Kerstin Hack: Danke sagen

Dankbare Menschen sind wie fruchtbare Felder, sie geben das Empfangene zehnfach zurück. ( AUGUST VON KOTZEBUE )
"Lächle und sag einfach danke " hat mal eine Freundin zu mir gesagt, als ich auf ein unerwartetes Geschenk mit der Höflichkeitsfloskel "Ich weiß gar nicht, was ich nun sagen soll? " reagiert habe. Lächeln und "danke " sagen ist etwas, was uns im Alltag häufig nicht so leicht gelingt. Kürzlich hat eine Werbeanzeige das witzig thematisiert. Man sah eine leere Packung Papiertaschentücher der Marke XY, für die geworben wurde. Darunter stand der Satz "Danke, Deutschland. Nirgendwo sonst wurde so viel geheult und gejammert. " Für die Fabrikanten von Taschentüchern mag die Jammermentalität Umsatz fördernd sein, für alle anderen ist der ständige Blick aufs Negative alles andere als gewinnbringend. Durch den starren Blick aufs halbleere Glas verdirbt man
sich und anderen die Laune, lähmt die Lebensenergie und verschwendet kostbare Lebenszeit. Das beste Gegenmittel gegen diese Lebenshemmung ist die Dankbarkeit.
Die Zeitschrift "Psychologie heute " hat im Jahr 2003 eine ganze Ausgabe dem Thema Dankbarkeit gewidmet. Psychologen hatten festgestellt, dass sich Dankbarkeit stärkend und stabilisierend auf den ganzen Körper auswirkt. Dankbare Menschen sind weniger gestresst, weniger depressiv und erreichen mehr Lebensziele als undankbare Menschen.
"Menschen, die Dankbarkeit nicht gelernt haben, konzentrieren sich meist auf das, was sie nicht haben, was ihnen nicht gelingt, was ein anderer Mensch hat - und erschweren sich damit zusätzlich ihr Leben. " heißt es da, und: "Der undankbare, neidische Mensch lähmt sich selbst. "(2)
Gott wusste das schon lange. Schon zu Beginn der Schöpfung baut er Dankbarkeit bewusst in seinen Tagesrhythmus ein. Am Ende des Tages schaut er zurück und betrachtet alles, was er gemacht hat. Und weil noch niemand anderes ihm ein Kompliment machen und ihm Danke für die wunderbare Welt sagen konnte, die er erschuf, tat er es selbst: "Und er sah alles, was er gemacht hat - und siehe, es war gut! "
Positiver, anerkennender und dankbarer Rückblick auf das Geleistete ist eines der besten Mittel gegen die Hektik unserer Zeit. Wir sehen oft nur auf das, was noch nicht erledigt ist, noch wie ein Berg vor uns steht "Wenn erst mal das Projekt abgeschlossen ist! " "Wenn erst mal die Kinder groß sind. " Und vor lauter Blick auf die Zukunft sehen wir nicht, was wir gerade an diesem Tag bewältigt, geschafft und geleistet haben. Und wir vergessen, dem Menschen Dankbarkeit und Anerkennung zu zeigen, der sie am meisten braucht: Uns selbst. Es fällt uns schwer, dankbar für das zu sein, was wir haben oder erreicht haben, weil wir es oft nicht wahrnehmen. Dankbarkeit kann man bewusst einüben. Gott nahm sich offensichtlich am Ende des Tages bewusst Zeit für einen dankbaren Rückblick. Er nahm wahr, was er getan hatte.
Um den dankbaren Rückblick nicht zu vergessen, habe ich mir einige Erinnerungshilfen in meinen Alltag eingebaut. An Arbeitstagen habe ich in der Regel eine "Action- List " vor mir liegen, , auf der alles steht, was ich an diesem Tag erledigen möchte. Früher habe ich die Dinge, die ich erledigt habe, immer durchgestrichen. Am Abend konnte ich dann zwar auf ein weitgehend durchgestrichenes Blatt schauen, aber ich hatte keinen Überblick mehr darüber, was ich denn nun eigentlich geschafft hatte. Jetzt mache ich das anders: Alle Dinge, die ich erledigt habe, markiere ich mit grünem Textmarker. Grün ist für mich Symbol für Leben und die grünen Flächen bringen für mich zum Ausdruck:
Hier habe ich etwas zum Wachsen gebracht, etwas, was vorher noch nicht da war, ist jetzt vorhanden. Ich habe nicht nur etwas geschafft, sondern etwas gestaltet und geformt. Das ist ein gutes Gefühl. Wenn ich Bücher schreibe, mache ich das ähnlich. Ich habe ein kariertes Blatt Papier neben meinem Schreibtisch, in das ich Fortschritte eintrage: Für jede fertig geschriebene Seite wird ein weiteres Karo ausgemalt. So kann ich jeden Tag sehen, wie das Projekt wächst. Das ist ein wunderschönes Gefühl.
Außerdem liegt auf meinem Couchtisch, an dem ich am Ende des Tages gerne sitze, ein kleines Danke- Buch. Am Abend, wenn ich den vergangenen Tag nochmals vor meinem inneren Auge Revue passieren lasse, schreibe ich mir meine Erfolge (die Dinge, für die ich mich selbst loben kann) und andere Gründe für Dankbarkeit auf. Ich gebe zu: An manchen Abenden bleibt das Buch ungeöffnet auf dem Wohnzimmertisch liegen. Aber an den Abenden, an denen ich es aufschlage und darüber nachdenke, was und wer mein Leben an diesem Tag bereichert hat, gehe ich mit einem ganz anderen Gefühl schlafen.
Es tut gut, nicht nur auf die eigene Tagesleistung zu blicken, sondern auch den Blick dafür offen zu halten, was man vom Leben geschenkt bekam. Vieles von dem, was wir für normal halten, ist für die meisten Menschen auf der Erde keineswegs selbstverständlich: Das Wasser, das aus dem Wasserhahn fließt, der volle Kühlschrank.
Und darüber hinaus gibt es die Menschen, die unser Leben durch ihre Anwesenheit bereichern. Häufig sind es die kleinen Dinge, mit denen sie uns große Freude machen. Ich habe keine große Liebe fürs Detail. Dinge wie Steuerprüfungen versetzen mich immer in Panik, weil ich Angst davor habe, unwissentlich etwas in die falsche Spalte zu schreiben. Ich befürchte, dass irgendein kleiner Fehler einen Rattenschwanz an zusätzlicher Verwaltungsarbeit nach sich zieht. Ich hasse es, Formularberge korrekt ausfüllen zu müssen. Vor kurzem musste ich alle Personalunterlagen meines Verlages zur Prüfung einreichen. Obwohl es sich um einen Routinevorgang handelte, hat die Angst, womöglich irgendetwas falsch gemacht zu haben, bei mir so viel Panik ausgelöst, dass ich sogar im Urlaub mit Alpträumen aufwachte. Dann rief mich die Mitarbeiterin der Prüfungsstelle an und teilte mir mit, dass ich zwar ein kleines Detail vergessen habe. Da es sich nur um einen Betrag im Centbereich ( 0, 0002% des Gesamtbetrags) handeln würde, werde sie "ohne Beanstandungen "auf den Prüfbericht schreiben. Ich war so glücklich dafür, dass ein Mensch großzügig über eine winzige Ungenauigkeit hinweg sah und mich nicht zwang, alles noch einmal zu machen, dass ich nach dem Gespräch laut gejubelt habe. Hier hat mich ein Mensch wirklich beschenkt. "Kleinigkeiten machen die Summe des Lebens aus ", hat Charles Dickens einmal gesagt. Wenn man es bewusst lernt und trainiert, dankbar zu sein, wird man das Leben als Ganzes umfassender genießen können. Dankbarkeit kann man konkret trainieren. Mir hilft es, ganz konkrete Fragen zu stellen.
In meinem Dank- Buch habe ich sie aufgeschrieben:
-Was besitze ich, was ich heute noch nicht hatte?
Diese Frage bringt mich zum Nachdenken über die Dinge,
die mir das Leben an diesem Tag geschenkt hat: Der Son-
nenschein im Gesicht, der mir neue Energie gegeben hat.
Die neuen Socken in meinem Wäscheschrank, aber auch
die Dinge, die ich erreicht und geschaffen habe.
-Welche Menschen haben den Tag heute angenehmer
gemacht?
Die meisten wirklich wertvollen Geschenke erhalten wir
von Menschen. Vor zwei Tagen habe ich an die Menschen
gedacht, die mein Leben bereichern und ihnen eine kurze
SMS geschrieben und das zum Ausdruck gebracht. Es hat
einfach gut getan, Ihnen "Danke " dafür zu sagen, , dass sie
meine Freunde sind und mein Leben bereichern. Zwei
schrieben mir zurück . . . Eine, dass sie an diesem Tag inten-
siv an mich gedacht habe. Und ein anderer, dass ihn die
SMS gerade in einem Moment erreicht habe, wo er diesen
emotionalen Vitaminstoß dringend brauchte. Es ist so
leicht "Danke " zu sagen, , wenn man erst einmal wahr-
nimmt, wie beschenkt man ist.
-Wie habe ich heute anderen den Tag schöner gemacht?
Ja, ich weiß. Man soll sich nicht selber loben. Aber einen
Blick auf das zu werfen, was man getan, geleistet und ande-
ren geschenkt hat, tut gut. Nicht um ewig darauf herum zu
kauen wie auf einem alten Kaugummi, sondern um sich
bewusst zu machen: Durch ein schlichtes "Danke " trage
ich etwas zur Verbesserung der Lebensqualität anderer
Menschen bei. Auch das ist ein gutes Gefühl.
Tipps
-Machen Sie sich Merkhilfen, die sie daran erinnern, dank-
bar zu sein.
-Gewöhnen Sie sich eine Routine der Dankbarkeit an.
Dabei kann helfen, sich konkrete Fragen zu stellen und sie
gegebenenfalls auch aufzuschreiben.
-"Danke " sagen oder schreiben kann man trainieren.
Machen Sie eine Liste mit den Namen der Menschen,
denen sie schon immer mal danken wollten. und dann
kommunizieren Sie mit ihnen: Eine Karte, eine Mail, ein
Anruf, eine Umarmung: "Schön, dass es dich gibt! "
Mein Entschluss
Ich will eine Routine der Dankbarkeit in mein Leben integrieren, in-
dem ich...................................................................................
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Anmerkung:
2 Psychologie heute, 2003, Heft 11, S. 22 u. 23
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Ein Artikel von www.glaube.de
Auszug aus: Kerstin Hack. Swing. Lebe im Rhythmus der Schöpfung.
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin, 29-11-2004. Das Buch kann man in jeder guten Buchhandlung erhalten (ISBN 3-935992-24-6) oder direkt im Onlineshop des Down to Earth Verlages bestellen:
www.shop.down-to-earth.de
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