wirklich an die Seite Israels zu stellen? Ich glaube, dass es an vielen Orten schon geschieht und möchte auch Sie dazu ermutigen.
Anmerkungen
(1) "Synkretismus bedeutet die Vermischung von religiösen Ideen oder Philosophien zu einem neuen System oder Weltbild. Voraussetzung ist, dass die religiös-philosophischen Teilaspekte auf einen Absolutheitsanspruch verzichten". Aus: WIKIPEDIA, freie Enzyklopädie
(2) Vergl. Hesekiel 13, 10ff; Markus 13, 22ff
(3) "The State of Israel will be ... faithful to the principles of the Charter of the United Nations.?
(4) Sacharia 9, 13: "Denn ich habe mir Juda zum Bogen gespannt und Ephraim darauf gelegt und will deine Söhne, Zion, aufbieten gegen deine Söhne, Griechenland, und will dich zum Schwert eines Riesen machen.?
(5) Matthäus 5, 13 - 15
(6) vergl. Benjamin Berger in: Eine Herde, ein Hirte; Berlin 2002, S.138
(7) Offenbarung 11, 8: "Und ihre Leichname werden liegen auf dem Marktplatz der großen Stadt, die heißt geistlich: Sodom und Ägypten, wo auch ihr Herr gekreuzigt wurde.?
(8) Ich gehe davon aus, dass es sich um eine Gasse (andere übersetzen: Platz) an der Grabeskirche in Jerusalem handelt.
(9) Johannes empfing die Namen "im Geist".
(10) vergl. 5. Mose 2, 23; Jeremia 47, 4; Amos 9, 7
(11) Jakobus 4, 8
(12) 1. Samuel 13, 5f
(13) 1. Samuel 13, 19: "Es war aber kein Schmied im ganzen Land Israel zu finden, denn die Philister dachten, die Hebräer könnten sich Schwert und Spieß machen."
(14) 1.Samuel 13, 22: "Als nun der Tag des Kampfes kam, wurde kein Schwert noch Spieß gefunden in der Hand des ganzen Volkes...?
(15) vergl. Sacharia 12, 7-10
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Ein Artikel von Glaube.de.
Text entnommen aus "tosTrendletter" Ausgabe Dezember 2005 mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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