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23-01-12

Günter Voelk: Die Wunden der Väter - Wenn Eltern ehrlich werden

Ein Beispiel: Kinder überleben nicht ohne ein Mindestmaß an Zuwendung.


 

Der Kampf um die Liebe

Seit der Vertreibung aus dem Garten Eden, seit dem Abgeschnittensein von der Geborgenheit Gottes, treibt menschliches Verhalten folgenreiche Blüten - oft sogar noch nach der geistlichen Wiedergeburt. Ein Beispiel: Kinder überleben nicht ohne ein Mindestmaß an Zuwendung. So kann völlige Nichtbeachtung unerträglicher sein als Schläge oder Grausamkeit. Wenn gerade keine Liebe zu haben ist, sorgen sie desto eher für negative Aufmerksamkeit, je kleiner sie sind. Größere Kinder haben noch ganz andere Möglichkeiten, die Vertrauenswürdigkeit der Elternliebe auszutesten und Missstände im Familiensystem aufzuzeigen.

Mein Ältester machte mit acht Jahren seine Eltern durch Stehlen und Beschädigungen in den Zimmern meiner Seminarteilnehmer darauf aufmerksam, dass er den drohenden Zerbruch der Ehe sehr wohl wahrnahm. Manche Kinder drücken ihre Hilferufe noch weit drastischer aus. Doch ganz gleich wie alt die Kinder sind: diese Art sich Aufmerksamkeit zu holen zerrt bei vielen Vätern und Müttern mit eigenem Liebesdefizit schwer an den Nerven. So entsteht aus negativer Aufmerksamkeit schnell negative Zuwendung. Davon sind auch Christen nicht verschont, solange die zentralen Lebensfragen nicht positiv beantwortet sind, und im Erwachsenenleben, in den Ehen und in den Diensten, können sich diese Zuwendungsmuster fortsetzen „bis in die dritte und vierte Generation“...

Verwundet von einem Verwundeten

"Habe ich das Zeug zu einem richtigen Mann, Papa, und stehst du hinter mir?" - Die lebenswichtigen Fragen, die jeder Junge an seinen Vater hat, waren von meinem Vater wieder und wieder auf erniedrigende Weise verneint worden. Die Initiation der Männlichkeit, die weder erkämpft noch verdient werden kann, sondern verliehen werden muss (John Eldredge in "Der ungezähmte Mann"), hatte er mir verwehrt - sicherlich ohne zu wissen was er tat. Doch selbst wenn er seit meinem 14. Lebensjahr als Rollenbeispiel nicht mehr taugte, so hatte ich trotzdem in meiner Familie noch zwei weitere Vatermodelle. Ihnen eiferte ich noch sehr lange nach, bis ich beschloss, selber zum Vorbild zu werden.
Die nächsten 25 Jahre orientierte ich mich an den Großvätern. Der eine, Firmengründer und Industriekapitän, wurde mein vergöttertes Vorbild. Als ich siebzehn war, hätte mich sein Ende zwar hellhörig machen müssen, denn er beging in seiner Traumvilla am Lago Maggiore Selbstmord. Aber noch wollte ich werden wie er: reich, prominent, mächtig. Ich hatte lange nicht gewusst, wie sehr und wie oft mein eigener Vater unter seinem Vater und dessen brutaler Unbarmherzigkeit zu leiden hatte, und dass ich von einem Verwundeten verwundet worden war. Ich glaubte einfach daran, dass ich meine ehrgeizigen Ziele auch mit den Eigenschaften des anderen Großvaters verbinden könnte. Ganz und gar der Typ des Grandseigneur, geistreich, väterlich-jovial, humorvoll, charmant, hoch dekorierter Jagdflieger im Krieg, wechselte er 1960 als Oberst der Luftwaffe in den diplomatischen Dienst an die deutsche Botschaft in London. Ihn habe ich nicht nur verehrt, ihn habe ich von Herzen geliebt. Genau so wollte auch ich werden, so weltoffen, so draufgängerisch. Bis er sich Anfang 1993 mit Zyankali umbrachte. Die Gründe waren bei beiden Großvätern Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, Altersdepression. Beide Lebensentwürfe waren gescheitert.
Dreieinhalb Jahre später waren auch meine eigenen Bemühungen katastrophal gescheitert, aus mir selbst heraus zum Vorbild zu werden für tausende von Selbsterfahrungsgruppen Teilnehmern, und natürlich für meine Frau und für meine Kinder - ein falsches Vorbild, wie die Männer in meiner Familiengeschichte vor mir. Auch ich hatte meine Ehe zerstört, und ich hatte meinen florierenden, aber gottlosen Seminarbetrieb vollkommen an die Wand gefahren.

Gewogen und zu leicht befunden

Doch an diesem Punkt meines Lebens kam ich durch ein einschneidendes, für mich hoch dramatisches Erlebnis zum Glauben. Nun hatte ich einen himmlischen Vater gefunden und nahm den Rat dankbar an, mir auch einen geistlichen Vater zu suchen, der mir den himmlischen näher bringen würde. Das war auch die Herausforderung, die gleichzeitig mein Erstgeborener an mich stellte - nur hatte ich damals noch nicht die leiseste Ahnung davon, was das bedeutete. Er hatte einige Wochen nach mir, mit knapp zwölf Jahren und aus eigenem Entschluss, sein Übergabegebet gesprochen. Ist es die uralte Geschichte aus 4.Mose 14,18, die sich hier wiederholen sollte? Die Geschichte von dem „Gott, der Vergehen vergibt, jedoch die Schuld (bzw. den Treubruch) der Väter heimsucht an der dritten und vierten Generation“, an den Enkeln und Urenkeln? Doch alles der Reihe nach.
Mein erster geistlicher Vater war Pastor einer kleinen evangelikalen Freikirche, und - wie auch der zweite - enorm geprägt von einer der vielen in den USA entstandenen Glaubensströmungen. Er begleitete mich auf meine Bitte hin durch das erste Jahr der Trennung und der beruflichen Neuorientierung. Ich war zu ihm gekommen mit den Worten: "Ich bin ein Timotheus, willst du für mich Paulus sein?" Was ich damals als roten Faden aus seiner Seelsorge herausfilterte, in meiner von Verlustangst eingeengten Urteilsfähigkeit, war der Ansatz "Do it right" - mach es richtig, dann wird der Vater im Himmel sich erbarmen und deine Ehe und deine Finanzen in Ordnung bringen.
Ich aber hatte an ihn - genauso wie an meinen leiblichen Vater - unbewusst eine alles entscheidende Frage, stellte ihn ebenso unbewusst auf die Probe... und wurde zum Austritt aus der Gemeinde aufgefordert. Ich umging gegen Ende dieses ersten Jahres immer öfter die Verhaltensregeln für meine private und berufliche Situation, die er mit mir ausgearbeitet hatte, und ließ ihn darüber im Unklaren, bis ich meinen Job verlor. Ahnen Sie schon, wie meine Frage an ihn lautete?
Mein zweiter geistlicher Mentor war Leiter einer Gebetsgruppe von Geschäftsleuten und glühender Anhänger des "Faith Movement", der Glaubensbewegung. Der rote Faden für meine kommenden zwölf Monate war "Believe it right - proclaim it right" - nimm den Sieg über dein Eheproblem und deine finanziellen Schwierigkeiten in Anspruch, glaube nur fest genug daran, proklamiere ihn, und habe für jede Situation die passende Bibelstelle parat, dann wird der Vater im Himmel sich erbarmen...
Befreit von der Last des Gesetzes war ich glücklich über die neue Hoffnung, und vertraute mich und die taufrische, IHK-preisgekrönte Gründung meines IT-Unternehmens seiner Führung an. Die unbewusste Frage an ihn war am Ende die gleiche wie beim ersten Mal, genauso der unbewusste, eigensinnige Test, dem ich ihn unterzog, und genauso die Antwort: Ich wurde brüsk aufgefordert, zu gehen. Zur selben Zeit wurde meine Ehe geschieden, und mein junges Unternehmen war bereits auf einer schiefen Bahn. Mein nun folgender Absturz in die Verzweiflung ist sicher nachvollziehbar.


Die Frage aller Fragen

Was nun war meine alles entscheidende Frage? Ich fand sie erst achtzehn Monate später heraus, am 18.6.2000, auf der Fortsetzung meiner Suche nach dem "richtigen" geistlichen Vater. Ich war in der Schweiz bei Dr. Bruce Thompson (Jugend mit einer Mission) gelandet. Seine liebevoll akzeptierende, ermutigende Art, seine Umarmung, sein Da-Sein waren für mich fast schon atemberaubend. In meiner stillen Zeit am nächsten Morgen dann die Offenbarung:
Die Frage aller Fragen war eigentlich an meinen himmlischen Vater gerichtet, und nur stellvertretend an Gottesmänner. Dem ersten stellte ich sie so: "Liebst du mich auch, wenn ich mich anders verhalte als du erwartest, wenn ich trickse, beschönige, dich sogar anlüge?" Seine Reaktion war ein klares Nein, doch die Antwort Gott Vaters an jenem Junimorgen: "Ja, Günter, auch dann liebe ich dich von Herzen!" Ich fing an zu weinen. Dem zweiten stellte ich die Frage anders: "Liebst du mich auch, wenn ich nach einer Phase der Freundschaft verstecktes Misstrauen aufkeimen lasse, wenn ich das Eine rede und das Andere tue, deine Gutwilligkeit anzweifle und den Rat eines anderen vorziehe?" Die Antwort des Mentors war wieder ein harsches nein. Die des Vaters im Himmel: "Ja, Günter, ganz genauso, auch dann liebe ich dich von Herzen!" Mein Weinen wurde stärker. Auch mein Erstgeborener hatte mit 14 diese Frage an mich gestellt. Erster Kontakt mit Rauschgift, Lügen, Ausspielen der Mutter gegen den Vater... Auch ich hatte ihm nicht die richtige Antwort gegeben.
"Und was ist deine Frage an Bruce?" Gott operierte jetzt am offenen Herzen. "Liebst du mich auch noch, wenn ich dir mein Misstrauen, meinen Unglauben an deine bedingungslose Liebe zeige? Wenn ich dir meine Sehnsucht zeige, von dir ganz persönlich, als Günter geliebt zu werden? Und wenn du es dann tust und ich dir dann auch noch ganz offen meine Zweifel gestehe, dass du das überhaupt willst oder kannst? Liebst du mich auch dann noch?" Bruce hätte vielleicht gesagt: "Ich glaube schon." Doch der himmlische Vater antwortete: "Ganz gewiss, Günter, ich liebe dich von Herzen, auch und gerade dann, wenn du dich so zeigst, wie du jetzt bist!" Und mein Weinen wurde zum leisen Schluchzen.

Wann ist ein Vater ein Vater?

Die Suche nach einem geistlichen Vater war zu Ende. Ich hatte begriffen, dass es die Sehnsucht des Vaters im Himmel ist, ganz und gar mein Vater sein zu dürfen, und dass ich ihm mein Vertrauen schenke. Ein Vertrauen, aus dem unmittelbar Werke hervorgehen, ein Vertrauen, das nicht mehr fragt: "Wie sehe ich dabei aus?", sondern: "Wie willst du es durch mich tun?"
Was folgte, waren noch drei Jahre auf Suche nach der "richtigen" Gemeinde, bis ich auch hier begriffen hatte. Es gibt sie noch nicht wieder in unseren Breitengraden, doch Gott steht kurz davor, „die verfallene Hütte Davids“ wieder aufzurichten. Dazu wird er auch die verwundeten Herzen vieler Väter heilen, vieler Pastoren, vieler Seelsorger, deren Er noch nicht sicher sein darf, dass sie im entscheidenden Moment die Frage aller Fragen richtig beantworten können. Denn sie werden von ihren geistlichen Kindern auf Herz und Nieren geprüft werden, wie echt ihre Liebe ist. Auch ich wurde geprüft, habe üble Nachrede und falsche Unterstellungen durch Teilnehmer meiner Gruppen erlebt... und musste erst sterben, erst erkennen, dass ich aus eigener Kraft kein Vorbild sein kann. Denn Gott will es selbst tun: in den Vätern, und durch die Väter.
Die Väter nach Gottes Herzen werden diejenigen sein, die ihre Wunden nicht vor ihren Schäfchen verbergen müssen, die für eine Operation am offenen Herzen nicht zu stolz sind, die begriffen haben, dass auch sie aufgerufen sind, ein Herz und eine Seele mit allen anderen zu sein - den anderen, die so gern mit den Vätern weinen würden um deren Vaterwunden. „Denn er (der Prophet Elia kurz vor dem Tag des Herrn) wird das Herz der Väter zu den Söhnen und der Söhne zu ihren Vätern umkehren lassen.“ (Maleachi 3,24)

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Ein Artikel von www.glaube.de.
Autor: Günter Voelk, g.voelk@web.de
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Foto: sxc.hu

Seminare von Günter Voelk:

Männertraining "Der ungezähmte Mann": Freitag, 25.05. 18:00 Uhr bis Montag  28.05. 17:00 Uhr Nähe Bamberg

Männertraining "Der ungezähmte Mann": Freitag, 22.06. 18:00 Uhr bis Sonntag 24.06. 17:00 Uhr Nähe Rottweil


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