Ursula Kischkel: Die Agape-Liebe Gottes

Im Deutschen gebrauchen wir das eine Wort "Liebe" für ganz unterschiedliche Arten von Liebe. Das Griechische ist da differenzierter: filia (Freundschaft), storge (mütterliche Liebe zu einem Kind), eros (Liebe zwischen Mann und Frau).
Und dann gibt es noch eine ganz spezielle Art von Liebe. Dieses Wort wird erst im Neuen Testament geprägt, das gab es vorher im Griechischen so gut wie gar nicht: die Agape - Liebe. Wenn im Neuen Testament von dem Liebesgebot die Rede ist, steht da immer "agape". So sagt z.B. Jesus in Joh. 13,34-35: "Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebhabt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt."
Wie sieht diese Agape-Liebe aus?
Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe... D.h. wir können sie an Jesus erkennen! Er hat sie vollkommen gelebt. Er ist der Maßstab! Wenn wir Jesus anschauen, dann sehen wir Agapeliebe in Person. Jesus ist auch die Quelle für diese Liebe. Nur wenn ich mich an ihn anschließe, lerne ich, auch so zu lieben wie er. Denn aus eigener Kraft können wir nicht in dieser Weise lieben.
Deshalb wird die Agapeliebe auch als Geschenk des Heiligen Geistes bezeichnet, Gal. 5,22: Die Frucht des Geistes ist Liebe (agape).
Am genauesten wird die Agapeliebe im 1. Kor. 13, dem sog. Hohelied der Liebe beschrieben. Er wird oft auch als Trautext verwendet, aber eigentlich ist es zuerst an die Gemeinde gerichtet, hier an die Korinther, wie sie untereinander die Liebe leben sollen. Als ich es genauer gelesen habe, habe ich gemerkt, wie spannend das ist, was alles hinter jedem einzelnen der Aussagen steckt.
1. Kor. 13,4-8a:
"Die Liebe ist langmütig und freundlich,
die Liebe eifert nicht,
die Liebe treibt nicht Mutwillen,
sie bläht sich nicht auf;
sie verhält sich nicht ungehörig,
sie sucht nicht das Ihre,
sie lässt sich nicht erbittern,
sie rechnet das Böse nicht zu,
sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit,
sie freut sich aber an der Wahrheit,
sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.
Die Liebe hört niemals auf."
Es sind im griech. lauter Tätigkeitswörter (auch das "langmütig-sein") es klingt, als ob die Liebe eine Person wäre, die etwas tut. D.h. das Wesen der Liebe liegt in ihrem Tun! Auf ihr Tun, auf ihr Handeln kommt es an.
Außerdem ist die Liebe auch wirklich eine Person. Überall, wo hier Liebe steht, können wir den Namen "Jesus" einsetzen. Denn er ist die person-gewordene Liebe Gottes. Es gemeinsam so mal lesen:
Jesus ist langmütig und freundlich,
Jesus eifert nicht,
Jesus treibt nicht Mutwillen,
Jesus bläht sich nicht auf;
Jesus verhält sich nicht ungehörig,
Jesus sucht nicht das Eigene,
Jesus lässt sich nicht erbittern,
Jesus rechnet das Böse nicht zu,
Jesus freut sich nicht über die Ungerechtigkeit,
er freut sich aber an der Wahrheit,
Jesus erträgt alles, Jesus hofft alles, Jesus erduldet alles.
Jesus hört niemals auf. (auch das stimmt, denn er bleibt derselbe in alle Ewigkeit)
Ja, so ist seine Liebe und noch viel mehr. Sie übersteigt alle unsere Vorstellungen, so wie es in Eph. 3 heißt: So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft."
Wenn wir allerdings unseren eigenen Namen versuchen, einzusetzen, hören wir schnell wieder auf damit, zumindest mir geht es so: Ursula ist langmütig und freundlich ... . Ich weiß, dass ich das bei weitem nicht immer bin. Ihr könnt es ja mal mit eurem Namen testen ...
Wenn wir das so nüchtern sehen, dass wir in dieser Weise nicht lieben können, soll uns das aber nicht frustrieren, sondern einfach noch viel mehr an Jesus anschließen. Wenn Jesus in uns lebt, durch seinen Geist, dann haben wir auch die Chance, mit seiner Liebe lieben zu lernen!
Was heißt das konkret?
Schauen wir uns einiges davon an, was die Agapeliebe tut:
Die Liebe ist langmütig
Wörtlich bedeutet das: einen langen Weg bis zum Zorn haben, einen langen Atem haben, mit langer Kraft lieben, d.h. geduldig sein und den anderen nicht fallen lassen.
Das fängt im ganz Kleinen an, im täglichen Zusammenleben in einer Familie, oder einer WG: da gibt es so die typischen Eigenheiten, die wir selbst und die anderen haben, und an denen wir uns wunderbar reiben können: Haare im Waschbecken liegen lassen, Fischgräten in der Küche ... Das mit Humor nehmen und es auch zum 10. Mal wegräumen. Man darf natürlich auch mal was sagen.
Alle, die irgendwie mit Erziehung zu tun haben, brauchen eine große Portion von diesem langem Atem. Im Gespräch kriege ich das immer wieder mit: Eltern mit ihren Teenagern, die in der Pubertät sind und die manche Dinge einfach nicht einsehen wollen, dass es z.B. wichtig ist, ein bißchen für die Schule zu investieren.
Der lange Atem auch bei schwerwiegenden Dingen gefragt: Wenn eine Frau beispielsweise seit vielen Jahren dafür betet, dass ihr Mann zum Glauben kommt - ich kenne zwei Frauen, die das mit einer Liebe tun, die sie, denke ich, nicht aus sich selber haben, sondern die von Jesus kommt.
Jesus hatte diese "Langmut". Er hat z.B. Petrus nicht fallen gelassen, als er ihn verleugnet hatte, sondern er hat ihm eine neue Chance gegeben.
Sie eifert nicht
Vgl. Eifer-sucht.
Sie ist nicht neidisch. Wenn ich neidisch bin, dann gönne ich dem anderen nicht das Gute, das er hat. Ich freue mich nicht zusammen mit ihm über sein Glück, von daher ist klar, dass der Neid gegen die Liebe geht.
Hier kann man gut das Zusammenspiel von eigener Verantwortung auf der einen Seite und Liebe als Gabe Gottes erkennen. Bild vom Garten: dass Blumen und Früchte wachsen, ist letztlich nicht die Leistung des Gärtners, es ist ein Geschenk Gottes. Auch wir können die Agapeliebe, diese selbstlose Liebe, die an keine Bedingungen geknüft ist, nicht selber in uns produzieren. Dazu brauchen wir den Heiligen Geist, der uns dazu fähig macht. Aber unsere Verantwortung ist es, wie ein Gärtner das Unkraut auszureißen, samt allen Wurzeln.
Neid ist so ein giftiges Unkraut. Wenn ich ab und zu in eine Situation komme, in der Neid in mir aufsteigt, dann weiß ich das nur eines hilft: mich bewusst dagegen zu entscheiden, diese Wurzel nicht zuzulassen, Gott um Vergebung zu bitten.
Die Liebe treibt nicht Mutwillen
schwer verständlich, wörtlich: sie tut nicht groß, gemeint ist: sich wichtig tun, sich selbst in den Vordergrund stellen, angeben mit etwas, was man hat (Besitz, Ausbildung, oder auch subtiler: erzählen, wie viel man zu tun hat, wieviele Leute man kennt, was man alles für andere tut...)
Es ist eine Sache von unserem Herzen. Darauf kommt es an. Es ist nicht unbedingt die Frage, was ich erzähle, sondern mit welcher inneren Haltung ich es tue. Ich kann mich da nur selbst prüfen: will ich mich selbst irgendwie damit wichtig machen? Oder brauche ich das gar nicht, weil Gott mich kennt und liebt. Das genügt!
Sie bläht sich nicht auf
Sich nicht aufblasen, kein großes Getue machen (übrigens sagt Paulus: die Erkenntnis bläht auf - aber die Liebe baut auf)
Sie verhält sich nicht ungehörig
Es geht hier darum, dass ich nichts tue, was die Würde des anderen verletzt, dass ich ihn nicht beschäme oder bloß stelle. Dass ich seine Grenzen respektiere - sowohl seelische wie körperliche.
Sie sucht nicht das Ihre
Hier liegt der Schlüssel der Agape-Liebe: sie ist eine selbstlose, schenkende Liebe. Sie dreht sich nicht um die eigenen Bedürfnisse, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sondern sie ist zuerst auf den anderen ausgerichtet: was ihm gut tut, was er braucht.
Wie kann ich in diese Liebe hineinwachsen, die den anderen sucht und nicht sich selbst? Heiliger Geist + eigener Willen. Der Heilige Geist wirkt nie gegen unseren Willen an uns, sondern mit unserem Willen zusammen.
Was mir hilft, mich auf jemand auszurichten: Mich in den anderen hineinzuversetzen, in seine Haut zu schlüpfen und mir versuchen, vorzustellen, wie es ihm/ ihr wohl gerade geht, was ihm/ ihr gerade gut tun würde. Phantasie gefragt. Und was noch besser ist: für den anderen beten. Jetzt bin ich mit meinem Herzen beim anderen und zugleich lerne ich, ihn aus der Perspektive Gottes anzuschauen - tiefer zu sehen mit der Liebe Gottes, seine Wert + Einmaligkeit zu sehen oder was er/ sie wirklich braucht.
Das Gebet ist eine der besten Agapeliebe - Übungen. Im Gebet werden wir mit Gottes Liebe für bestimmte Menschen gefüllt. Auch das Sprachengebet ist eine große Hilfe, wer diese Gabe hat.
Selbstlose Liebe heißt jetzt aber nicht, dass ich mich selber gar nicht mehr mit Liebe beschenken lassen kann. Zur echten Liebesfähigkeit gehört auch das Annehmen von Liebe. Auch Jesus hat sich mit Liebe beschenken lassen (Salböl der Maria). Aber es ist ein Unterschied zwischen bedürftiger Liebe, die auch echte Liebe ist (Kind; wir gegenüber Gott) und selbstsüchtiger Liebe, in der wir um unsere Bedürfnisse kreisen, darauf fixiert sind, nur unseren Vorteil suchen.
Sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu
Innerlich keine Buchführung betreiben, was mir jemand schon alles angetan hat, sondern: vergeben!
Sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich mit der Wahrheit
Jesus hat sehr deutlich die Ungerechtigkeit beim Namen genannt. Seine Liebe ist aufs engste mit der Wahrheit verknüpft. Seine Liebe ist nie oberflächlich ("immer lieb und nett sein"), sondern er zeigt, wo allein die wahre Lösung für ein Problem zu finden ist, er nennt Sünde auch Sünde. D. h. in der Agape-Liebe dürfen wir auch sehr klar die Wahrheit sagen, das, was dem anderen wirklich weiterhilft.
Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles
Nicht an das Gute im Menschen glauben, sondern es ist der Glaube an Gott, dem nichts unmöglich ist, der den anderen Menschen retten, verändern, heilen kann.
Erdulden und Ertragen: nicht passiv oder gar resigniert, sondern hier ist eine innere Stärke gemeint, eine innere Standfestigkeit, die entsteht, wenn wir selbst fest in Gottes Liebe verwurzelt sind.
Die Liebe hört niemals auf
Die Agapeliebe hört niemals auf. Je mehr unsere natürliche Liebe von der Agapeliebe durchdrungen und getragen wird, umso mehr wird sie zu etwas Bleibendem von Ewigkeitswert.
Konkretion:
Gebet: Jesus, lass mich ein Kanal sein für deine Liebe! Vielleicht speziell für einen Bereich unseres Lebens, der uns gerade wichtig ist: für meine Kollegen und Kolleginnen am Arbeitsplatz; für die Leute in meinem Hauskreis, in der Familie: für meinen Mann bzw. meine Frau; für meine Kinder, für meine Nachbarn.
Jesus ich stelle mich dir und deiner Liebe zur Verfügung. Ich möchte die Menschen mit deiner Liebe lieben lernen.
Vielleicht fällt uns dann etwas ganz Praktisches ein, was es für die nächsten Tage bedeuten könnte: zu einem Kaffee einladen, zuhören und nachfragen, vergeben, ein kleines Überraschungsgeschenk machen, etwas Schönes zusammen unternehmen...
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Ein Artikel von www.glaube.de
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Genehmigung der Autoren bzw. Glaube.de.
Textbearbeitung: D. Bauer / Redaktion Glaube.de
Foto: sxc.hu
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Autorin: Ursula Kischkel, theologische Mitarbeiterin im Wörnersberger Anker, Webseite Arnd und Ursula Kischkel www.gebetswaechter.de
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