Paula Rinehart: Vom Vater geliebt

„Vater unser, der du bist im Himmel.“ Dass wir den Einen, der die Welt erschuf, als Vater ansprechen und als solchen wahrnehmen können, ist schon ein Gedanke, der uns in seiner Radikalität bei Nacht wach halten kann, wenn wir ihm Raum geben. Und vielleicht sollten wir das tun.
Zu gut, um wahr zu sein?
Vielen von uns mag die Vaterschaft Gottes gedanklich so weit entfernt sein wie der Himmel selbst. Ein Gespräch, das ich kürzlich mit einer Freundin bei einer Tasse Kaffee führte, erinnerte mich daran, wie unsagbar fern die Wahrnehmung Gottes als Vater einem vorzukommen vermag.
„Weißt du“, sagte meine Freundin, während sie frustriert in ihrem Latte macchiato rührte, „mein Vater verließ die Familie, als ich vier Jahre alt war. Ich sehe ihn noch klar und deutlich vor mir, als er ins Auto stieg und davonfuhr. Klar, er zahlte einen Teil meiner College-Gebühren. Und er ruft gelegentlich an, wenn ihn seine Schuldgefühle dazu treiben. Aber wie es wirklich ist, einen Vater zu haben, davon bekam ich nur ansatzweise einen Eindruck, wenn ich andere Väter mit ihren Töchtern beobachtete. Manchmal riss mich der Anblick förmlich in Stücke.“
Als gläubige Christin sieht meine Freundin Gott wie ihren irdischen Vater: weit entfernt und unerreichbar. Ich hörte zu und starrte dabei in meine leere Tasse, als fänden sich da rin Worte, die die Realität klar machen könnten: Dein wahrer Vater war nicht jener Mann, der da mit dem Wagen davonfuhr. Dein wahrer Vater ist besser, als du es dir in deinen kühnsten Träumen vorzustellen vermagst.
Manchmal glaube ich, dass die Hauptstrategie des Feindes darin besteht, das Schmerzlichste in unserem Leben heranzuziehen, um das Wesen Gottes als Vater in den Schmutz zu ziehen, auf dass wir als geistliche Waisen – allein auf uns gestellt – durchs Leben gehen.
Dies ist ein Zerrbild, wenn man sich einmal vorstellt, was möglich ist: das absolute Wun der, im ruhmreichen Glanze als Kind des le ben digen Gottes durchs Leben zu gehen.
Willkommen im Kreis
Das Thema des Vaterherzens Gottes zieht sich durch die ganze Heilige Schrift. Nachdem die Israeliten in die Wüste gezogen waren, sprach Mose zu ihnen: „... durch die Wüste hat er euch getragen wie ein Vater sein Kind“ (5Mo 1,31 Gute Nachricht Bibel). Das Motiv, auf Reisen in einem fremden Land zu sein und dabei von Gott persönlich geführt oder getragen zu werden, hat so manchem Pilger über schwere Zeiten hinweggeholfen. Auch Jesaja greift auf das Vater-Thema zurück: „Bist du doch unser Vater, denn Abraham weiß von uns nichts ... Du, Herr, bist unser Vater; ‘Unser Erlöser’ ...“ (Jes 63,16). Und etwas weiter lesen wir diese Worte: „Herr, du bist doch unser Vater! Wir sind Ton, du bist unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk“ (Jes 64,7). Allein in diesen Versen finden wir geistige Schätze in Bezug auf Gott als unseren Vater. Er errettet und erlöst uns, er formt unser Leben – oft auf Wegen, die wir selbst nicht beschritten hätten. Er allein weiß, in welches Gefäß er seine Gnade fließen lassen will.
Unser Verständnis von Gott als unserem Vater verbliebe jedoch im fernen Horizont des Alten Testaments, hätte der Vater nicht so viel von seinem Herzen im Kommen und in der Aufopferung seines Sohnes offenbart. An dieser Stelle kommt der Trinitätsaspekt unseres Glaubens in ganzer Fülle zum Tragen.
Jesus kam, um Gott ein Gesicht zu geben – um uns förmlich in sein Herz zu schließen. Und sein Herz ist wie Jesus unmissverständlich deutlich machte, das Herz eines Vaters. Ich finde es faszinierend, dass die letzten
Worte, die die Jünger Jesu ihren Herrn sprechen hörten, bevor dieser sich dem Kreuz zuwandte, ein Aufruf an den Vater war um seiner seiner Freunde willen (dazu gehören auch wir, die wir ihm durch den Vater anheimgegeben sind). Jesus betete: „Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen“ (Jh 17,26). Es scheint Christi innigstes Hoffen auf seinem Weg zum Kreuz gewesen zu sein, uns ins Allerheiligste zu führen. Er wollte, dass wir teilhaben an jener Gemeinschaft, die den Sohn mit dem Vater verbindet. Es war Jesu innigster Wunsch, in seinem Vater auch unseren Vater zu wissen.
Vom Leben zum Waisen gemacht
Für die meisten von uns tut sich schon eine gewisse Lücke zwischen der uns in der Heiligen Schrift offenbarten Wahrheit und der von uns tatsächlich erlebten auf. Ich bin überzeugt, dass wir die väterliche Liebe Gottes häufig erst dann in ihrer ganzen Tragweite nachempfinden können, wenn wir im Leben an einen Punkt gelangt sind, an dem wir beginnen, die Grenzen menschlicher Liebe zu erkennen – angefangen bei dem Mann, den wir Vater nennen.
Als sehr junge Christin stieß ich auf einen Vers in Psalm 27, der meine Neugierde weckte und mir gleichsam unerträglich war. Er sprach etwas an, was ich mir zu dem Zeitpunkt einfach nicht vorstellen konnte: „Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf“ (Ps 27,10). Ich wurde als erstes Kind meiner Eltern einige Jahre, nachdem mein Vater aus dem Krieg aus Europa zurückgekehrt war, geboren. Ich als lebendige Mahnung, dass er zu Hause gebraucht wurde, sollte verlassen werden?
Wie sollte das gehen? Auf meinem weiteren Lebensweg kam ich nach und nach zu der Erkenntnis, dass jeder Vater (ebenso wie jede Mutter) uns einmal im Stich lässt. Wie jeder andere Mensch auch versagt er einmal – und, was das Schlimmste ist, mit seinem Tod verlässt er uns endgültig. Gott sagt, dass wir in dem Moment, in dem wir zu der Erkenntnis gelangen, dass unser Vater seine Rolle nicht vollkommen ausfüllen kann, entdecken, dass unser himmlischer Vater nur darauf gewartet hat, uns zu offenbaren, dass er uns aufnimmt. Gerade wenn das Leben uns ein bisschen wie „Waisen“ – ganz auf uns allein gestellt – zurücklässt, ist Gott, der Vater, ganz besonders präsent und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass wir seiner Hand allen menschlichen Händen gegenüber den Vorzug geben. Dabei kommt eine ganz natürliche Frage auf: Wie? Wie erleben wir dieses Vatersein Gottes?
Auf der Suche nach mehr
Leider gibt dieser Weg mehr als ein kleines Rätsel auf. Die Worte Jesu, wie sie in der Bergpredigt zu lesen sind, beschreiben, was passieren muss. Hier mein Vorschlag: Suchen Sie sich ein ruhiges, abgeschlossenes Plätzchen, damit Sie nicht versucht sind, vor Gott irgendeine Rolle zu spielen. Seien Sie einfach so schlicht und aufrichtig wie möglich. Schon werden nicht mehr Sie im Mittelpunkt stehen, sondern Gott, und Sie werden beginnen, seine Gnade zu spüren (s. Mt 6,6). Es ist von äußerster Wichtigkeit, dass Sie jegliches Rollenspiel außen vor lassen. Wir können Gott erst dann richtig kennenlernen, wenn wir anfangen, vor ihn zu bringen, was uns wirklich beschäftigt, d.h. die Sehnsüchte, Ängste und Unsicherheiten, aber auch unseren Freudentaumel – eben das, was die meisten von uns das Gefühlschaos unseres Lebens nennen. Wir bringen vor Gott, wo wir gerade in dem Moment im Leben stehen, und erfahren von ihm Halt.
Vielleicht ist an dieser Stelle ein Beispiel hilfreich. Ich sprach diese Woche mit einer Dame, die in ihrer Kirchengemeinde Jugendliche mentoriell betreut. Sie leitet kurze Missionsreisen. Die meisten sehen in ihr wahrscheinlich ein Musterbeispiel an Glaubenstreue. Sie berichtete mir jedoch, wie matt ihre Gefühle Gott gegenüber seien. Es komme ihr vor, als sei er unendlich weit von ihr entfernt. Einige gute Freunde hatte schwere Schicksalsschläge hinnehmen müssen – furchtbare Erkrankungen, Unfälle, die körperliche Beeinträchtigungen hinterließen – und sie hatte an alledem mit zu tragen. Derjenige, in dem sie den Einen zu sehen gehofft hatte, schien sich jemand anderem zu gewandt zu haben. Überall, wo sie hinschaute, sah sie nur Verluste. Und sie hatte den Mut verloren, dies im Gebet vorzubringen. Wofür sollte ein Gebet schon gut sein? Ich wusste genau, wovon sie sprach. Und ich wusste, vorsichtig zu Werke zu gehen.
„Kann es sein, dass du ein wenig mit Gott zürnst, von ihm enttäuscht bist?“, fragte ich. „Vielleicht fühlst du dich sogar ein bisschen von ihm im Stich gelassen?“ Sie nickte bei jedem Wort, das ich sprach.
„Und was bringst du im Gebet vor ihn?“ „Nun, ich bete nicht viel. Wenn ich es aber tue, so bitte ich Gott meist, die Situation zu ändern. Mir zu helfen, bei der Stange zu bleiben. Mir gnädig zu sein – so in die Richtung.“ „Was hält dich denn davon ab, deinen Zorn und deine Enttäuschung, dein Gefühl, im
Stich gelassen zu sein, vor Gott zu bringen?“ Ihr Gesichtsausdruck sagte mir, wie sie Gott tatsächlich sah – sie erkannte in ihm mehr den gestrengen Schulmeister als den wahrhaftigen Vater und meinte daher, sie müsse erst einmal Ordnung ins Ganze bringen, bevor sie sich in unverfälschten Worten und Gefühlen an ihn wenden könne. Es war jedoch so viel passiert, dass sie allein nicht mehr damit klarkommen konnte. Und so vermochte sie nur noch, Glaubensmattheit zu empfinden.
Häufig empfehle ich Menschen, die sich wie meine Freundin danach sehnen, Gott als Vater wahrnehmen zu können, es sich einfach zuzugestehen, auf der Suche zu sein. Ich persönlich habe dies als äußerst hilfreich empfunden. Als ich mir eingestehen konnte, zwar bereits jahrelang Christin zu sein, dennoch aber wenig insbesondere über das Vaterherz Gottes zu wissen, war es mir, als hörte ich ihn sagen: „Endlich!“
Die Stimme des Vaters
Schließlich begriff ich, was der himmlische Vater immer schon gewusst hatte – dass ich jegliche Form menschlicher Liebe, die ich kannte, fälschlicherweise auf ihn projiziert hatte. So bat ich ihn, mir schlicht und einfach sein wahres Gesicht zu zeigen, da ich in dem von mir selbst geschaffenen Bilderwald vollkommen die Orientierung verloren hatte. Wenn Sie ebenso vorgehen, wird sich vor ihrem geistigen Auge ein langsamer Enthüllungsprozess vollziehen. Sie beginnen, die Projektion eines Menschen, dessen Liebe Sie
sich von jeher innigst herbeigesehnt haben, vom Angesicht Gottes zu lösen. Stück für vor sie sich in unverfälschten Worten und Gefühlen an ihn wenden könne. Es war je doch so viel passiert, dass sie allein nicht mehr damit klarkommen konnte. Und so vermochte sie nur noch, Glaubensmattheit zu empfinden.
Je vertrauter uns die Stimme Gottes wird, desto deutlicher zeichnet sich ab, wie stark sich seine Liebe von jeglicher menschlichen Liebe unterscheidet. Wir beginnen uns von der Illusion der Unfehlbarkeit menschlicher Liebe zu verabschieden und finden in der Liebe unseres himmlischen Vaters unseren persönlichen Ruhepol. Es war von Jesus nicht leichtfertig gesagt, dass jeder, der zum Vater will, als Kind daherkommen müsse. Ein Kind geht in der Regel vollkommen unverfälscht in eine Beziehung. Und so bringen auch wir den ungeschönten Status unseres gegenwärtigen Seins vor Gott, der gütiger ist, als wir es uns erträumen können, und lassen uns von seinem Trost, seiner Ermutigung und auch seiner Zurechtweisung berühren.
Der Schoß der Liebe
Dass wir den uns zugedachten Platz als wahres Kind Gottes bei unserem himmlischen Vater annehmen, ist das, worum es in unserem Leben geht. Ein oft von Gott in uns wachgerufenes Bild ist mir noch aus meiner Kindheit vor Augen. Mein Vater nahm mich auf seinen Schoß, während meine Mutter das Abendessen zubereitete. Er pflegte mir gewöhnlich eine Geschichte vorzulesen, die den Titel „Die kleine rote Henne“ trug. Ich kann mich haargenau an die Seiten des Buches erinnern und weiß noch genau, wie die Möbel im Raum aussahen. Es war die Besonderheit, bei meinem Vater auf dem Schoß sitzen zu dürfen, die die Szene unauslöschlich in mein Gedächtnis schrieb. Es war das Gefühl äußerster Sicherheit, das ich als damals Fünfjährige dabei empfand. Jetzt als älteres „Kind“ glaube ich, dass es eine uns innewohnende Gewissheit gibt, die uns das ganze Leben hindurch begleitet und dabei immer mehr an Bedeutung gewinnt: Ich habe einen Vater. Ich bin keine in einem feindlichen Umfeld zurückgelassene Waise, die ihren Heimweg wie auch immer allein finden muss. Ich habe einen Vater. Meine Zukunft ist sicher, und selbst mein gegenwärtiges Leid ist von Bedeutung. Ich habe einen Vater. Es gibt jemanden, an den ich mich wenden kann,wenn ich im Stich gelassen werde. Ich habe einen Vater. In seinem Schoße finde ich den mir zugedachten Platz, der mir dank des Opfertodes seines Sohnes sicher ist.
Paul Westervelt, Hrsg.: Discipleship
Journal (Nachfolge), Ausgabe 146
(März/April 2005). NavPress, 2005; 2006
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Ein Artikel von www.glaube.de
Veröffentlichungen bedürfen der vorherigen Genehmigung der Autoren.
Autor: Paula Rinehart, mit freundlicher Genehmigung:
Stiftung Weltweite Kirche Gottes in Deutschland
Foto: sxc.hu
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