Pastor Thomas Vollenweider: Freundschaft

"Ein wahrer Freund ist immer ein Freund." George Macdonald (1824 - 1905)
"Ein treuer Freund ist wie ein festes Zelt in der Wüste; wer einen solchen findet, hat einen Schatz gefunden. Für einen treuen Freund gibt es keinen Preis, nichts wiegt seinen Wert auf." Jesus Sirach 6.14-15
Was ist ein Freund? Warum ist er uns so wichtig?
- Einem Freund kann man alles sagen.
- Ein Freund weiß, wie es einem zumute ist; er versteht mich.
- Ein Freund geht ehrlich mit einem um.
- Ein Freund holt einen wieder auf den Boden wenn man abgehoben hat.
- Ein Freund ist da, wenn man ihn braucht.
- Ein Freund will keinen Dank für seine Hilfe.
- Ein Freund ist der, auf den Verlass ist.
- Ein Freund darf/soll mich korrigieren.
- Ein Freund vergibt gerne.
- Ein Freund ist verschwiegen; bei ihm sind Geheimnisse gut aufgehoben.
- Ein Freund nimmt sich Zeit für mich.
- Ein Freund legt nicht jedes Wort auf die Goldwaage.
- Der Freund ist einer, der alles von dir weiß, und der dich trotzdem liebt. (Elbert Hubbard)
- Ein Freund ist ein Mensch, vor dem man laut denken kann. (Ralph Waldo Emerson)
Freundschaft
Wikipedia definiert so: "Freundschaft, umgangssprachlich verstanden, ist eine subjektiv wahrgenommene positive zwischenmenschliche Beziehung, die sich als wechselseitiges Sympathie-Gefühl festigt. Eine wissenschaftlich korrekte Erklärung im Sinne einer wiederholbaren Messung der Stärke einer Freundschaft ist schwer möglich."
Wir wollen ja auch gar keine wissenschaftlich korrekte Erklärung, oder? Wir wollen jedoch selber damit Erfahrungen sammeln und selber gute Freunde haben. Die Bibel gibt uns einige wunderbare Beispiele von Freundschaften, die sehr tief gehen, zum Beispiel zwischen David und Jonathan:
David und Jonatan schlossen einen Bund und schworen sich ewige Freundschaft. (1. Samuel 18, 3) Er bat David: «Schwör mir, daß du dich so sicher daran halten wirst, wie du mich heute als deinen Freund liebst.» Jonatan liebte David nämlich wie sein eigenes Leben. (1. Samuel 20, 17) Mein Bruder Jonatan, wie schmerzt mich dein Verlust. Du warst mir lieber als der größte Schatz der Welt. Niemals kann die Liebe einer Frau ersetzen, was deine Freundschaft mir bedeutet hat. (2. Samuel 1, 26)
Aber noch wertvoller als eine freundschaftliche Beziehung zwischen Menschen ist das Angebot, dass wir Freundschaft mit Gott haben können. Dass Gott selber Freundschaft mit uns will. Im Alten Testament waren es einige wenige, von denen gesagt wird, dass sie in solch einer engen Beziehung zu Gott standen, zum Beispiel Abraham und Mose.
Abraham glaubte Gott, und dadurch fand er seine Anerkennung.» Ja, er wurde sogar der «Freund Gottes» genannt. (Jakobus 2, 23, vgl. auch 2. Chronik 20,7; Jesaja 41,8)
Der Herr sprach mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie Freunde miteinander reden. (2. Mose 33, 11)
Im Neuen Testament lesen wir, dass Jesus Lazarus als "unseren Freund" bezeichnet (Johannes 11, 11). Herr, dein Freund Lazarus ist schwer erkrankt. (Johannes 11,3)
Später treffen wir erneut auf den Begriff "Freunde", und zwar als Bezeichnung der Jünger, zum Beispiel: Ohne Zeit zu verlieren, liefen sie sofort nach Jerusalem zurück. Dort waren die elf Jünger und andere Freunde Jesu zusammen. (Lukas 24, 33) Ich wünsche dir Gottes Frieden. Die Freunde von hier lassen dich grüßen. Grüße auch du bitte jeden einzelnen unserer Freunde. (3. Joannes 1, 15)
Jesus hat das ganz explizit erklärt: Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn einem Knecht sagt der Herr nicht, was er vorhat. Ihr aber seid meine Freunde; denn ich habe euch alles gesagt, was ich vom Vater gehört habe. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch zu mir gerufen, damit ihr hingeht und Frucht bringt, die bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, worum ihr ihn in meinem Namen bittet. Deshalb sage ich euch noch einmal: Ihr sollt einander lieben. (Johannes 15, 15-17)
Gott will uns zu seinen Freunden machen. Er will eine Freundschaft eingehen, mit mir, mit dir, mit uns. Das ist einfach unglaublich. Er, der Schöpfer des Universums, der von Ewigkeit her Seiende Gott, will mit mir eine Freundschaft eingehen? Das gibt?s doch nicht. Doch, genau das ist ein Kennzeichen des Christentums und unterscheidet den christlichen Glauben von anderen Religionen.
Freundschaft mit Gott. Was bedeutet das? Ich nenne 5 Aspekte (ohne Garantie auf Vollständigkeit).
1. Vertrautheit und Nähe
Gott bietet uns durch den Glauben an Jesus eine ganz persönliche Beziehung an. Dazu gehört ein wesentlicher Aspekt jeder Freundschaft: Kommunikation. Das gegenseitige Schreiben von Briefen war in unserem Kulturkreis schon immer ein wichtiges Mittel zur Pflege von Freundschaft.
Das ist auch die Bedeutung des Gebets als offenes Gespräch mit einem Freund, dem wir alles sagen, in dessen Nähe wir zur Ruhe kommen und aufatmen können: Lesen der Bibel als Brief und Vermächtnis unseres besten Freundes. Natürlich ist es wichtig, dass wir uns darin auskennen, denn auch durch sein Wort kommuniziert er mit uns.
Gott zieht uns ins Vertrauen. Das ist die Begründung, die Jesus dafür gibt, dass wir nicht mehr Knechte, sondern Freunde sind. Einem guten Freund kann man alles anvertrauen, was einem wichtig ist. Jesus will uns so ins Vertrauen ziehen... Ist das nicht unglaublich?
2. Treue und Verlass
Ein weiteres Kennzeichen von Freundschaft ist gegenseitiges Vertrauen, Treue und Verlass. Freunde glauben aneinander und halten aneinander fest, auch in Krisenzeiten.
Auf einen Freund kannst du dich immer verlassen; wenn es dir schlecht geht, ist er für dich wie ein Bruder. (Sprüche 17, 17)
Nicht nur glauben wir an Gott, dass Er uns ein treuer Freund ist, sondern er setzt sein Vertrauen auch in uns. Er glaubt an mich, investiert in mich und hilft mir, auch ihm treu zu sein - ihn immer weniger häufig zu enttäuschen.
Freundschaft erfordert Treue. Eine der schönsten Geschichten, in der die Treue Gotte zu uns Menschen deutlich wird, ist die Geschichte von dem Fischer und seiner Frau.
In einem Fischerdorf ist es ungeschriebenes Gesetz, dass eine Frau, die beim Ehebruch ertappt wird, von einem hohen Felsen gestürzt werden muss. Wieder einmal verurteilen die Ältesten des Dorfes eine Frau, die mit einem Matrosen die Ehe gebrochen hat. Doch in der Nacht steigt der betrogene Ehemann in die Felswand und spannt ein Netz aus starken Seilen über den Abgrund, das er mit Gras, Stroh und Kissen ausstopft. Am anderen Morgen wird das Urteil vollstreckt, aber die Frau stürzt in das Netz der Liebe ihres Mannes. In ihrer Unentschlossenheit rufen die Dorfbewohner die Markgräfin an, die der Frau ihr eigenes Haarnetz schenkt zum Zeichen dafür, dass die Liebe des Fischers ihre Schuld aufgefangen hat.
Gott ist der Fischer, der uns untreuen Menschen mit seinem Netz der Vergebung Jesu Christi auffangen und retten möchte.
3. Freiheit und Respekt
Freundschaft kann nie erzwungen sein. Sie kann nicht verordnet werden. Freiheit und Respekt spielen eine große Rolle. Eine Geschichte, an die wir in diesem Zusammenhang erinnert werden, ist die vom kleinen Prinzen und dem Fuchs (Antoine de Saint-Exupéry):
"Der Fuchs schaute den Prinzen lange an: "Bitte ? zähme mich." sagte er. "Ich möchte wohl", antwortete der kleine Prinz, "aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muss Freunde finden und viele Dinge kennen lernen." "Man kennt nur die Dinge, die man zähmt", sagte der Fuchs. "Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennen zu lernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme mich." "Was muss ich da tun?" sagte der kleine Prinz. "Du musst sehr geduldig sein", antwortete der Fuchs. "Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen aus dem Augenwinkel anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können ?"
Am nächsten Morgen kam der kleine Prinz zurück. "Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen", sagte der Fuchs. "Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll." So machte der kleine Prinz den Fuchs mit sich vertraut."
Freundschaft hat immer zwei Seiten: Ein Freund sein und einen Freund haben. Geben und Nehmen. Eine Freundschaft ist erst vorhanden, wenn sie von beiden Seiten als solche erkannt und geschätzt wird. Mit anderen Worten: Er reicht noch nicht aus, zu erklären, dass jemand mein Freund ist, oder dass ich sein Freund bin. Erst wenn der andere diese Empfindung erwidert, wird eine Freundschaft draus.
Jesus hat ausdrücklich erklärt, dass wir seine Freunde sein sollen. Er ist nicht nur unser Freund, sondern wir sollen auch seine Freunde werden. Erst so entsteht Freundschaft zwischen uns und Gott.
4. Sorge, Liebe und Zeit
Wer so verzweifelt ist wie ich, braucht Freunde, die fest zu ihm halten, selbst wenn er Gott nicht mehr glaubt. (Hiob 6, 14)
Ein Freund sorgt sich um mich, er nimmt sich Zeit, er ist für mich da. Warum? Ganz einfach: Weil er mich lieb hat. Weil ich ihm wichtig bin. Und genauso ist Gott, mein Freund, immer für mich da. Er sorgt für mich. Ich darf alle meine Sorgen auf ihn werfen.
5. Verbindlichkeit und Verpflichtung
Eine aufrichtige Antwort ist ein Zeichen echter Freundschaft, so wie ein Kuss auf die Lippen. (Sprüche 24, 26)
Jede Freundschaft bringt auch Konsequenzen mit sich. Freunde gehen eine gegenseitige Verpflichtung ein. Freundschaft ist eine "Gemeinschaft des Geistes", wie der Soziologe Ferdinand Tönnies es definiert. Und das hat Auswirkungen. Jesus sagt: Und ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch aufgetragen habe. (Johannes 15, 14)
Gott gehört der erste Platz.
Niemand kann gleichzeitig zwei Herren dienen. Wer dem einen richtig dienen will, wird sich um die Wünsche des andern nicht kümmern können. Genauso wenig könnt ihr zur selben Zeit für Gott und das Geld leben. (Matthäus 6,24)
Und im Jakobusbrief lesen wir: Wie erbärmlich vergeltet ihr Gottes Treue. Ist euch denn nicht klar, dass Freundschaft mit der Welt zugleich Feindschaft mit Gott bedeutet? Wer also ein Freund dieser Welt sein will, der wird zum Feind Gottes. Oder meint ihr, die Heilige Schrift sagt ohne jeden Grund: «Gottes Geist, der in uns wohnt, will uns ganz allein besitzen? (Jakobus 4, 4-5)
Es ist ja eigentlich auch völlig klar. Eine Freundschaft beglückt und ehrt uns, aber sie verpflichtet uns auch. Warum sollte das bei Gott anders sein? Wenn wir schon Seine Freunde sind, und Er an uns glaubt, dann wollen wir auch alles tun, was in unserer Macht steht, um dem zu entsprechen und Ihn nicht zu enttäuschen. Oder?
Gastfreundschaft
Noch ein Wort zur Gastfreundschaft: Warum ist sie uns so wichtig in der Gemeinde Jesu Christi? Gastfreundschaft ist der ausgestreckte Arm der Freundschaft, ein sichtbares Zeichen der Liebe Gottes. Keine Freundschaft ohne Gastfreundschaft. Sie signalisiert: Du bist bei uns willkommen. Mit der Tasse Kaffee und dem Stück Kuchen drücken wir das aus. Mit den geputzten und ordentlichen Räumen, mit einem gepflegten Grundstück geben wir diese Botschaft weiter. Unser Umgang mit Besuchern und Gästen zeigt: Gott will unsere Freundschaft. Er streckt dir Seine Hand einladend entgegen und bietet dir Seine Freundschaft an. Freundschaft mit dem lebendigen Gott.
Wir dürfen ihn darin unterstützen. Wir wollen mit allem, was wir sind und tun, zeigen, dass wir Freunde sein wollen. Viele Menschen suchen Freundschaft. Sind wir bereit, jemandem Freund zu sein?
Dazu gehören Offenheit für Fremde, Interesse am Anderen, Kennenlernen durch Gespräche, persönliche Einladungen.
Die Devise sollte lauten: Aus Fremden werden Freunde. Oder: In der Gemeinde sind Gäste willkommen, aber man muss nicht lange Gast bleiben. Man darf und kann ein Freund werden.
Gott will mit mir, mit dir, mit uns Freundschaft!
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Ein Artikel von glaube.de.
Autor: Thomas Vollenweider / Pastor der Lydia-Gemeinde Berlin
Mit freundlicher Genehmigung für Glaube.de
Thomas Vollenweider ist Pastor der Lydia-Gemeinde in Berlin Rudow und Superintendent der Kirche des Nazareners. Er gehört zum Vorstand von Gemeinsam für Berlin.
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