Pastor Volkmar Janke: Nehmt einander an

Dieser Christ war Lehrer für Rhetorik an einer großen Universität: "Während des ersten Tages seiner Vorlesung ging dieser Lehrer durch den Raum und veranlasste die Studenten sich vorzustellen. Jeder Student sollte auf die Frage antworten: Was gefällt mir an mir selbst? und Was gefällt mir nicht an mir? Fast versteckt im Hintergrund des Raumes saß Dorothy. Ihr langes, rotes Haar hing ihr ums Gesicht und entzog es beinahe dem Blick. Als sie dran war, herrschte nur Schweigen im Raum. Der Lehrer dachte, sie habe vielleicht seine Frage nicht verstanden und schob seinen Stuhl in ihre Nähe und wiederholte ruhig seine Frage. Wieder tiefes Schweigen. Endlich richtete sich Dorothy mit einem tiefen Seufzer in ihrem Stuhl auf, zog die Haare zurück und enthüllte dabei ihr Gesicht. Eine Seite ihres Gesichts war beinahe ganz von einem großen, unregelmäßigen Muttermal bedeckt - annähernd so rot wie ihr Haar: Das, sagte sie, sollte ihnen zeigen, was mir an mir nicht gefällt. Von Mitleid erfüllt, lehnte sich dieser Professor zu ihr hinüber und nahm sie fest in die Arme. Dann gab er ihr einen Kuß auf die Wange mit dem Feuermal und sagte zu ihr: Das ist ganz in Ordnung, meine Liebe, Gott und ich glauben trotzdem, dass sie schön sind. Dorothy weinte fast 20 Minuten lang hemmungslos. Bald scharrten sich andere Studenten um sie und versuchten sie zu trösten. Als sie endlich wieder sprechen konnte und sich die Tränen aus den Augen getupft hatte, sagte sie dem Professor: Ich habe mir so sehr gewünscht, dass mich jemand in den Arm nimmt und das zu mir sagt, was sie gesagt haben. Warum nur konnten meine Eltern das nicht? Meine Mutter wollte nicht einmal mein Gesicht berühren." (S.44f) An einer anderen Stelle heißt es in dem Buch: "In einer eingehenden Untersuchung über Väter und Töchter wurde ermittelt, dass die Errungenschaften dieser Frauen im Leben in direktem Verhältnis standen, in welchem Maße sie von ihren Vätern angenommen worden waren." (S.84)
Haben deine Eltern dich wissen lassen: Du bist gewollt, wertvoll und geliebt? Das Wissen, angenommen zu sein, ist ein Grundbedürfniss. Wie kann ein Mensch sich selbst dankbar annehmen, wenn seine Eltern ihm oder ihr nicht vermitteln: Du bist gewollt, wertvoll, liebenswert?! Wie viele Verletzungen, wieviel Streit und Neid, wie viele gescheiterte Beziehungen und Scheidungen gehen letztendlich darauf zurück, dass Menschen den andern nicht annehmen konnten. Weil sie sich selbst nicht annehmen konnten. Weil sie zuhause nicht erlebt haben, dass sie angenommen sind! Es gibt Eltern, die können ihre Kinder nicht dankbar annehmen, weil sie sich selbst nicht dankbar annehmen können. Der Glaube an Jesus Christus durchbricht diesen Teufelskreis menschlicher Sehnsucht und Ohnmacht. Durch Jesus Christus erfahren wir: Gott liebt uns!
Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Röm 15,7 Nur wenige Worte beschreiben so deutlich das Bedürfnis des Menschen nach einem liebenden Gegenüber, nach einer verläßlichen Beziehung. Wir brauchen Menschen, die uns annehmen. Wir sind nicht zu Einzelgängern geschaffen. Der Glaube an Christus wird als Geschenk der Gemeinschaft mit Gott und mit anderen Christen erfahren: 1 Joh 1,6f Unsere Gemeinschaft untereinander ist ein Spiegelbild unserer Gemeinschaft mit Gott. Und an diesem Punkt setzt Paulus ein: Röm 14,1-3 Die Starken sollen die Schwachen nicht verachten. Die Schwachen sollen die Starken nicht richten, denn Gott hat sie angenommen. Darauf gründet sich unsere Gemeinschaft.
These: Nach dem Vorbild von Jesus Christus sollen Christen einander in ihrer Unterschiedlichkeit annehmen, um Gott einmütig zu ehren und zu loben.
Wo erleben wir unsere Unterschiedlichkeit als Bedrohung unserer Gemeinschaft? Wir erleben unsere Unterschiedlichkeit in verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Prägungen, in verschiedenen Frömmigkeitsformen. Wir stellen Unterschiede fest in der Bereitschaft und den Möglichkeiten, sich verbindlich an der Gemeindearbeit zu beteiligen. Wir haben unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie ein gutes Miteinander möglich wird. Einige lieben ruhige und andächtige Gottesdienste, andere meinen Gottesdienst muss lebendig und gefühlsbetont sein; einige können sich kurz und knapp ausdrücken, andere machen viele Worte bis sie zur Sache kommen; einige sind aufgeschlossen, mitteilsam und kontaktfreudig, andere sind zurückhaltend, schüchtern und eher still. Wir erleben: unser Glaube zeigt sich an unserer Gemeinschaft und unserem Miteinander. Die Art unserer Beziehungen hängt davon ab, ob wir einander in aller Unterschiedlichkeit annehmen, so wie Christus uns angenommen hat zum Lob Gottes. In seinem Buch Gestörte Beziehungen - wie weiter? schreibt Kurt Blatter: "Eine konstruktive, auferbauende Lebenshaltung beginnt dort in einer Beziehung, wo wir den andern in seiner Persönlichkeit nicht behindern und im Extremfall zerstören, sondern ihn ernst nehmen, annehmen und mittragen." (S.222) Das Wissen: ich bin angenommen von Gott und von anderen Menschen hilft mir, mich selbst dankbar anzunehmen. Weil ich erlebe und weil ich weiß: ich bin angenommen, habe ich die Kraft, eine eigene Persönlichkeit zu werden, im Glauben zu wachsen und Veränderung zu erleben.
1. Einander anzunehmen heißt, als Diener zu leben. 15,1-3
1-3 Schwache und Starke - alle sollen sich an Jesus Christus ein Beispiel nehmen: er lebte als Diener V.8. Jesus sagt, Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. (Mk 10,45) Jesus Christus ist nicht nur unser Herr und Erlöser - er ist auch unser Vorbild: er hatte das Wohl aller Menschen im Blick und nicht nur sich selbst. Andere anzunehmen setzt also voraus, dass ich mich selbst annehme als Diener. Für die Starken im Glauben heißt das: "Ich trage das Unvermögen der Schwachen." Die Schwachheit oder das Unvermögen anderer soll wie eine Last getragen werden - die Menschen selbst sind keine Last. Die Stärke oder Reife im Glauben verpflichtet zum Tragen. Die Starken werden ermutigt den ersten Schritt zu tun - den Schwachen zu dienen.
Paulus ist darin ein Vorbild: Denn obwohl ich frei bin, habe ich doch mich selbst jedermann zum Diener gemacht, damit ich möglichst viele gewinne. 1 Kor 9,19-23 Wahre Freiheit befähigt zum Dienst an Menschen. Wahre Freiheit offenbart sich in der Bereitschaft, dem anderen Gutes zu tun: V.2 Mein Dienst hat zum Ziel, dass mein Nächster erbaut wird, d.h. tragfähiger wird, belastbarer wird, beziehungs- und gemeinschaftsfähiger, getröstet und gestärkt wird zum Leben in der Gemeinschaft. Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt, und dem, der es hört, Nutzen bringt. Eph 4,29 Das gelingt, wenn ich als Diener der Geschwister lebe und sie annehme. Gott hat sie angenommen! Gott vertraut ihnen! V.3 ist eine gewaltige Untertreibung! Jesus gab sein Leben für uns. Jesus Christus identifizierte sich so mit unseren Bedürfnissen und Gottes Willen, dass er sein Leben für uns hinlegte. Jesus ist unser Vorbild: er lebte als Diener und er war bereit um unsertwillen zu leiden und am Kreuz zu sterben. In seinem Buch Gemeinsames Leben schreibt Dietrich Bonhoeffer Weil geistliche Liebe nicht begehrt, sondern dient, darum liebt sie den Feind wie den Bruder. Sie entspringt ja weder am Bruder, noch am Feind, sondern an Christus und seinem Wort. (S.30) Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
2. Einander anzunehmen heißt, mit Gottes Hilfe Gott einmütig zu ehren. 4-6
Gott einmütig zu ehren ist ein großes Ziel unserer Gemeinschaft: Eph 1,4-6.11f Gott einmütig zu ehren setzt darum auch voraus, dass wir mit Gottes Hilfe einander annehmen als wertvolle und von Gott geliebte Kinder. Der ehrliche Wunsch, Gott zu loben kommt aus der Erkenntnis, was Gott an uns getan hat! Der ehrliche Wunsch, Gott zu loben, kommt aus der Erfahrung, dass Gott uns hilft, indem er uns Geduld und Ermutigung gibt. Unser persönliches Lob Gottes und unser persönliches Bemühen, Gott zu ehren, werden daher nicht gelingen, wenn wir Geschwister in ihrer Unterschiedlichkeit nicht annehmen. Stolz, Hochmut, jede Geste und jedes Wort der Geringschätzung machen unser Lob Gottes unglaubwürdig und kraftlos. In einem Artikel über Anbetung schreibt Volkmar Glöckner: 'Eins der Haupthindernisse bei der Anbetung in der Gemeinde ist, dass wir nicht eins werden, weil wir noch zu häufig versuchen, unseren Individualismus auszuleben. ... Wenn wir irgend etwas bei der Anbetung demonstrativ tun - aufstehen, sitzen bleiben, Hände heben, Hände nicht heben, bei bestimmten Liedern besonders kräftig singen, bei bestimmten Liedern gar nicht mitsingen - dann ist die Gefahr groß, dass wir eher angeben als anbeten! Dann wollen wir nämlich einander etwas zeigen, nicht unserem Herrn! ... Es ist nicht nur ein Ausdruck der Liebe, neue Lieder mitzusingen, sondern auch alte neu zu lernen um derer willen, die mit ihnen Anbetung und Verehrung Gottes verbinden.' (V. Glöckner, Anbetung mehr als ein Krisenthema)
3. Einander anzunehmen heißt, als Christen Gott gemeinsam zu loben. 7-12
Jemand hat einmal gesagt: 'Der einzige Anknüpfungspunkt Gottes ist der Nullpunkt des Menschen.' Christus hat uns angenommen allein aus Gnade und allein auf Grund unseres Glaubens. Unverdient! Wir waren geistlich bankrott. So hat Christus uns angenommen. Wenn Christus mich nun so angenommen hat, wie sollte ich dann Maßstäbe an andere anlegen? Gemeinsam dienen und loben wir dem Herrn, weil er uns aus Gnade angenommen hat. Ich muss andere nicht verachten, richten oder schlecht machen, um mich gut zu fühlen. In vielen verbindlichen Beziehungen geschieht es so leicht, dass die Fehler und Schwächen des Partners mißbraucht werden, um das eigene Selbstwertgefühl aufzubauen. Der Glaube an Jesus Christus bewahrt uns davor: Ps 139,14 Das gemeinsame Lob erinnert mich an das wesentliche des Evangeliums: Ich bin durch Gottes Gnade, was ich bin, und es ist gut so! Die Wahrheit, dass Jesus Christus uns alle angenommen hat ohne Ansehen der Person und ohne Bedingung ist der einzige und der beste Grund unserer Gemeinschaft und unserer Beziehungen untereinander.
Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Herrlichkeit! Das heißt:
Hör auf, andere zu verachten, weil sie etwas nicht so gut können;
hör auf, andere zu beneiden, weil sie etwas besonders gut können;
hör auf, andere zu belächeln, weil sie in deinen Augen wunderlich und komisch sind;
hör auf, andere zu richten, weil sie ihren Glauben nicht so leben, wie du ihn lebst;
Nehmt einander an: redet ehrlich miteinander, betet geduldig füreinander, vergebt einander von Herzen, besucht einander und habt Tischgemeinschaft miteinander, habt Geduld miteinander, redet Gutes über einander und dient einander, ein jeder mit der Gabe, die Gott ihm gegeben hat, als die guten Haushalter der unterschiedlichen Gaben Gottes!
William Penn, englischer Quäker und Gründer des Staates Pennsylvania, hat einmal folgendes Gebet formuliert, dass wir uns zu Eigen machen sollten: 'Herr, laß uns nicht gleich verwerfen, was wir nicht begreifen. Gib uns Mut, dem Neuen zu begegnen, Geduld, das Fremde zu begreifen, und Weisheit, das Gute anzunehmen, das dort gefunden werden kann, wo wir es am wenigsten erwarten. Hilf uns Ehrfurcht vor allem guten Willen und ehrlichen Streben zu haben.
Und wenn wir die Ansichten eines Menschen abweisen, so bewahre uns davor, ihn selbst abzulehnen.'
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Ein Artikel von Glaube.de
Autor: Pastor Volkmar Janke / Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Nordenham (Baptisten)
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