Druckversion
23-12-03

Ursula Kischkel: Fliegen wie ein Adler (Jes.40,31)

Ist es Ihnen auch schon mal so gegangen, dass Sie sich gewünscht haben, wie ein Vogel fliegen zu können? Vielleicht wie eine Möwe am Meer, die an der Wasserkante dahingleitet...


Oder bei uns sehe ich immer wieder einen roten Milan, der mit seinen großen Flügeln langsam am Himmel seine Kreise zieht. Es sieht ganz mühelos und leicht aus, sich vom Wind in die Höhe tragen zu lassen und da oben gibt einen wunderbaren Ausblick.

Als Menschen können wir zwar nicht wie Vögel fliegen, aber in der Bibel heißt es, dass wir einige Eigenschaften der Adler übernehmen dürfen. Wir sollen in unserem Leben zu Adlern werden: Jes. 40,31: "Die auf den Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler."

Wir bekommen neue Kraft, wenn wir Gott vertrauen. Das Vertrauen ist also der Schlüssel zu den Kraftquellen Gottes! Vertrauen bedeutet nichts anderes, als sich Gott vorbehaltlos zu überlassen, mit seinen Möglichkeiten zu rechnen, mit seiner Liebe und Fürsorge, auch wenn wir Gott nicht sehen können - so ähnlich wie ein Adler sich dem Wind, den er nicht sieht, überlässt, der an den Berghängen hochsteigt. Es kostet ihn Mut, sich den steilen Berghang hinunterfallen zu lassen, aber der Adler weiß aus Erfahrung, dass ihn der Wind auffangen wird und tragen. Er kann damit höher steigen als jeder andere Vogel. Kraftvoll, aber sehr gelassen, mit einer großen Ruhe.

Der Wind bedeutet für uns der Wind des Heiligen Geistes. In der Bibel wird interessanterweise für den Heiligen Geist jeweils ein Wort verwendet, dass sowohl Wind wie auch Geist heißt (ruach im hebr. und pneuma im griech.). Und der Wind steht auch für die Verheißungen Gottes, auf die wir uns verlassen und werfen können, wie ein Adler sich in die Luft wirft.

Das bedeutet nicht, dass wir als Christen sozusagen über allen Dingen schweben und mit der realen Welt keinen Kontakt mehr haben. Sondern im Gegenteil: Wir können mitten in den Herausforderungen unseres Lebens erfahren, dass Gott da ist, dass er uns jetzt sieht und versteht und dass er zu unserem besten eingreifen wird: Wenn ich in einen Konflikt verwickelt bin, wenn ich Angst vor der Zukunft habe, wenn ich mitten im Stress bin ...

In einem Lied heißt es: "Herr, ich möchte fliegen wie ein Adler in deinem Wind, von ganzem Herzen glauben so wie ein Kind."

Darum geht es: Glauben wie ein Kind an den Vater. Es geht nicht um das Vertrauen in eine Weltanschauung, in eine Sache, sondern um das Vertrauen in eine lebendige, liebevolle Person: zu Gott, unserem Vater. Ich merke selbst, hier bin ich immer wieder gefragt: Was für eine Beziehung habe ich gerade zu meinem Vater im Himmel? Rechne ich damit, dass er mich jetzt von allen Seiten umgibt, dass er voller Liebe auf mich schaut, weil ich ihm kostbar bin? Glaube ich, dass er alle Macht hat, in dieser Welt einzugreifen, dass nichts seinen Händen entgleitet?

Der Grund, warum ich Gott als meinen Vater vertraue, auch wenn ich manches in dieser Welt nicht verstehen kann, ist Jesus. Denn er hat uns das Angesicht Gottes offenbart. An Jesus können wir erkennen, wie Gott ist. Jesus hat mal gesagt: Wer mich sieht, sieht den Vater. An Jesus sehen wir das Wesen des Vaters. Ich werde diesen Vater immer mehr erleben, je mehr ich mich auf ihn einlasse, mich sozusagen als Kind in seine Arme werfe. Auch wenn ich Gott nicht sehen und beweisen kann, kann ich zu ihm sagen: Vater, ich will dir vertrauen. Dir gehört mein Leben. Ich werfe mich in deine Arme.

Meine Erfahrung ist: Mein Vater im Himmel fängt mich wirklich auf. Er ist da und lässt mich nicht im Stich.

Es gibt dazu eine nette Geschichte, die das illustriert: Ein fünfjähriges Mädchen sitzt in einem Doppelstockbus in London. Nach und nach steigen die Leute aus und schließlich sitzt das Mädchen ganz allein im unteren Stock des Busses. Da dreht sich der Busfahrer um und fragt sie: "Wo willst du den hin?" Das Mädchen zögert etwas und sagt dann: "Ich will nach Hause".

"Aber an welcher Bushaltestelle willst du dann aussteigen?"

Das Mädchen schaut den Busfahrer ratlos an, aber plötzlich hellt sich ihr Gesicht auf und sie sagt: "Ich weiß es nicht, aber mein Vater weiß es. Er ist da oben." Und sie deutet mit ihrem Finger an die Decke. An der nächsten Haltestelle kommt wirklich ein Mann aus dem oberen Stock herunter und sagt: "Komm, Rosi, wir müssen hier aussteigen!"

Diese Geschichte hat der Vater von Corrie ten Boom als Predigtbeispiel erzählt. Das ist keine nur gefühlvolle Geschichte, sondern er hat gezeigt, dass man in diesem felsenfesten Vertrauen auf Gott auch in den schwierigsten Situationen leben kann. Sie kennen vermutlich die Lebensgeschichte von Corrie ten Boom und ihrer Familie. Ihr Vater versteckte während des Dritten Reiches in Holland Juden in seiner Wohnung, schließlich wurde er entdeckt und verhaftet und starb im Gefängnis - aber bis zuletzt in einem grenzenlosen Vertrauen zu Gott, seinem Vater. "Ich weiß es nicht, aber mein Vater weiß es."

Wie bekommen wir so eine innere Stärke, wie wir sie z.B. bei ihm sehen können?

Zurück zum Adler: Er muss das Fliegen auch erst lernen. Wenn die Adler-Eltern ein Junges bekommen, bereiten sie ihm erst ein weiches Nest: mit Federn, Moos usw. ausgepolstert. Sie sind liebevolle, aber keine sentimentale Eltern. Wen die Jungen etwas älter werden und anfangen, frech zu werden, nehmen die Eltern Stück um Stück von dem weichen Poster heraus, bis die Jungen nur noch auf ein paar harten Stöcken sitzen. Schließlich schubsen sie sie aus dem Nest, das weit oben auf einem Felsen gebaut ist, damit sie das Fliegen lernen. Man kann das Fliegen eben nicht anders lernen als durch Fliegen. Das ist eine Mutprobe, sich in die Luft zu werden. Wenn die Adlerjungen das Fliegen noch nicht ganz schaffen und drohen, abzustürzen, dann fangen die Eltern es wieder auf, von zwar von unten mit ihren Flügeln.

So ähnlich bringt uns auch Gott das Fliegen, d.h. das Vertrauen bei. Im warmen Nest geht das Fliegen nicht. Wir brauchen Situationen, die uns zum Vertrauen herausfordern. Solche Vertrauensproben bleiben einem oft gut im Gedächtnis: eine schwierige Prüfung in der Ausbildung, von der einiges abhängt, eine langwierige Suche nach einem Arbeitsplatz, eine Beziehungskrise, eine neue, herausfordernde Aufgabe, bei der wir nicht wissen, ob wir ihr gewachsen sind, Durststrecken, Geduldsproben...

Ich glaube, keiner von uns mag solche Krisen, sie sind nicht sehr angenehm und gemütlich. Aber oft ist es so, dass uns solche Krisen herausfordern, jetzt unser ganzes Vertrauen auf Gott zu werfen. Gott möchte uns das Fliegen beibringen, dass wir uns ganz auf ihn verlassen. Und er gebraucht dazu auch manche Schwierigkeiten, in denen wir nicht mehr auf die eigene Kraft setzen können, nicht mehr alles im Griff haben, sondern uns voll auf Gott werfen.

Das heißt nicht, dass wir alle Nöte damit erklären, dass Gott uns darin Vertrauen beibringen möchte. Gott möchte nicht unser Leid, sondern er will uns Gutes tun! Aber er bringt uns manchmal an Grenzen, bei denen wir sozusagen nicht mehr "zu Fuß gehen" können, sondern "fliegen" müssen.

Das Fliegen, d.h. vertrauen, gelingt nicht immer beim ersten Versuch. Aber Gott hat viel Geduld mit uns, er fängt uns auf, so wie es die Adlereltern bei ihren Jungen tun, wenn sie die ersten Flugversuche starten.

Einmal war ich in einer bestimmten Situation von mir selbst enttäuscht, dass mir das Vertrauen in Gott so schwer fällt. Dann bin ich bei einer Wanderung am Bodensee einem Gleitschirmflieger begegnet. Wir haben ihm eine ganze Weile zugeschaut, wie er seinen Abflug probiert hat. Leider ging das immer wieder schief und er musste mühevoll die unzähligen Fäden, an denen der Gleitschirm hängt, aus dem Gebüsch ziehen. Erst nach dem 4. Versuch klappte es endlich und der schwebte den Hang hinunter. Ich habe seine Ausdauer bewundert, es immer wieder neu zu versuchen. Und ich hatte den Eindruck, dass Gott dadurch zu mir sagte: Gib nicht auf! Lass dich nicht frustrieren, sondern wage es aufs Neue!

Wie können wir also zu einem Adler im Glauben werden?

1. Es ist eine Entscheidung zum Vertrauen - jetzt in dieser Situation, in der ich mich gerade befinde. Es ist kein Gefühl, was mal mehr oder weniger da ist, es ist eine Frage des Willens: Ich entscheide mich dazu, Gott zu vertrauen. Ich entscheide mich, seiner Liebe zu mir zu vertrauen, seine Zusagen zu vertrauen. Ich weiß selbst, dass das manchmal nicht ohne ein inneres Ringen vorher geht. Nicht den Stimmen der Angst und des Zweifels nachgeben, sondern bewusst auf Gott und seine Verheißungen schauen. Man kann so eine Entscheidung zum Vertrauen sogar aufschreiben, als schriftliches Gebet.

2. Vertrauen und glauben können wir nicht aus eigener Kraft. Es ist nicht unsere Leistung. Das hört sich jetzt fast wie ein Widerspruch zum ersten an, aber ich denke, beides ist wahr: Gott möchte unseren eigenen Entschluss, er will, dass wir uns aus freien Stücken ihm zuwenden. Aber er selbst hilft uns dabei und schenkt uns das Vertrauen. Es ist Jesus, der durch seinen Geist in uns lebt, der unseren Glauben bewirkt. Jesus hat selbst in dem völligen Vertrauen auf Gott gelebt. Er hat die Abhängigkeit vom Vater und damit das "Adler-Dasein" im Glauben vollkommen gelebt. Deshalb ist es auch Jesus, der uns die Kraft gibt, wie ein Adler unsere Flügel zu heben und uns vom Wind Gottes tragen zu lassen.

Der Weg zum Adler-Dasein heißt deshalb: mich von Jesus leiten lassen, ihn in mir regieren lassen: meine Gedanken, Gefühle, mein Wollen, meine Ziele. Ich kann Jesus im Gebet dazu einladen, in mir zu leben und mich in allen Bereichen von seinem Geist regieren zu lassen. "Jesus, bitte übernimm du die Leitung in meinem Leben! Bitte bestimme du meine Gedanken und Gefühle. Ich unterstelle mich deiner guten Herrschaft."

Ich habe oft erlebt, wie dann ein Vertrauen in mir gewachsen ist, das nicht von mir selbst kam.

Gott sagt uns zu: "Die auf ihn vertrauen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler." Das ist kein Wunschtraum, sondern wir können es erleben - egal, wo wir gerade stehen. Jesus selbst möchte es uns schenken, wenn wir ihn darum bitten.

Zeit zum Nachdenken und stilles Gebet:

In welcher Situation möchte ich wie ein "Adler" reagieren und mich entscheiden, Gott und seinen Zusagen zu vertrauen?

Jesus um seine Hilfe bitten, ihm die Leitung in meinem Leben übergeben.


Quelle: Ursula Kischkel, Wörnersberger Anker ***********************************************************
Ein Artikel von www.glaube.de
Veröffentlichungen im Internet oder in Print bedürfen der vorherigen
Genehmigung der Autoren bzw. Glaube.de.
Textbearbeitung: Susanne Dwehus / Redaktionsmitarbeiterin ***********************************************************
Eingereicht vom Herausgeber der Autorin: Dr. Arnd Kischkel
Autorin: Ursula Kischkel
Ursula Kischkel ist theologische Mitarbeiterin im Wörnesberger Anker
www.ankernetz.de
Foto: www.gebetswaechter.de
***********************************************************

Nach oben



Name:
E-Mail:
[15:06:27] [CoCo new media] Martin Bauer: